Zeitung Heute : Gold und Blumen

Benedikt Voigt

Am Ende ging alles ganz schnell. Am Samstag um 16 Uhr 21 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) bekannt gegeben, dass am nächsten Tag im Salt Lake Ice Center eine Medaillen-Zeremonie stattfinden würde. Am Sonntag um kurz nach 21 Uhr standen die kanadischen Eiskunstläufer Jamie Sale und David Pelletier auf einem Podest und nahmen zwei Goldmedaillen entgegen. Unter dem Jubel der 16 500 Zuschauer umarmten sie nach dem Abspielen der russischen und der kanadischen Hymne Jelena Bereschnaja und Anton Sicharulidse, die neben ihnen standen. Die Russin sagte: "Ich bin sehr froh, dass alles vorbei ist."

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen So dürften es auch das IOC und die Internationale Skating Union (ISU) sehen. Es war eine historische Zeremonie, noch nie in der Geschichte wurde während laufender Olympischer Spiele eine zweite Goldmedaille wegen eines Regelverstoßes vergeben. Ursprünglich hatten die Russen Gold vor den Kanadiern gewonnen, doch viele Experten hatten die Zweiten vorne gesehen. Später bestätigte sich der Verdacht, dass zumindest auf eine Preisrichterin Druck ausgeübt wurde. Nach einer amerikanischen Medienkampagne sprachen ISU und IOC am Freitag beiden Paaren die Goldmedaille zu. Nur musste diese auch überreicht werden. "Wir haben versucht, das Beste draus zu machen", sagte Jamie Sale, "das ist die bizarrste Sache, die je passiert ist." Sechs Tage nach der Entscheidung im Paarlaufen wurden erneut zwei Goldmedaillen vergeben. Und zwei Blumensträuße für die Russen.

Eigentlich hatte der ISU-Präsident Cinquanta die Medaillen erst nach dem letzten Eiskunstlaufwettbewerb am Donnerstag verleihen wollen. Der plötzliche Sinneswandel nährte den Verdacht, dass der Fernsehsender NBC Druck gemacht hatte, um die Verleihung am Sonntag während der Prime Time übertragen zu können. Die ISU dementierte. Wahrscheinlicher ist, dass IOC und ISU die leidige Angelegenheit schnell hinter sich bringen wollten. Die Verbände vermieden damit, dass die kommenden olympischen Tage von der Diskussion überschattet werden, wie die Zeremonie für die Kanadier ablaufen solle. Schon nach der Bekanntgabe am Freitag wurde debattiert, was eine würdige Medaillenfeier ausmache.

Mit der Medaillenübergabe nach dem Originalprogramm der Eistänzer hatte die ISU zumindest nach außen einen versöhnlichen Abschluss gefunden. Die meisten der 16 500 Zuschauer blieben in der Halle, um den sporthistorischen Moment mitzubekommen. Nebeneinander schritten die beiden Paare zum Podest, nebeneinander standen sie auf der höchsten Stufe, und nebeneinander wurden die beiden Landesfahnen aufgezogen. Nur die Hymnen konnte man nicht gleichzeitig spielen. Zuerst ertönte die russische, dann folgte die kanadische. "Das hat mir sehr viel bedeutet", sagte David Pelletier. Das kanadische Paar hatte die Silbermedaillen zurückgegeben. Die drittplatzierten Chinesen waren auch zu der Zeremonie eingeladen, erschienen aber nicht. So bejubelten die Zuschauer die beiden Paare, die eine Woche lang das Gesprächsthema bei den Olympischen Spielen gewesen waren. Anton Sicharulidse sagte: "Wir sind alle glücklich, und ich denke, auch das Publikum ist glücklich, weil es die richtige Entscheidung war."

Nicht ganz so glücklich dürfte das IOC über die Affäre sein. Schon mehren sich Stimmen, weitere umstrittene Ergebnisse bei Olympischen Spielen der Vergangenheit zu revidieren. "Wo immer Menschen sind, gibt es auch menschliche Schwächen", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge, "es gibt keine Institution, die ich kenne, die frei von menschlicher Schwäche ist." Weil die ISU aber in der Vergangenheit immer wieder von menschlichen Schwächen betroffen war, steht der Eislaufverband nun vor Reformen. "Für den Sport ist die Affäre schlecht, aber es ist auch gut, dass so etwas endlich mal ans Licht kommt", sagte der deutsche Eistänzer René Lohse. Er hatte die umstrittene Entscheidung im Paarlaufen am vergangenen Montag im Fernsehen verfolgt. "Ich war sicher, dass die Kanadier eine 6,0 kriegen müssten", sagte der Sportsoldat, "als dann die Wertungen erschienen, habe ich angefangen, an meinem Sport zu zweifeln."

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