Zeitung Heute : Götter, Gringos und Grashüpfer - Ein Besuch in einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos

Stefanie Bisping

Geröstete Grashüpfer, fest verschnürte lebende Truthähne, Bohnen in unterschiedlichsten Farben, Limonen, gebratene Enchiladas, ziemlich toter Fisch, quiekende Ferkel oder auch Schuhsohlen - auf dem Markt von Ocotlán de Morelos bleibt kein Wunsch offen. Gerüche wabern süß, würzig oder leicht überfällig durch die Halle.

In den Gängen herrscht dichtes Gedränge: Frauen balancieren Körbe auf dem Kopf und Kinder auf den Hüften, Männer stehen im Weg. "Der Markt ist der einzige Ort, an dem Sie sich vorsehen müssen", hatte Juan, der mehrsprachige Oaxaqueno, gewarnt. Und so quetschen sich seine Gringos mit ängstlich an die Brust gepressten Rucksäcken durch die Reihen. Bilanz nach 20 Minuten: gekaufte Grashüpfer - 200 Gramm; handbemalte Lesezeichen - vier; Sombreros - einer; aufgeschlitzte Taschen - zwei. Trotzdem fehlt nichts.

In Oaxaca, neben Chiapas einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos, prallen Welten aufeinander, wenn die Touristen auftauchen. 16 Indianerstämme leben in Oaxaca. Zahlenstärkste Gruppen sind Zapoteken und Mixteken, Nachkommen der im 16. Jahrhundert von den spanischen Eroberern versklavten Einwohner. Einen Teil ihrer Kultur konnten sie verteidigen. Die Zapoteken pflegen so noch immer ihre neun Sprachen mit 56 Dialekten. Dass Touristen ihren Alltag beobachten und abfotografieren, muss ihnen erneut irgendwie spanisch vorkommen.

Weil Mexiko in Oaxaca-Stadt besonders farbenprächtig leuchtet und Hunderte präkolumbischer Bauten von Mixteken und Zapoteken mit ihren Schätzen eindrucksvolle Anregungen geben, fühlen sich auch Künstler hierher gezogen. Vor allem Amerikaner sind an den Kolonialhäusern rund um den Zócalo, den Hauptplatz Oaxacas, interessiert. Ins Gewirr indianischer Sprachen mischen sich hier auffällig viele nordamerikanische Akzente. Obwohl oder weil Mexiko sich als totale Verkehrung gibt von allem, was recht ist, fühlen sich die Gringos angezogen vom anarchischen Alltag des so fremden Nachbarlandes. Von schmiedeeisernen Balkons lächeln Skelette aus Pappmachée. Paraden, Umzüge und kleinere Demos gehören zum Alltag wie der Gesang der Mariachi. Begleitet werden sie von schrägen Blechbläsern, geschmückt durch Drachen oder Todessymbole. Mit dem Tod wird in einer Weise kokettiert, die tabugewöhnten Nordamerikanern und Europäern Schauer über den Rücken jagt. Nicht, dass man hier nicht recht lebensfroh wäre. Alle Hauswände sind grellbunt bemalt. Im Mezcal, Oaxacas hochprozentiger Spezialität, schwimmt ein toter Wurm. Runter geht er in Begleitung von Limonensaft, Salz und pulverisierten Agavenmaden. Das ist gesund. Viva.

Oaxaca gibt mit seinem kolonialen Charme indianischer Färbung dem verwirrenden Kaleidoskop noch eine weitere Drehung. Alle Epochen haben hier Spuren hinterlassen. Die präkolumbischen Ruinen, von denen der größte Teil noch nicht untersucht ist, sind allgegenwärtig. Monte Albán, der Weiße Berg, ist eines der wichtigsten Relikte der alten Hochkulturen. Hier wurden auf dem "Gebäude der Tänzer" die ältesten Schriftzeichen Mittelamerikas entdeckt.

Vor 2500 Jahren trugen Menschen in Handarbeit die Kuppe des Berges ab, auf dem die Zapoteken ihre bedeutendste Kultstätte errichteten. Ohne Lasttiere schleppten sie Gesteinsbrocken und jeden Tropfen Wasser in Krügen auf das Plateau, wo sie Pyramiden, Tempel und Paläste bauten, die sie in strahlenden Farben bemalten. Vermutlich war die Standortwahl kein Zufall: Die Koordinaten der Gebäude folgen einem astronomischen Plan, der auf ihrem 365 Tage umfassenden religiösen Jahr basiert.

Obwohl die Anlage bei dem jüngsten größeren Erdbeben am 30. September vorigen Jahres 45 Sekunden lang gehörig wackelte und nun hier und da abgestützt werden muss, sind die Gebäude so gut erhalten, dass man sich im gleißenden Gegenlicht fast vorstellen kann, in der Ferne einige zapotekische Priester zu erkennen. Sie streben dem Ballspielplatz zu. Der diente nicht der Freizeitgestaltung, sondern der Pflege religiöser Bräuche. Die Spieler mussten nur mit Hüfte, Knie oder Schulter den Gummiball durch einen Steinring werfen. Beifall war dem Sieger sicher, der aber nicht viel Zeit hatte, sich daran zu freuen. Rasch wurde er zu seinem Schöpfer geschickt. Weil die Zapoteken nämlich anscheinend nichts so sehr fürchteten wie den Verlust des Lichts. Durch das Opfer konnten sie sicher sein, dass die Götter die abends von den Monstern der Erde verschlungene Sonne wieder freigaben.

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