Zeitung Heute : Goldregen bringt Segen

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein neues Mittel gegen das Rauchen

Hartmut Wewetzer

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Man kann wohl nichts Besseres für seine Gesundheit tun als mit dem Rauchen aufzuhören. Ausgenommen, man fängt gar nicht erst mit dem Paffen an. Aber Aufhören ist schwer. Besonders für jene 50 bis 60 Prozent der Raucher, die bei Tabakverzicht Entzugssymptome wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen bekommen. Doch jetzt gibt es eine gute Botschaft aus Amerika. In den USA hat die Zulassungsbehörde FDA erstmals seit einem Jahrzehnt wieder eine Tablette zur Raucherentwöhnung zugelassen, wegen guter Ergebnisse im Eilverfahren. Der Wirkstoff mit Namen Vareniclin (in den USA vermarktet als „Chantix“) soll nächstes Jahr auch in Deutschland eingeführt werden.

Es ist das im Tabak enthaltene Nikotin, das abhängig macht. Das liegt vermutlich daran, dass Nikotin die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn anregt. Dopamin erzeugt ein Wohlgefühl, wie jeder Raucher weiß. Eigentlich sind solche angenehmen Gefühle von Natur aus reserviert für Erfahrungen wie Essen und Sex. Aber Nikotin verschafft uns einen Nachschlüssel zu Glücksgefühlen. Lust mit jeder Zigarette. Und Sucht.

Der von der US-Pharmafirma Pfizer entwickelte Wirkstoff Vareniclin ist von einem Naturstoff mit Namen Cytisin abgeleitet. Cytisin ist ein Alkaloid und das Gift des Goldregens. Nicht das erste Mal, das eine potenziell gefährliche Pflanze der Medizin auf die Sprünge hilft.

Das Entwöhnungsmittel wirkt auf zweierlei Art. Zum einen heftet es sich an die Bindungsstellen für das Nikotin im Gehirn. Es wirkt also ähnlich wie Nikotin aus Pflastern und Kaugummis. Auf diese Weise werden die quälenden Symptome des Nikotinentzugs unterdrückt. Gleichzeitig verfehlt eine zusätzlich gerauchte Zigarette ihre Wirkung. Denn die Bindungsstellen für Nikotin an den Nerven sind schon besetzt. Die Euphorie bleibt aus. So soll der suchterzeugende Reflex Zigarette = Lust gelöscht werden.

Amerikanische und skandinavische Ärzte haben Vareniclin ausführlich getestet. Dabei stellte sich heraus, dass eine Drei-Monats-Kur mit dem Wirkstoff bei 44 Prozent der Teilnehmer zur Abstinenz führte. Das bereits länger zugelassene Alternativmittel Bupropion („Zyban“) war nur zu 30 Prozent erfolgreich. Nach einem Jahr hatte sich die Abstinenzquote allerdings bei beiden Mitteln halbiert, berichten die Mediziner im Fachblatt „Jama“. Häufige Nebenwirkung des Vareniclin ist Übelkeit, manche träumen auch schlecht.

„Die“ Pille gegen das Rauchen ist auch das neue Entwöhnungsmittel nicht. Zwar kann es dem Raucher helfen, von seiner Sucht wegzukommen, und das vielleicht besser als bisherige Präparate. Aber man muss wirklich vom Nikotin Abschied nehmen wollen und bereit sein, hart für sein Ziel zu arbeiten und eingefahrene Sucht-Gewohnheiten zu ändern. Für stark Abhängige empfiehlt der Suchtexperte Anil Batra von der Uniklinik Tübingen eine Kombination aus Entwöhnungspräparat und Verhaltenstherapie. „Das hat sich am besten bewährt“, sagt er. Die Abstinenz ist aller Mühen wert.

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