Zeitung Heute : Goethes Beispiel folgen

Barbara Bierach

Hach, was war das früher schön! Wer auf sich hielt, fuhr zur Kur. Dort wurde spaziert, parliert und Heilwasser appliziert – immer auf der Suche nach einer romantischen Verwicklung. Goethe hat dem schönen Prinzip des Kurschattens in der „Marienbader Elegie“ ein Denkmal gesetzt. Und dem verjüngenden Effekt einer Kur gleich mit: Als er seine Ulrike von Levetzow 1823 lieben lernte, zählte er 74 Jahre – sie soll süße 17 gewesen sein.

Goethe musste seinen Kuraufenthalt noch selbst bezahlen. Im Wirtschaftswunderland entstand jedoch die Idee, dass diese Wohltat nicht nur den gehobenen Ständen vorbehalten sein sollte. Die Anwendungen wurden Allgemeingut und die Kosten dafür über die Krankenkassen sozialisiert. Das war gut gemeint und dennoch der Anfang vom Ende des Bäderwesens, ganz im Sinne des Meisters: „Die Geister, die ich rief, werd’ ich nun nicht los!“ In den goldenen Jahren fuhr nämlich Hinz und Kunz zur Kur und die Krankenkassen ächzten. Es folgte die Sparwelle und wer sich heute noch in ein Bad traut, muss sich schon fast für seine Frivolität entschuldigen.

Nicht nur bei Frau Ministerin Ulla Schmidt, sondern vor allem im Büro. Noch Ende der 90er Jahre sorgten schon simple Erkältungskrankheiten für bis zu 20 Fehltage pro Arbeitnehmer und Jahr. Doch dann kam die Krise und plötzlich meinen – Studien zufolge – 33 Prozent der männlichen und 27 Prozent der weiblichen Angestellten, dass sich ihre Kollegen viel zu schnell krankschreiben lassen. Das glauben die Leute natürlich nicht wirklich. Sie haben nur den Eindruck, dass man sich heute noch mit einer dicken Grippe ins Büro zu schleppen hat, wenn man seinem Chef nicht durch Fehltage die eigene Überflüssigkeit beweisen will.

Inzwischen sind die Krankenstände auf dem historischen Tiefststand. Wer es in dieser Stimmung wagt, sich zur Kur abzumelden, muss – zumindest in den Augen seiner Kollegen – stündlich mit Kündigung rechnen. Vor diesem Hintergrund lassen sich die schönsten Charakterstudien treiben. Herr Maier ist zwar schon ganz grau im Gesicht, tritt aber die Kur, zu der sein Arzt ihn nötigt, nicht an, weil er glaubt, das wäre so was ähnliches wie Frühpension. Schmitt seinerseits fürchtet den Karriereknick. Bloß Müller, der ganz allgemein durch Faulheit glänzt, fährt nach Bad Salzuflen. Wenn Müller dann rausfliegt – übrigens wegen Unfähigkeit, nicht wegen Kur – denken sich alle: Siehste, ich hab’s ja geahnt.

Und der Chef? Dass unser Wort „Kur“ vom lateinischen „Cura“ abstammt – was „Sorge“ bedeutet – hat der dank Lean Management getrost vergessen. Was also tun? Entweder selbstbewusst zur Kur gehen – dann werden die schon merken, was alles liegen bleibt, wenn unsereins nicht am Platze ist. Oder es machen wie Goethe: Den Urlaub zum Kuren nutzen und selber zahlen. Am besten ist natürlich, sich im Büro gerade nur so stark zu verausgaben, dass die Kur erst gar nicht nötig wird. Soll der Chef doch sehen, wo er bleibt.

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