Zeitung Heute : Gold und Sprengsätze

Ihsan G. soll ein Blutbad in Berlin geplant haben – nach den Pannen in den Hamburger Terrorprozessen steht jetzt wieder ein mutmaßlicher Al-Qaida-Mann vor Gericht

Frank Jansen

Hinter den breiten Stahlstreben sitzt ein Mann mit schwarzem Vollbart. Die Augen sind unruhig, er dreht den Kopf abrupt nach links und rechts. Das Gesicht von Ihsan G. verrät Nervosität. Im Unterschied zu anderen Islamisten auf deutschen Anklagebänken vermag es der Tunesier nicht, die Gelassenheit eines vom Glauben durchdrungenen Mannes zu demonstrieren, für den die westliche Justiz nur läppisch ist. Vielleicht beeindruckt ihn auch das Ambiente im Saal 500 des Landgerichts im Stadtteil Tiergarten. Der hohe Raum atmet noch preußische Justizherrlichkeit. Die Decke ist mit Stuck verziert, auf den holzgetäfelten Wänden prangen Kronen und verschlungene Buchstaben. Richter und Ankläger sitzen auf einer Empore, deutlich höher als in modernen Gerichtssälen. Da ist ein Angeklagter klein, erst recht, wenn er in einem Panzerglaskasten sitzt. Aber die Vorwürfe sind monströs: Dieser Mann soll zu Beginn des Irakkrieges ein Blutbad geplant haben. Womöglich in Berlin.

Der sechste deutsche Prozess gegen einen Angeklagten, der zur Internationale des islamistischen Terrors zählen soll, beginnt allerdings im Kontrast zur architektonischen Wucht und erst recht zur Schwere der Vorwürfe eher kurios. Schon nach etwas mehr als einer Stunde beendet der Vorsitzende Richter des 1. Strafsenats des Berliner Kammergerichts, Frank-Michael Libera, den Verhandlungstag. Und der für den heutigen Mittwoch angesetzte Termin entfällt. Denn in den Akten der Verteidiger und des Strafsenats, der eigens für den Prozess ins besser gesicherte Landgericht umgezogen ist, fehlt ein Bericht des Landeskriminalamts Berlin. Ist das der Auftakt zu einer weiteren Pleite, nach den peinlichen Hamburger Verfahren gegen die Terrorverdächtigen Mounir al Motassadeq (Urteil aufgehoben) und Abdelghani Mzoudi (Freispruch)?

Die Bundesanwaltschaft hält den 33-jährigen Ihsan G. für einen besonders gefährlichen Al-Qaida-Kämpfer. „Er wollte mit seiner Gruppe anlässlich einer Demonstration zum Beginn des Irakkrieges mehrere Sprengsätze an derzeit noch unbekannten Orten zünden“, trägt Staatsanwältin Silke Ritzert aus der Anklage vor. Und: „Durch die Tötung oder Verletzung einer Vielzahl von Menschen sollte die westliche Welt gedemütigt und hierdurch die muslimische Welt und ihre Wertvorstellungen verteidigt werden.“

Ihsan G. sei von Juli 2001 bis November 2002 in Afghanistan gewesen und habe Osama bin Laden kennen gelernt, sagt Ritzert. Der Angeklagte habe nicht nur eine „Ausbildung in Kleinkriegführung sowie in der Herstellung und Handhabung von Sprengstoff und Waffen“ durchlaufen, sondern sei danach selbst als Ausbilder für Al Qaida tätig gewesen. Ihsan G. liest konzentriert mit. Der neben ihm sitzende Dolmetscher muss nicht übersetzen.

Dass der Tunesier so gut Deutsch versteht, ist ein weiterer Hinweis auf einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Ihsan G. wuchs als Sohn eines Imams in Monastir auf und studierte in Marokko „allgemeine Mechanik“. 1996 kam er in die Bundesrepublik und wohnte mit seiner deutschen Frau im brandenburgischen Velten. Zwei Jahre später zog das Paar nach Berlin und bekam ein Tochter. 2003 wurde die Ehe geschieden. Möglicherweise war Ihsan G., der sich nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft seit 1996 radikalisiert haben soll, seiner Frau fremd geworden.

Im Berliner Stadtteil Charlottenburg betrieb Ihsan G. vom Sommer 2000 an einen Gold- und Silberwarenhandel. Mit diesem Geschäft begann nach Ansicht der Bundesanwaltschaft die kriminelle Karriere des Tunesiers. Ihsan G. habe Wareneinkäufe fingiert, Umsatzsteuer in Höhe von 411150 Mark hinterzogen und versucht, dem Finanzamt exakt 1275520 Mark Einkommensteuer vorzuenthalten. Wie der Angeklagte innerhalb kurzer Zeit einen derart lukrativen Handel aufziehen konnte, bleibt nebulös. Anschließend soll er Berlin verlassen haben, in Richtung Afghanistan.

Dort habe er „von einer nicht bekannten Person aus dem Al-Qaida-Netzwerk“ den Auftrag erhalten, in Deutschland Anschläge zu verüben, sagt Staatsanwältin Ritzert. Ende 2002 sei Ihsan G. mit zwei falschen Pässen des afrikanischen Kleinstaats Lesotho über Pakistan nach Südafrika gereist. Dort habe er sich Schaltpläne zum Bau von Zündauslösevorrichtungen für Sprengsätze und ein dazu geeignetes Handy verschafft. Mit einem weiteren falschen Pass sei Ihsan G. im Januar 2003 in die Bundesrepublik zurückgekehrt. In Gelsenkirchen habe er eine konspirative Wohnung gemietet, in Berlin bei Studenten und Asylbewerbern aus dem Umfeld der Neuköllner Al-Nur-Moschee für den heiligen Krieg geworben. Am Nachmittag des 20. März 2003, der Irakkrieg war gerade ein paar Stunden alt, nahm die Polizei Ihsan G. und einige seiner Bekannten fest.

Verteidigt wird der Tunesier von prominenten Juristen: Michael Rosenthal, er vertrat auch Abdelghani Mzoudi – der jüdische Anwalt und der Islamist kamen demonstrativ gut miteinander aus. Neben Rosenthal tritt jetzt Margarete Gräfin von Galen auf, Präsidentin der Berliner Anwaltskammer. Die beiden lächeln viel, sie halten die Anklage für ein dürftiges „Experiment“. Ein Teil der Vorwürfe beruhe auf Aussagen von V-Leuten, die Ihsan G. nie begegnet seien, sagt Galen. Außerdem liege bis heute keine Anklage gegen sechs weitere Beschuldigte vor. Ihsan G. sagt nichts. Nur der Blick wandert hin und her.

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