Zeitung Heute : Götter betören, Gefühle verstören

Über die Liebe in der Kunst – Der Direktor der Berliner Gemäldegalerie widmet sich dem diesjährigen Thema der Ars-Nobilis-Sonderschau

Bernd Wolfgang Lindemann
Der Schalk: Caravaggios „Amor als Sieger“ aus der Berliner Gemäldegalerie. Foto: SMB
Der Schalk: Caravaggios „Amor als Sieger“ aus der Berliner Gemäldegalerie. Foto: SMB

Weitgefasst ist der Begriff und ins Uferlose abzuschweifen besteht akute Gefahr. Worüber ließe sich nicht alles schreiben: Über berühmte Paare mit ihren oft tragischen Amouren, über einseitiges, unerfülltes Liebeswerben, schließlich über den aggressiven Aspekt des erotischen Begehrens.

Selbstverständlich war dem Mittelalter die Liebe ebenso text- wie bildwürdig: Vom Minnesang weiß jeder; weniger bekannt sind die aus dem 15. Jahrhundert stammenden, kostbar illuminierten Handschriften des Rosenromans oder des Buches vom liebentbrannten Herzen, in denen in zum Teil allegorischer Form die Macht der Liebe und die Sehnsucht nach ihrer Erfüllung behandelt werden. In der Buchmalerei ist insgesamt vieles vorgebildet, was erst mit Verzögerung Einzug in die Tafelmalerei nehmen sollte – übrigens finden dort auch die Nachtseiten der Erotik, wie wir sie später auf Hieronymus Boschs Kompositionen finden, bereits als Drôlerien Verwendung.

Ein Werk der monumentalen Kunst des hohen Mittelalters, aufbewahrt in der Skulpturensammlung des Bode-Museums, sei hier erwähnt, zeigt es doch in besonders inniger Form jene Vorstellung der Liebe, die den Christenmenschen neben der Passion des Erlösers in seiner Heilsgewissheit bestärkt. Im frühen 14. Jahrhundert entstehen geschnitzte Gruppen, die Johannes, den Lieblingsjünger Jesu, an der Brust des Messias schlummernd zeigen. Die Darstellung ist aus dem Zusammenhang des Abendmahls isoliert; sie vermag durch den Verzicht auf alles Narrative die Andacht des frommen Betrachters zu steigern. Kein Zufall, dass solche Darstellungen in Frauenklöstern verbreitet waren, insbesondere in Südwestdeutschland und der Schweiz.

Der Einzug der profanen Überlieferung in die Tafelmalerei ist, wenig verwunderlich, im Zuge der Renaissance zu beobachten. Die tragische, weil verbotene und tödlich endende Liebe von Pyramus und Thisbe, überliefert durch Ovid, wurde von Hans Baldung Grien und anderen Malern im frühen 16. Jahrhundert aufgegriffen: Im meist nächtlichen Dunkel steht Thisbe an der Leiche des Pyramus, der sich, im Irrtum befangen, seine Geliebte sei von einer Löwin gerissen, das Leben genommen hat. Gleich wird sie sich aus Kummer in das Schwert stürzen.

Glücklicher, wenn auch erst nach schwersten Prüfungen, endet die Liebe von Amor und Psyche. Pompeo Girolamo Batonis Bild, von Friedrich II. direkt beim Maler erworben, zeigt den Liebesgott Amor, der auf Geheiß seiner Mutter Psyche den Ring ansteckt. Hymen, der Hochzeitsgott, weist mit der Fackel in die Richtung des Brautlagers. Schauplatz ist prächtigste Architektur nach dem Muster römischer Paläste oder Landhäuser. Batoni gehörte zu den erfolgreichsten Künstlern seiner Epoche. Das Bild zeigt, dass er auch als Maler von Historien bedeutend war: Im Rückgriff auf Nicolas Poussin und, darüber hinaus, die Kunst des großen Raffael reformierte er die Malerei im neoklassizistischen Sinn. Friedrich der Große hatte vergeblich versucht, ihn nach Potsdam zu locken und zu seinem Hofmaler zu machen.

Die Götter der Antike kennen bekanntlich menschliche Leidenschaften – und der größte unter ihnen war auch als Liebhaber Jupiter. List auf List ersann er, um die von ihm begehrten Schönen zu verführen; er erschien bei Bedarf als Wolke, Goldregen oder als Schwan. Ein Bild von Correggio in der Berliner Gemäldegalerie zeigt, wie er in dieser Gestalt die schöne Leda um den Verstand brachte.

Venus, die Göttin der Schönheit und der Liebe, begegnet auf zahllosen Gemälden seit der Renaissance: in heiter gestimmter Landschaft, um anzuzeigen, dass aus der Zähmung des Kriegsgottes durch die Macht der Liebe, Harmonie und Fruchtbarkeit der Natur sich ergeben.

Der Liebesgott Amor ist ganz allein der Held auf Caravaggios Gemälde der Berliner Gemäldegalerie. Dicht an den Betrachter gerückt posiert der Gott der irdischen Liebe über einem Arrangement von Gegenständen, die für unterschiedliche Fertigkeiten, Künste und Wissenschaften stehen. In lauernder Sinnlichkeit, mit einem Lächeln auf den Lippen, sucht der jugendlich dargestellte Gott Kontakt mit dem Betrachter, bietet er sein Geschlecht dessen Blick dar. Die zu seinen Füßen ausgestreuten Gegenstände beziehen sich auf die „freien Künste“, auf literarischen Ruhm, auf die Kriegskunst. Zeigt, wie oft vermutet, das Gemälde den Triumph der Liebe, und zwar der fleischlichen Liebe, über die Künste? Oder darf diese Deutung in ihr Gegenteil verkehrt werden und die Darstellung als Imprese auf den Auftraggeber Vincenzio Giustiniani und dessen virtù gelesen werden? Wie auch immer: Es hat den Anschein, als diene ein Sternenglobus dem Liebesgott als Sitz. Eine Kugel, zwar nicht als Sitz- sondern als Standfläche, ist traditionell das Attribut der Fortuna, um zu veranschaulichen, wie wankelmütig und unzuverlässig das Glück ist. Es ist absolut wahrscheinlich, dass Caravaggio für seinen Amor dieses Element bewusst entlehnte, um anzuspielen auf die ebenso große Unsicherheit der irdischen Liebe.

Carl Huths „Italienische Amorettenverkäuferin“ von 1858 steht in einer Bildtradition, die sich bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Angeregt wurde sie ursprünglich durch ein thematisch verwandtes Wandbild, das bei den Ausgrabungen von Pompeji ans Licht gekommen war; in ihm kommen tatsächlich kleine lebendige Liebesgötter zum Verkauf. Das Bildmotiv erhielt neue Nahrung durch jene im 19. Jahrhundert entdeckten kleinformatigen antiken Tonplastiken, die nach ihrem Hauptfundort Tanagrafiguren genannt werden. So groß wurde deren Popularität, dass sich heute in den meisten Museen beinahe mehr Nachahmungen des 19. Jahrhunderts als tatsächlich aus dem Altertum stammende Originale befinden. Wirkliche Liebesgötter stehen nun nicht länger im Angebot der Amorettenhändler, sondern kleine Kunstwerke, Unterpfande der Liebe, wenn nicht gar Fetische.

Huth folgt zudem einer weiteren Mode seiner Zeit, wenn er seine Amorettenverkäuferin in ein Kostüm steckt, wie es in der italienischen Campagna getragen wurde. Unentschieden bleibt, aus welchem Material die Liebesgötter sind, die uns hier feilgeboten werden: Marmor? Helle Terracotta? Wohl nicht zufällig erinnern sie ein wenig an Porzellan – dem Berliner Carl Huth standen die kleinfigurigen Produkte der Königlich Preußischen Manufaktur sicher deutlich genug vor Augen.

Hier sei ein Schlusspunkt gesetzt – obwohl gerade dieses Bild zeigt, dass das Thema der Liebe in der Kunst sich noch lange nicht verflüchtigt. Es im Gegenteil erstaunlich, in welch hohem Maß Liebe und Erotik gerade auch in viktorianischen Tagen die Phantasie der Maler (und der Betrachter!) beflügelte. Zögen wir die Linie jedoch noch weiter in das 21. Jahrhundert, so müssten wir freilich bald sehen, dass wir, auf der Suche nach Bildern der Liebe, uns im Kino besser verabredeten als im Museum …

Der Autor ist Direktor der Berliner Gemäldegalerie, der Skulpturensammlung und des Museums für Byzantinische Kunst

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