Zeitung Heute : Goldene Schuppen

Manche kommen her, um Brötchen zu kaufen, und enden an der Austerntheke. Andere wollen nur mal schauen, ob es im KaDeWe wirklich alles gibt. Und dann kaufen sie doch etwas, einen Karpfen zum Beispiel. Den Fisch fürs Jahresende und einen guten Anfang.

Kerstin Decker

Berlin ist die Hauptstadt der Silvesterkarpfen-Esser. Der Karpfen passt zu Berlin. Passt er auch zum KaDeWe? Der Karpfen sieht aus wie der Anti-KaDeWe-Fisch schlechthin. So tümpelig. Eigentlich wollte ich nur nachgucken, ob die überhaupt Karpfen haben… So gehen die meisten zum ersten Mal ins KaDeWe. Nachgucken, ob die das überhaupt haben.

Träge treiben die Fische durchs trübe Wasser, als wäre das ein Allerweltsbecken in der 6. Etage, der Feinkostabteilung des KaDeWe. Karpfen sehen ja nie so aus, als ob sie selber schwimmen. Und auch hier geben sie sich keine Mühe, intelligenter zu wirken als sonst. Das macht den typischen KaDeWe-Karpfen so sympathisch. Die Botschaft ist klar: Sei du selbst! Niemand muss sich verstellen. Der Wassertrübheitsgrad ist aufmerksam gewählt. Nur Barbaren setzen Karpfen in ozeanklares Wasser oder in die Badewanne.

Noch wichtiger als der Fisch ist der Fisch-Verkäufer. Wie viele Kindheits-Traumata rühren von frühen Karpfen-Käufen her! Unauslöschlich das Bild einer frühen holzhammerbewehrten Robustheit, die das Tier, das bis eben nichts gekannt hatte als Wasser, auf einen Holzblock warf, den Hammer hob… Nie wieder, das wusste ich damals genau, würde ich einen Karpfen kaufen. Aber das hier wäre eine Möglichkeit. Denn das ist eine Gourmetabteilung. Die Hoffnung lautet: Solche Holzhammer-Fischfrauen haben die nicht. Killing me softly. Ein Gourmet tötet anders.

Neben dem Karpfenbecken ist die berühmte Austernbar, von der man sich erzählt, dass man sogar in Australien von ihr erzählt. Die Austernbar ist voller nachmittäglicher Proseccotrinker. Die meisten sehen nicht aus, als ob sie ihre Jahresendeinkäufe schon hinter sich hätten, sondern eher so, als ob sie noch gar nicht losgegangen wären. Nun ist es ohnehin gleich zu spät. Das gibt ihnen eine schöne Gelöstheit. Die leeren Schalen häufen sich auf den Tellern, Austern sind gesund. Die Karpfen aber bleiben allein. Niemand kümmert sich um sie, kein Kunde, und kein Verkäufer. Von gegenüber glotzt ein Papageienfisch aus dem Indischen Ozean herüber. Jetzt liegt er allerdings auf Eis. Die Boulettenesser werden da immer misstrauisch: Entweder man isst Papagei oder Fisch.

Es gibt zwei Arten von Berlinern. Die, die zum Brötchenholen ins KaDeWe gehen, und die anderen. Zum ersten Mal erwäge ich die Möglichkeit, dass Erstere zwar losgehen, aber vielleicht doch nicht unbedingt schon zum Frühstück wieder zu Hause sind. Beide Gruppen von Berlinern hegen zu normalen Zeiten des Jahres, also von Januar bis November, ein gewisses Misstrauen gegeneinander und begegnen sich nie. Zur zweiten Gruppe gehören vor allem die, die sich bis eben hier gar nicht hineingetraut haben, weil sie glaubten, für 100 Euro kriegt man im KaDeWe höchstens ein halbes Mischbrot. Aber zum Jahresende kommt alles durcheinander. Dann steht die zweite Hauptgruppe plötzlich mit mäkligem Blick vor den Champagnerregalen.

Schicksalsfragen

Das muss an Silvester liegen. Zu Silvester glauben wir wieder an so vorchristliche Dinge wie das Schicksal. Ein Schicksalsglaube besagt: So wie du das alte Jahr beschließt, wird das neue werden. „Wer hochschmauset, hat das ganze Jahr vollauf.“ Also her mit Champagner und Kaviar! Und diesmal handelt es sich um mehr als bloß einen Jahreswechsel. Ist es nicht, schon rein reformbedingt, ein Zeitenwechsel?

Vielleicht sollte man ein Brötchen kaufen. Allein wegen des Hauptgruppenwechsels. Aber wo gibt es Brötchen?

Schön ist, dass kein Mensch im KaDeWe so tun muss, als wüsste er, wo es lang geht. Das weiß nämlich keiner. Das Personal findet nach wenigen Tagen bereits die Kantine, für das übrige braucht es bis zu zwei Jahre. Jedenfalls der Hauselektriker brauchte so lange. Das ist der, der notfalls auch die Notstromaggregate finden muss, was besonders schwer ist, denn eins steht auf dem Dach und fünf sind in den Katakomben unterm KaDeWe. Kunden dagegen benötigen ein ganzes Leben für die bessere Orientierung. „Ich habe mich vor dem Umbau des KaDeWe immer verlaufen, und das ist bis heute so geblieben“, erklärt eine ältere Frau mit jener Art von Dankbarkeit, wie man sie für die wenigen Dinge hat, die im Leben wirklich sicher sind. Sie ist noch nicht ganz so alt wie das größte Kaufhaus des europäischen Kontinents. In drei Jahren wird es hundert. Die Wortverbindung „europäischer Kontinent“ ist nicht so sehr ein antibritischer Affront, als vielmehr die beste Möglichkeit, die Auskunft „zweitgrößtes Kaufhaus Europas“ zu vermeiden. Das Olympiastadion und vier Fußballfelder passen ins KaDeWe. Aber Harrods in London ist doch größer.

Auch in zweitgrößten Kaufhäusern erkennt man den wahren Kunden daran, dass er dem Haus Mitspracherecht darüber einräumt, was er heute mit nach Hause nehmen möchte. Wenn er keine Brötchen findet, dann eben etwas anderes. Man nennt das Schickung. Wir Käufer, die wir keine Begabung mehr haben für Schicksalssprachen, würden sagen: Hat sich halt so ergeben. Es ist bloß schwierig, das zu Hause dann zu erklären. Obwohl Silvester eben das vorchristlichste, abergläubischste Fest des ganzen Jahres ist. Im Grunde besteht Silvester aus gar nichts anderem als aus Aberglauben. Das Feuerwerk um Mitternacht ist eine einzige Großanstrengung, die bösen Geister, vor allem Druden und Dämonen, in die Flucht zu schlagen, die während der Raunächte zwischen 21. Dezember und 6. Januar in besonderer Dichte unseren Luftraum bevölkern sollen. Das Silvester-Speiseopfer haben wir zwar schon abgeschafft, auch räuchern nur noch wenige Mitbürger ihre Häuser aus (hilft gegen Gespenster), doch den Karpfen essen wir nicht zuletzt wegen der einen Schuppe im Portemonnaie, die gegen die monetäre Ebbe im neuen Jahr schützen soll. Irgendjemand müsste sich jetzt wirklich für die Karpfen interessieren. Aber wie kommt man zu den Fischen zurück?

Die Whiskeyabteilung ist dagegen ganz leicht zu finden. Jeder KaDeWe-Profi würde sofort den höheren Fingerzeig verstehen. Schickung oder es hat sich eben so ergeben. Dann also „Bruichladdish Sophisticated Islay Single Malt“ (98 Euro, ohne Farbstoffe) statt Karpfen!

Nur was bedeutet es, dass der Whiskey direkt gegenüber den Molkereiprodukten steht? Es gibt „Tirolmilch“ und „Tiroler Acidophilus Milch“. Nur zwei Sorten Milch im KaDeWe? Auf der „Tiroler Acidophilus Milch“ steht, dass sie Kulturen enthält, „die überwiegend rechtsdrehende Milchsäure bilden“. Das klingt noch bedenklicher als „Bruichladdish Sophisticated…“. Schmeckt die denn auch wie – Milch?, frage ich beherzt die Ver+asiatischer Freundlichkeit, ebensolchem Akzent sowie leichtem Abscheu. Sie habe so was noch nie probiert. Das KaDeWe ist wirklich ein ganz normales Kaufhaus. Nicht bloß die Karpfen benehmen sich vollkommen natürlich, auch die Verkäuferinnen.

Ein junger Mann, die Arme bestückt mit Butter, einem halben Brot, drei Apfelsinen und mit dem Das-is-auch-nur‘n-Aldi-hierAusdruck im Gesicht will wissen, wo das Mehl ist. „Wo ist das Mell?“, leitet die kleine Asiatin, die noch nie Tiroler Acidophilus Milch getrunken hat, hilfsbereit die Frage in die Tiefe zwischen den Molkereiregalen. – Mell? Kenn’ ich nich, ruft es zurück. Im Weggehen lese ich am Regal mit den zwei Sorten Milch „Molkereiprodukte aus Tirol“. Das heißt, ich habe eben eine von zwei Tiroler Milchsorten gekauft, obwohl ich ebenso gut Milch aus Oberammergau haben könnte. Oder Schwarzwaldmilch. Der Mann ohne Mehl rennt weiter.

Es war schon ganz richtig, dass man früher seine Mäntel an der Garderobe abgegeben hat. Ohne Mantel kommt kein Mensch auf die Idee, dass er eigentlich keine Zeit hat. Und freundliche Männer in Uniform nahmen die Kundenhunde in Pension. Die Hundepension gibt es nicht mehr, dafür Edelstahlkäfige am Expressaufzug zur Lebensmittelabteilung. Kinder dagegen müssen mit bis zu drei Diplomerzieherinnen auf einmal rechnen.

Der Mann ohne Mehl könnte sich auch einen Einkaufsberater nehmen. Seit einigen Jahren kann man im KaDeWe einen Berater engagieren, und der muss dann überall hin mitkommen und immer antworten. Und kostenlos ist er auch.

Dabei gibt es nichts Schwierigeres als die Dialogsituation in Kaufhäusern. Besonders gefährdet wirkte der Mann, an dessen willenlosen Armen fünf große KaDeWe-Tüten hingen, während seine Frau in einem Messie-Chaos aus anprobierten Gabor-Schuhen saß und fragte: „Wo sind denn eigentlich die, die ich so gut fand?“ Da beging er den Fehler. Er fragte mit ungeheucheltem Desinteresse zurück: „Welche?“

Keinem Berater wäre das passiert. Bei über 380000 Artikeln ist es ohnehin merkwürdig, dass noch nicht jeder mit einem Profi aufbricht. Vielleicht, weil man in Begleitung so schnell die Übersicht über die Nullen verliert. Und alles kommt darauf an, sie gut im Auge zu behalten, auch wenn ihre Stellen mit Ziffern getarnt sind. Bei der Stereoanlage für 137377,00 Euro kann man das schon einmal üben, aber schon angesichts der von 799,00 Euro auf 399,00 Euro herabgesetzten Pelzstola meldet sich sofort der Mein-Gottist-das-günstig-Mitnehmen!-Instinkt. Vielleicht sollte man nicht verschweigen, dass der kostenlose Beratungsservice sich doch mehr an den Koch einer Botschaft vor dem nächsten Empfang als an den Mann ohne Mehl richtet. Zur Not kann man auch Karl-Heinz Richter fragen.

Unregierbar

Der KaDeWe-Portier ist der einzige Mann in Uniform, der aussieht, als sei er direkt aus der Zeit vor dem Verschwinden der Dienstboten übrig geblieben. Damals hatte noch jeder Fahrstuhl einen eigenen betressten Fahrstuhlführer. Aber Uniform ist Uniform, und Dienst ist Dienst. Bevor Karl-Heinz Richter aus Strausberg, knapp zwei Meter groß, KaDeWe-Portier wurde, war er DDR-Militärdolmetscher. Das KaDeWe betrat er für sein Bewerbungsgespräch 1995 zum ersten Mal.

De Gaulle erklärte ein Land, das so viele Käsesorten hat wie Frankreich, für tendenziell unregierbar. Das KaDeWe hat 1300 Käsesorten. Vor Weihnachten sah es manchmal so aus, als hätte de Gaulle Recht. Aber dass schon am ersten Tag nach Weihnachten die Berliner von der ersten Hauptgruppe, jener der KaDeWe-Brötchenholer, wieder proseccotrinkend und austernessend an den vielen Bars sitzen, als hätten sie gerade einen besonders harten Ramadan hinter sich, überraschte selbst Verkäufer. Oder sie machen das nur, um besser nachdenken zu können, in welcher Richtung sie jetzt weitergehen sollen.

Die blonde Brötchen-Verkäuferin lächelt einen Millimeter zu ermutigend.

„Backen Sie wirklich selbst?“, fragt die Frau vor mir. Aha, zweite Hauptgruppe. Vermeidbarer Anfängerfehler. Aber man fällt eben doch auf. Es ist wohl so: Keiner verlässt ungestraft seine Hauptgruppe. Die blonde Verkäuferin lächelt. Selber backen? Sie versteht die Frage nicht. Ob das jetzt eine Kritik ist? – Sie schaut die aus der zweiten Hauptgruppe unentschlossen an, denn eigentlich kennt sie ja nur solche aus der ersten. Schon, antwortet sie langsam, natürlich backen wir selbst, aber das Mehl ist nicht von hier, das kommt frisch aus Paris! – Die Neukundin wirkt seltsam ungetröstet und nimmt schnell drei Schrippen.

Wahrscheinlich hatte sie einfach nicht genug Zeit zum Nachdenken. Denn plötzlich ist alles ganz einfach: Das Brötchenholen im KaDeWe ist überhaupt kein Snobismus. Zum Brötchenholen nach Paris fliegen, das wäre Snobismus. Und Ditsch, die Brezelbäckerei in jedem S-Bahnhof, backt schließlich auch selbst. Streng genommen ist das Brötchenholen im KaDeWe also eine Frage solidarischen innerstädtischen Verhaltens.

Denn das KaDeWe hat es viel schwerer als Ditsch. Die Idee, einen Bäckerladen samt kompletter Bäckerei in der sechsten Etage eines Hauses zu verstecken, hat noch keine Nachahmer gefunden. Wahrscheinlich muss man sich das KaDeWe vorstellen wie Fritz Langs „Metropolis“. Eine Stadt aus Luxus an der Oberfläche. Aber unter Tage, im Bauch von Metropolis, wird schwer gearbeitet.

2400 Angestellte hat das KaDeWe. Auch sie kommen von unten, genau wie bei Lang. Sie gehen durch den Tunnel mit Stechuhr in der Passauer Straße. Große Städte erkennt man daran, dass sie nie schlafen. Das KaDeWe schläft auch nie. Kurz nach Mitternacht, wenn die letzten Partyservice-Mitarbeiter nach Hause gehen, kommen die ersten Bäcker durch den Tunnel. Noch vor den Konditoren. Auch die Hummer- und Salatköche dürfen später aufstehen. Und dann kostet so ein Brötchen aus französischem Mehl, geformt von schlaflosen Bäckern, ganze 20Cent.

Die Gesundheitsapostel von der Austernbar haben sich inzwischen genau vor das Karpfen-Aquarium gesetzt, auch weil an der Bar kein Platz mehr ist. Einer singt italienische Arien, was niemanden wundert, weil er das immer macht nach drei Gläsern Champagner. Irgendwie scheinen alle froh zu sein, dass sie endlich wieder zu Hause sind. Also im KaDeWe.

Ein Stör ist neu im Forellenbecken, dafür fehlt der Papageienfisch. Eine Frau im schwarzen Pelzmantel steht mit gemeißelter Miene vor dem Karpfenbecken und sticht achtmal mit dem Zeigefinger gegen die Scheibe. Jeder Stich ein Todesurteil. Sogar die Austernesser werden aufmerksam. Jetzt sind gleich zwei Verkäufer von den Räucherfischen da, denn sie müssen acht Karpfen fangen. Zum ersten Mal scheinen die selber zu schwimmen. Umsonst. Das Karpfenbecken hat plötzlich einen Wellengang wie ein Ozean. Einer springt aus dem Netz ins Waschbecken und spritzt hinüber bis zur Austernbar. Die nun feuchten Champagnertrinker reagieren nicht ungehalten, im Gegenteil.

Unter Strom

So ungefähr muss es im römischen Amphitheater gewesen sein. Unten geht es um Leben und Tod, auf den Rängen aber hebt sich die Laune. Nur Moralisten finden das verwerflich. Alle höhere Kultur, alle Verfeinerung, basiert auf der Grausamkeit. Das wusste schon Nietzsche. Allerdings wäre keiner von uns einem leibhaftigen Hummer gewachsen, dem er außerhalb seines Tellers begegnet. Müssen wir auch nicht. Denn dafür haben wir die Kultur. Dank der Kultur dürfen auch die Schwachen genießen, denn alle Kultur ist Stellvertretung. War da nicht eben so eine eigentümlich inkorrekte Genugtuung angesichts des Leopardenmantels für 1699,- Euro („Capretta“) in der Pelzabteilung?

Jetzt noch ein Glas Champagner, und ich kaufe auch einen Karpfen. Die Fische werden in ein Becken gelegt, Deckel drauf, und schon sind sie ganz ruhig. Strom!, erklärt sanft der Gourmet hinterm Ladentisch. Dann liegen acht Pakete nebeneinander auf der Theke, die Dame im Pelz zahlt, als in allen acht ein neues Leben erwacht. Die Dame bewahrt Haltung. Gemessenen Schritts, der in eigentümlichem Kontrast zu der Disziplinlosigkeit in ihrer Riesentüte steht, verlässt sie den Ort. Karpfen-Kaufen, überlege ich, ist doch eher etwas für starke nietzscheanische Naturen. Auch Linsen sollen ein gutes Silvestergericht sein. Oder Hirsebrei. Ob die im KaDeWe auch Hirse haben?

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