Zeitung Heute : Gold für das Internet: Ein olympisches Medium

Claudia Wessling

Das Internet hat sich als olympisches Medium bewährt, das zeichnet sich schon vor dem Ende der Spiele ab. Dagegen zieht das Fernsehen bislang eine eher enttäuschende Bilanz: In Deutschland erreichten Big Brother und Co bessere Quoten als die Olympia-Zusammenfassungen von ARD und ZDF; in den USA schalteten beim Sender NBC bis zu 36 Prozent weniger Zuschauer ein als bei den letzten olympischen Spielen in Atlanta. Grund für das vergleichsweise geringe Interesse an den Fernsehübertragungen ist sicher die Zeitverschiebung: bei 15 bis 18 Stunden (USA) bzw. 9 Stunden (Deutschland) fanden die attraktivsten Wettbewerbe entweder mitten in der Nacht oder am frühen Morgen statt.

Für das Internet erwies es sich als Vorteil, dass die Spiele am anderen Ende der Welt stattfinden. Viele Sportfans holen sich die aktuellen Ergebnisse aus dem Netz. Schon in den ersten sechs Tagen meldete die offizielle Olympia-Site www.olympics.com 1,9 Milliarden Seitenabrufe. Um den Preis für das meistbesuchte Angebot im Netz konkurriert olympics.com mit den Webseiten von NBC und dem Sportportal von yahoo.com. Im Durchschnitt, ermittelte die Internet-Agentur Nielsen Netratings, werden die Seiten 13 Minuten aufgerufen.

"Ich stehe in aller Frühe auf, hole mir die aktuellen Ergebnisse der letzten Nacht, dann sehe ich mir nur die Höhepunkte der NBC-Übertragung auf Video an." Was ein amerikanischer User in der Netzzeitschrift "Wired" erzählt, gilt auch hierzulande: "Besonders in den Morgenstunden gehen die Pageviews in die Höhe", erzählt Thomas Medau von Sport 1. Für den - nach eigener Auskunft - mit 70 Prozent Marktanteil größten deutschsprachigen Sportanbieter im Netz hat sich Sydney anscheinend gelohnt. "Vorher lagen unsere Besucherzahlen knapp unter einer Million täglich, während der Olympiade erreichten wir in Spitzenzeiten knapp 1,4 Millionen Seitenabrufe", sagt Thomas Medau. In ähnlichen Regionen bewegen sich auch die täglichen Abrufe der Seiten anderer Anbieter wie eurosport.de oder ard-sydney2000.de. "Wir haben bis zu 25 Prozent mehr Zugriffe auf unsere Seiten zu verzeichnen", schätzt auch Heiko Schwarz von sport.de. Erst nach Ende der Spiele sind jedoch genaue Zahlen zu erwarten, wie oft und wie lange die Surfer die Olympia-Seiten der einzelnen Portale besucht haben.

Auch das ZDF freut sich über die Resonanz auf sein Web-Angebot zu Olympia. Neben den aktuellen Tickermeldungen im News-Bereich sei vor allem das Unterhaltungsangebot mit dem interaktiven Spiel netolympix gut angekommen, sagte Max Johns vom Bereich Infodienste bei ZDF Online. "Das Internetangebot hat das Fernsehprogramm gut ergänzt", betonte Johns. Die ARD hat für ihre Olympia-Site schon eine Auszeichnung im Netz erhalten: die Net-Zeitschrift politik-digital.de vergab gleich eine Goldmedaille für das übersichtliche Layout, die Athletenporträts und die Vorstellung des ARD-Teams. Die Silbermedaille vergibt politik-digital an blind-olympics.de, wo Blinde und Sehbehinderte über eine spezielle Sprachausgabe Olympia-News hören können. Newsticker, Diskussionsforen und Spiele waren, so das Fazit der Anbieter, die beliebtesten Angebote. "Goldmedaillen interessierten am meisten", beschreibt Max Johns die Surfer beim ZDF. Auch die mäßigen Resultate der deutschen Mannschaft konnten anscheinend die Informationswut der deutschen Olympiafans nicht dämpfen. "Die Leute haben sich höchstens in den Foren aufgeregt", sagt Thomas Medau von Sport1.de. Interaktivität sei für zukünftige Auftritte sehr wichtig, vor allem der direkte Kontakt zu Athleten.

Die Internet-Politik des Olympischen Komitees war bei diesen Spielen noch sehr rigide - keine bewegten Live-Bilder waren erlaubt, Athleten durften keine Tagebücher im Netz veröffentlichen, Webcams waren bei den olympischen Veranstaltungen nicht erlaubt. Online-Videostreams und Audio-Ausstrahlungen im Netz waren verboten: Nur NBC konnte Online-Videos ins Netz senden, machte dies allerdings immer erst nach der Ausstrahlung im Fernsehen. Das IOC setzte sogar die französische Firma Datops darauf an, das Netz ununterbrochen nach unlizensierten Inhalten zu durchstöbern. "Das Verbot, Bilder zu senden, hat uns nicht wirklich getroffen, viele User können die ohnehin nicht in guter Qualität empfangen", sagt Thomas Medau. Bei den nächsten Spielen müsse jedoch eine Lösung gefunden sein. Dafür besteht Hoffnung: Im Dezember will das IOC auf der Konferenz "Sport und neue Medien" seinen Umgang mit dem Netz überdenken.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben