Zeitung Heute : Golden Girls

Die Nachbarn waren entsetzt. Ins Altersheim, mit 68? Sie ahnten nicht, dass sich für Edith Johnson im Hamburger Augustinum ein glamouröser Traum erfüllte.

Verena Friederike Hasel

Sie nennen es die kühle Gruft der Millionäre. Sie sagen, das Sterben dort vollziehe sich in Saus und Braus. Und während die Kapitäne der Hamburger Ausflugsschiffe so reden, lehnen sich ihre Passagiere dem roten Backsteinbau vor Övelgönne entgegen. Es ist das Augustinum Hamburg, ein Altersheim, über das man spricht, das einzige mit Klatschgazettenglanz. Früher ein Kühlhaus, bauten es die Architekten von Gerkan, Marg und Partner 1992 wieder auf, mit einer Glaskuppel wie auf dem Reichstag. 15 Jahre im voraus melden sich Menschen an, gerade sind die Schauspieler Nadja Tiller und Walter Giller eingezogen, und auf den Elbschiffen fotografieren die Touristen.

Um eins von ihnen zu sehen, müsste sich Edith Johnson nach links aus dem Fenster beugen. Direkten Elbblick hat sie in ihrer 38-Quadratmeter-Wohnung im Augustinum nicht. Dafür hat sie auf dem Fensterbrett ein Fernglas deponiert, neben der Rosenpflanze, die vier rosa Blüten trägt, wie hingetupft. Dort, wo Edith Johnson herkommt, in dem Ort, den sie nur „mein Dorf“ nennt, so als kenne den Namen ja doch keiner, hatte sie auf der Terrasse einen Rosenbusch und unzählige Blüten, ein Geschenk der Freunde aus dem Dorf. Entsetzt waren die, als Edith Johnson vor vier Jahren, mit 68, Rosenbusch und Dorf verließ und ins Augustinum zog. Um Himmels willen, ein Altersheim, sagten sie. Sie ahnten nicht, dass das Augustinum für Edith Johnson nicht dem Ende entgegensiechen bedeutete, sondern ein Leben beginnen, von dem sie träumte, seitdem sie mit 18 auf einem Schulausflug nach Hamburg „Macbeth“ im Theater gesehen hatte.

Auf der Elbe, unter Edith Johnsons Fenster, ruhen die Museumsschiffe, vorneweg eins mit dem Namen „Amazone“. Keine Gestalt mit einem typischen Frauenleben, wohl anders als das, das Edith Johnson führte. Für den Mann zog sie 1964 nach England, verlor ihn früh, kehrte mit den zwei Kindern nach Deutschland zurück, ins Dorf, wo die Eltern lebten. Unterrichtete, zog die Kinder groß, versorgte die Eltern, und nun, da die Kinder erwachsen, die Eltern gestorben sind, Edith Johnson sich nicht mehr kümmern muss – das Augustinum Hamburg. „Ein Drohnenleben“, sagt Edith Johnson und erzählt vom Vortrag über Paula Modersohn-Becker neulich und einem Bewohner, früher Schauspieler, der seine Filme im holzgetäfelten Clubraum zeigte. Das Augustinum Hamburg – 150 Bewohner, davon 50 Männer – ist eins von 21 Häusern, die das christliche Unternehmen hat. Die Klientel: Bildungsbürgertum und gehobene Schicht.

Nicht mithalten zu können war anfangs Edith Johnsons große Furcht. „Mir fehlt die geschliffene Art“, sagt sie. Hört man sie nun reden, weiß man, sie ist angekommen: „Paula, tot mit 31 Jahren, mein Gott, was ist uns da entgangen“, sagt sie, das Telefon klingelt, „Nele-Maus!“, ruft Edith Johnson in den Hörer. Ihre Freundin Nele Brocks und sie verabreden sich für Museum, Café und Bummel, wie jeden Donnerstag. „Da machen wir die Stadt unsicher“, sagt Edith Johnson, und in diesem Moment ist die 18-Jährige, die sie einmal war, sehr nah – auf Klassenreise in Hamburg, weit weg von ihrem Dorf.

Natürlich, sie hänge an den Freunden zu Hause, sagt Edith Johnson. Doch vor kurzem hätten Bank und Post dort dichtgemacht. „Mein Dorf stirbt.“ Dass Edith Johnson sich fürs Leben entschied, hier im Augustinum, dafür verkaufte sie das Haus, in dem sie aufwuchs, und gab das Klavier fort, zog von 100 Quadratmetern in eine Wohnung mit einer Spüle, so klein, dass kaum ein Teller hineinpasst. 2100 Euro zahlt Edith Johnson monatlich für Miete und Mittagessen. Braucht sie eines Tages Pflege, kostet das extra. Edith Johnson muss achten aufs Geld: Die Wochenzeitung hat sie nicht selbst abonniert, die wirft ihr ein Bewohner in den Briefkasten, wenn er sie ausgelesen hat. Er weiß, dass Edith Johnson die Rätsel besonders liebt, und so notiert er die Lösungen mit Bleistift und radiert sie aus. Ihr Klavier vermisst Edith Johnson noch immer. Sie überlegt, sich eine Mundharmonika zu kaufen.

Vor kurzem gaben „Mystery Guests“ – ein Paar, das anonym Einrichtungen der Augustinum-Art testet – dem Haus 91 von 100 Punkten. Unter 85 Punkten, sagt Christian Bendrath, wäre es ungemütlich für ihn geworden. Bendrath leitet das Haus, „kein Altersheim, nein“, sagt er, „eine Seniorenresidenz“. Auch er hat hier eine Art zweites Leben, von Hause aus Pfarrer, befasst er sich jetzt mit Bilanzen. „Das Augustinum Hamburg soll der eyecatcher des Unternehmens sein.“ Er zögert. „So nennt man das wohl.“ Flüssiger spricht er dann weiter von der „Kreuzfahrtatmosphäre“ im Haus.

Erwähnt man diesen Vergleich gegenüber Nele Brocks, erfährt man, wie Widersprechen auf hanseatisch geht: Den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen und zustimmen. „Wenn gemeint ist, dass wir uns kämmen und die Hände waschen, dann passt das“, sagt sie. Nele Brocks ist gebürtige Hamburgerin, Edith Johnson hat sie erst hier kennengelernt. Die beiden sind von fundamentaler Gegensätzlichkeit. Wo ihre Freundin wirbelt, ordnet Nele Brocks Gedanken und Gefühle. Während Edith Johnson in eine neue Welt aufgebrochen ist, ist Nele Brocks direkt in ihre Heimat zurückgekehrt.

Auf Nele Brocks’ Regal steht das Foto eines Mädchens, mit Korb in der Hand an einem Fluss. Nele Brocks, heute 82, war dieses Mädchen zu einer Zeit, als man in der Elbe schwimmen konnte. Jeden Morgen ließ sie sich von der Mutter zwei Badeanzüge und belegte Brote in den Korb packen, ging elbwärts und kam erst abends wieder. Eines Tages war nichts mehr da zum Zurückkehren, eine Bombe tötete Mutter, Vater und die Schwestern. Mit 17 Jahren war Nele Brocks mit einem Mal allein. Sie traf einen Mann, der ihr Zuhause wurde, und als der Krebs kam, pflegte sie ihn bis zu seinem Tod. Dann war sie wieder allein. „Ich wollte noch mal in eine Gemeinschaft“, sagt Nele Brocks. Beim Dämmerschoppen neulich saß sie mit den anderen bis Mitternacht, am Ende rauchte sie eine mit dem Baron, die erste seit neun Jahren. Sie malt viel, in ihrer Wohnung hängt das Bild einer Frau allein im Schnee. Und sie heißt, seitdem sie hier wohnt, nicht mehr Anneliese, wie es im Pass steht, sondern Nele. „Den Namen habe ich mir immer gewünscht.“

Nele Brocks und Edith Johnson hatten noch eine dritte enge Freundin hier. Im vergangenen Jahr ist sie gestorben, gerade als Nele Brocks und sie eine Reise nach Stuttgart gebucht hatten, zur Mozartoper. Diese Freundin sammelte Schildkröten, eine kleine goldene steht nun bei Nele Brocks auf dem Tisch. Sie ist so auf einem Stein platziert, als kraxele sie gerade hoch. Das eine Bein hat sie schon drauf, das andere zieht sie nach, kurz vorm Ziel.

Dienstagmorgen im Augustinum: Englischstunde bei Edith Johnson. Dass die Bewohner ihr Wissen weitergeben, gehört zur Philosophie des Hauses. Ein Flipchart steht im Raum, dahinter ein Rollator, die zehn Damen im Raum haben weißes Haar und lederne Federmäppchen. „Hypotone Kreislaufstörung“ ist in roten Lettern auf den Schreibblock einer Frau gedruckt, die einen blau-weißen Pulli in Matrosenart trägt. Darin notiert sie sich Vokabeln, „Genealogy“ etwa, Ahnenforschung. Sie suchen nach einem anderen Wort, kommen nicht drauf, eine will es im „Oxford English Dictionary“ nachschlagen, „Just look it up on the internet“, rät ihr eine andere. Sie reden darüber, was sie tun, wenn sie trübsinnig werden, lernen das Wort „weary“, dann singen sie „The last rose of summer“, wie die irische Band, die hier auftrat. Und als sie aufstehen, langsamer als sonst in Klassen, aber mit ebenso viel Lärm, sagt Edith Johnson: „If you get to London one day, you’ll get along.“

Dass das Leben überall ist, wo die Wünsche noch nicht zur Neige gegangen sind, das ist eine der Erfahrungen an diesem Ort. Im Gegensatz zu anderen ihres Alters suchen Edith Johnson und Nele Brocks nur selten das Früher auf. Sie führen keine Damals-Reden, sie leben ganz in ihrer Gegenwart – in einem Haus, in dem es am Eingang ein Schuhputzgerät gibt, Creme, hell oder dunkel, und über den Betten eine Notfalltaste und in dessen Bibliothek unter den zuletzt ausgeliehenen Büchern sowohl „Tod auf dem Jakobsweg“ als auch „Russendisko“ sind.

Einmal sind die Hamburger Kapitäne ins Augustinum eingeladen worden. Sie sollten sehen, wie es ist, sie sollten aufhören mit ihrem Seemannsgarn. Und sie kamen und schauten, und dann fuhren sie wieder auf die Elbe hinaus und erzählten vom Sterben in Saus und Braus.

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