Golden Globe : „Ich bin zum Glück kein Hypochonder“

Er wäre gerne ein begnadeter Kricketspieler. Doch seine Leidenschaft gilt dem Blues: Hugh Laurie über Muddy Waters, Steffi Graf und die ärztlichen Tipps seines Vaters. [aus dem Archiv]

Interview: Ulf Lippitz
Hugh Laurie mit dem Golden Globe für die beste Nebenrolle in einer TV-Serie "The Night Manager" (2017).
Hugh Laurie mit dem Golden Globe für die beste Nebenrolle in einer TV-Serie "The Night Manager" (2017).Foto: dpa

Mr. Laurie, die Nachricht, dass Sie eine Platte aufgenommen haben, erreichte auf Twitter mehr Leser als die Todesmeldung von Elizabeth Taylor am selben Tag. Überrascht?

Ich fühle mich peinlich berührt, wenn ich das höre. Die Welt von Twitter ist mir ganz allgemein ein Rätsel: Ich begreife die Mentalität nicht, die dahintersteckt. Was wollen die Menschen da eigentlich loswerden, was versprechen sie sich davon? Diese Ranglisten der am häufigsten geposteten Nachrichten sind mir suspekt.

Sie sind also nicht stolz darauf?

Kein Stück. Das ist irgendwie blasphemisch, als hätte ich eine Grenze übertreten. Bestenfalls war das eine Meldung für den digitalen Mülleimer.

Immerhin haben Sie inzwischen drei Ihrer Träume verwirklicht, die Sie mit 16 hatten: Sie machen Musik, schauspielern und – auch wenn Sie nicht Medizin studiert haben wie Ihr Vater – sind der bekannteste Fernseharzt der Welt.

Das Lustige ist: Ich bin mir gar nicht ganz sicher, ob die Schauspielerei wirklich ein so großer Traum war. Ist mir eigentlich auf meine alten Tage noch ein vierter Traum gestattet?

Bitte!

Ich wäre gerne Sportler, und zwar ein begnadeter Kricketspieler, der im englischen Nationalteam spielt. Aber das wird nur ein Traum bleiben, fürchte ich.

Kricket ist ein Sport, den viele Deutsche überhaupt nicht verstehen.

Keine Sorge, viele Engländer verstehen Kricket auch nicht, aber sie schauen es sich trotzdem im Fernsehen an. Meine Frau kennt keine einzige Spielregel und verspürt auch nicht den geringsten Drang, daran etwas zu ändern.

Und Sie haben noch nie versucht, ihr das Geschehen auf dem Rasen in ein paar Sätzen zu erklären?

Das wäre vermessen! Lassen Sie mich so viel sagen: Es handelt sich um eine glorreiche Schlacht von Geist und Geschicklichkeit. Aber das gilt bestimmt für viele Sportarten. Und Sie brauchen Zeit und Geduld. Kricket ist im Prinzip wie Schach, nur mit lebenden Figuren auf einem grünen Schlachtfeld.

Wir haben gelesen, dass Sie als Teenager mit der RAF sympathisiert haben. Wie kam es dazu?

Ich hatte mal eine Anarcho-Phase. Als Teenager hat man rebellische Anwandlungen, und unzählige anarchistische Organisationen leben bestimmt bis heute von verwirrten Jugendlichen. Wahrscheinlich war ich schlicht wütend auf den ganz normalen Alltag, darauf bin ich aber nicht stolz. Diese Phase war in vielerlei Hinsicht arrogant und wohl auch hormonell bedingt … Sie gehen aber wirklich weit zurück. 35 Jahre!

Moment, zur selben Zeit waren Sie bereits begeisterter Blues-Fan. Sie haben Willie Dixon und Muddy Waters gehört – dabei war Punk ab Mitte der 70er Jahre die Musikrichtung der Stunde.

Punk hat mich einfach nicht berührt. Keine Ahnung, das kann ich nicht erklären. Wenn ich die Akkorde aus dem ursprünglichen Blues-Repertoire höre, dann lässt mich das schaudern – so wie auch Country oder Popmusik es niemals könnten. Und das mit dem Punk ist nur teilweise richtig. Damals wollte jeder Schuljunge „Blowin’ in the Wind“ auf der Gitarre spielen können, so wie Bob Dylan.

Um damit Mädchen zu beeindrucken?

Nun, das erklärt das meiste dessen, was Männer tun! Bestimmt auch das Singen von Dylan-Liedern. Bei mir hatte es leider keinen Erfolg.

Wir haben den Eindruck: Es muss Ihnen großen Spaß gemacht haben, ein Blues-Album wie dieses aufzunehmen.

Oh ja, das hat es in der Tat. Aber das Wort „Spaß“ reicht nicht aus, um das Gefühl auch nur annähernd zu beschreiben. Es war viel mehr. Okay, ich bin kein religiöser Mensch, aber die Aufnahmen erlaubten so etwas wie einen fast schon mystischen Blick auf das Leben, die Macht der Liebe und des Verlusts. Unglaublich! Gucken Sie doch nicht so, keine Sorge, wir haben auch gelacht. Aber es ging eben unter die Haut.

Sie mussten für die Aufnahmen die Dreharbeiten für „Dr. House“ unterbrechen. Das ging einfach so?

Einfach so? Nein. Ich musste regelrecht bei den Produzenten der Serie betteln gehen: Bitte, bitte gebt mir fünf Tage hier und fünf Tage dort frei!

Wie war die erste Reaktion? „Jetzt singt er auch noch?“

So ähnlich: „Äh. Gut. Müssen wir das eigentlich mitmachen?“

Sie lachen.

Ja, weil ich diese Haltung verstehe. Meine Ambitionen müssen auf viele einen lächerlichen Eindruck gemacht haben.

Sie haben sich sogar im Vorfeld öffentlich für Ihr Vorhaben entschuldigt. In der Ankündigung heißt es: „Mir ist bewusst, dass ich nicht im Alabama der 1890er Jahre auf die Welt gekommen bin. Ich habe noch nie Baumwolle gepflückt.“

Ich wollte auf eine vielleicht nicht sehr subtile Art sagen, dass niemand heute mehr Platten aufnimmt, der 1890 geboren ist. Ich kann es natürlich keinem ausreden, wenn er glaubt, dass ausschließlich Blues aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts authentisch ist. Und was wäre auch die Alternative gewesen? Okay, ich mache keine Platte, weil ich nie so klingen kann wie die alten Helden? Wem würde das helfen? Hilft das den Verkäufen eines Blues-Veteranen wie Lead Belly?

Authentizität scheint für Sie ein heikles Thema zu sein.

Eine durchaus treffende Beobachtung, ja. Es ist schon seltsam, dass wir von Musik mehr Glaubwürdigkeit erwarten als von einem Film. Wir sehen zum Beispiel, wie Russell Crowe einen Schwergewichtsboxer spielt, und wir wissen in jedem Moment, dass er das nicht wirklich ist. Er ist kein Boxer, und trotzdem gelingt es uns, diesen Gedanken für die Dauer des Films wegzuschieben. Warum ist das bei Musik anders?

Es muss seltsam für Sie sein, auf einer Bühne zu stehen und zu singen, aber nicht zu schauspielern.

Keine Ahnung, ich steuere das nicht bewusst. Irgendein Musiker hat mal gesagt, der Job eines Sängers sei es, ein Lied so zu verinnerlichen wie ein Schauspieler seine Figur. Er muss die Geschichte ähnlich erzählen. Ich arbeite auf einem weitaus grobschlächtigeren Niveau.

Wie meinen Sie das?

Ich liebe diese Musik – und will meine Hingabe einem Publikum mitteilen. So ist das. Es ist echt, es ist ehrlich.

Musik war immer Teil Ihrer Karriere. Sie spielten mit Stephen Fry in der erfolgreichen Comedy-Serie „A Bit of Fry and Laurie“. Dafür komponierten Sie auch recht alberne Lieder, unter anderem „I’m in Love with Steffi Graf“. Können Sie noch den Text?

Warten Sie, ich hab’s gleich! „She had eyes like diamonds, hair like twisted gold.“

Richtig. Und es endete mit „If I had another life, I’d choose / to come back as one of Steffi’s shoes“.

Klingt schlimm. Ich musste wahrscheinlich schnell fertig werden und suchte irgendeinen Reim. Deadline-Angst.

Erinnern Sie sich noch an den Anlass für diese Huldigung?

Es ging eigentlich um den verstörten jungen Mann, der Monica Seles während eines Spiels gegen Steffi Graf mit einem Messer angegriffen und sie schwer verletzt hatte. Er war Steffi-Graf-Fan, und ich war so geschockt von dieser kranken Liebe zu einem Prominenten, dass ich daraus ein Lied machen musste.

Eine Parodie!

Für die ich den Sänger Al Stewart nachgeahmt habe, mitsamt seiner gescheitelten Haarpracht. So war ich damals. Ich habe bloß andere nachgeäfft, von mir preisgeben wollte ich nichts.

Weil Sie Angst hatten?

Ja. Ich hab mich nicht getraut, zu zeigen, wie sehr mir die Musik wirklich am Herzen lag. Deshalb sang ich Lieder, die so grotesk waren, dass sie alles Ernsthafte verdrängten.

Und 1992 durften Sie in einem Video von Annie Lennox mitspielen: „Walking on Broken Glass“.

Mit John Malkovich zusammen, es war eine Anspielung auf seinen erfolgreichen Film „Gefährliche Liebschaften“. Ich gab den betrogenen Liebhaber.

Sie waren mit Perücke und Puder zu sehen, in der TV-Serie „Black Adder“ tragen Sie auch ähnliche Kostüme. Was sagt uns das über einen ehemaligen Eton-Schüler?

Dass ich eben nicht nur eine RAF-, sondern auch eine Perücken-Phase hatte. Aber ich habe das Gefühl, sie ist inzwischen vorbei.

Nicht dass Sie das müssten, aber schämen Sie sich, wenn Sie sich im Annie-Lennox-Video sehen?

Ich mag den Song, aber ich setze mich ja jetzt nicht hin und schaue mir das Video noch mal an. Allerdings hatte ich jahrelang das Intro im Kopf, das Lied beginnt mit einem Klavierspiel. Ich weiß noch, dass ich von Annie Lennox völlig eingenommen war. Sie ist eine großartige Frau, so kraftvoll als Sängerin.

Sie sind Freizeit-Boxer, schwärmten einmal von der „ritualisierten Erniedrigung“ im Ring. Ist das auch ein Grund, warum Sie auf die Bühne gehen?

Nach Herausforderungen zu suchen ist doch immer gut. Ich will mich nicht in Wohlgefälligkeit auflösen und nur mit Aufgaben befassen, von denen ich schon vorher weiß, dass ich sie meistern werde. Das ist doch langweilig! Ich glaube daran, dass man sich prüfen muss. Ich denke da nur an den Film „A Girl From Rio“.

Helfen Sie uns bitte auf die Sprünge: Worum ging es da?

Ach, um einen Mann, der nach Brasilien abhaut und ein neues Leben beginnt. Dafür musste ich tanzen lernen. Zwei Wochen habe ich an der Seite von unfassbar gut aussehenden, halb nackten Samba-Tänzern vor einem riesigen Spiegel trainiert.

Das muss die Hölle gewesen sein.

Oh mein Gott. Falls Sie jemals das Gefühl haben, Ihr Körperbild sei zu positiv, darf ich Ihnen diese Erfahrung gerne empfehlen. Das wird Ihr Selbstbild neu kalibrieren! Echt gut für die Seele.

Zu welcher Musik tanzen Sie sonst?

Ich tanze nicht. Oder nur, wenn ich allein bin, niemals in der Öffentlichkeit.

Gibt es einen Song, bei dem Sie …

… nein! Ich verrate Ihnen nicht, zu welcher Musik. Dieses Bild würden Sie auch nicht mehr aus dem Kopf bekommen, so furchtbar ist es.

Ist es Ihnen lieber, für Menschen zu spielen, die Sie kennen, oder vor tausenden Fremden?

Interessante Überlegung. Ich glaube, ich spiele lieber vor vielen Fremden. Die Angst vor dem Scheitern, die wir alle ständig in uns tragen, wäre vor ein paar Freunden größer. Wenn ich für Sie beide jetzt spielen sollte, das fände ich sehr schwer.

Weil Sie schon so eine tiefe Bindung zu uns aufbauen konnten?

Ich kenne Sie jetzt besser als noch vor einer halben Stunde.

Wie bereiten Sie sich auf die Bühne vor?

Ich trinke mit den Musikern einen Toast, und zwar mit Single Malt Whisky, einem Callans. Das war im Studio auch so: Whisky ist mein geheimes, heiliges Getränk. In Hamburg wollte ich, dass wir nur einen kleinen Schluck vor dem Konzert trinken. Aber sobald die Musiker das Zeug probiert hatten, tranken sie das ganze Glas leer.

Sie haben mal gesagt, Sie mögen „Dr. House“, weil er eine gequälte Seele hat. Das Thema des Blues …

… Blues ist für mich größer als der reine Ausdruck von Leiden und Tortur. Es ist eine musikalische Welt, die genauso Freude, Sex und Witz behandelt. B. B. King ist manchmal wahnsinnig komisch. Er singt: „Nobody loves me but my mother, and she could be jivin’ too.“ Lustig. Er ist ein Genie.

„Niemand liebt mich wie meine Mutter, aber sie könnte auch spinnen.“ – Gibt es einen verstorbenen Blues-Sänger, den Sie gerne kennengelernt hätten?

Professor Longhair. In meinem Kopf habe ich die Vorstellung, dass er auf eine einzigartige Weise Klavier spielt. Er hat es neu erfunden. Und das sieht man schon bei den kürzesten Youtube-Ausschnitten. Dank ihm war das Klavier nicht nur ein melodisches, sondern auch ein rhythmisches, ein Percussion-Instrument. Er war einer der besten Musiker überhaupt. Stopp! Ich weiß, manche sagen, er war nicht der Allererste, der auf diese Weise gespielt hat – aber das gilt nicht, es hat doch immer einen gegeben, der eine Generation früher dran war.

Welche drei Bluessongs würden Sie einem Außerirdischen vorspielen, damit er die Musik versteht?

Muddy Waters’ „Baby, I Want To Be Loved“. Das Lied macht mich fertig. Aber sonst? Geben Sie mir ein Jahr Zeit zum Nachdenken.

Gerne. Entschuldigen Sie die Frage, aber wundern Sie sich manchmal, dass Sie noch so gesund sind? Vor allem, wenn Sie als „Dr. House“ mal wieder ein kavernöses Hämangiom oder eine hereditäre Koproporphyrie diagnostizieren?

Manche am Set kriegen es durchaus mit der Einbildung zu tun. Zum Glück bin ich kein Hypochonder. Das geht bei mir rein und raus. Mein Vater war Arzt. Er gab mir mal einen ziemlich gesunden Ratschlag: Die meisten Krankheiten erledigen sich von selbst. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber in England interessieren sich Ärzte nicht besonders für ihre Kinder als Patienten.

Sie durften also nie krank werden?

Genau! Ich hatte offiziell nie eine Erkältung. Wenn ich mit Schmerzen oder Husten zu meinem Vater ging, sagte er nur: „Das geht vorbei.“ Und er hatte recht. Es ging irgendwann weg. Die meisten Sachen gehen weg.

Wie ist das, wenn Sie einen Arzt aufsuchen müssen – ist der verwirrt oder redet womöglich sogar mit Ihnen auf Augenhöhe?

Nein, ein richtiger Arzt merkt natürlich sofort, wenn man eigentlich keine Ahnung hat. Ehrlich gesagt, ich war in den letzten Jahren nur einmal ganz kurz beim Arzt. Klopf auf Holz!

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