Zeitung Heute : Golfen für jedermann: Die Knie gebeugt, den Schläger ganz locker

Steffi Bey

Wenn Harry Nicodemus vor einem Vierteljahr jemand gesagt hätte, dass er einmal ein Golfspieler wird, wäre er sicherlich in schallendes Gelächter ausgebrochen. Für den Rentner aus Köpenick galt diese Sportart schlechthin als Zeitvertreib für Leute mit einem gefüllten Geldbeutel. Dass er inzwischen selbst ab und an zum Schläger greift und sich keineswegs zu einer "elitären Schicht" zählt, hat etwas mit einer ganz besonderen Anlage in Adlershof zu tun. Nahe der Rudower Chaussee, direkt auf einem ehemaligen Munitionsplatz, kann jeder den Ball schlagen. Auf dem rund sechs Hektar großen Gelände befindet sich der einzige nicht clubgebundene Golfübungsplatz Berlins.

"Wer zu uns kommt, sollte einfach Lust zum Golfen mitbringen", sagt Thomas Bergmann, Vorstandsvorsitzender des Albatros e.V.. Weder eine Voranmeldung noch Vorkenntnisse seien erforderlich. Er initiierte vor sechs Jahren das Projekt, nachdem er zuvor auf anderen Anlagen als Manager tätig war. Der Hintergrund? "Wir wollen das Golfspielen zum Breitensport entwickeln." Aus seiner Sicht funktioniert das auch schon recht gut. Ungefähr 1600 Besucher nutzen regelmäßig die große Wiese zum Üben. Sie kommen aus allen Teilen der Stadt und aus dem Umland. Harry Nicodemus hat bereits einen Einführungskurs absolviert und trainiert jetzt vor allem das Abschlagen. Mit kräftigen Armbewegungen bringt er sich in Schwung: hin und her und immer schneller. Es sieht fast so aus, als wenn er sein "Golfeisen" jeden Moment fallen lässt. Aber das täuscht und gehört zur Erwärmung. Dann dreht er sich ein wenig, lässt die Schultern nach vorn fallen, beugt die Knie leicht und hält den Schläger ganz locker. Dann fliegt der weiße Ball durch die Luft. Er landet dicht an dem blauen Fähnchen. Der Hobbygolfer ist zufrieden und schickt noch einige Kugeln hinterher.

Ein paar Meter weiter konzentriert sich Hans Bonau auf sein Spiel. Er absolviert gerade eine der vier Bahnen. Durch einen leichten Stoß rollt der Ball ins Loch. Der Rudower lächelt und schiebt seinen Wagen weiter. Zwei Mal monatlich genießt der Bäckermeister die "erholsame Atmosphäre" auf dem Platz: "Ich finde es herrlich, dass hier wirklich jeder spielen kann." Er gehört schon zu den alten Hasen und hat bereits seine Platzreifeprüfung in der Tasche. Bonau nimmt auch an Vereinswettkämpfen teil. Die plant und organisiert Thomas Bergmann. Und er ist froh, dass er dies nun vorausschauender tun kann. Denn der Pachtvertrag für das Gelände wurde jetzt um weitere drei Jahre verlängert.

Er hofft, dass danach ein Ausweichgelände in der Nähe gefunden wird. Der derzeitige Standort ist künftig für Bereiche der Humboldt-Universität vorgesehen. Wie vielen Lernwilligen er in den letzten Jahren Golf-Kenntnisse vermittelt hat, vermag er nicht zu sagen. Doch er hat festgestellt, dass sich auch dabei die Geschlechter unterscheiden. "Während Frauen ruhiger spielen und mit weniger Muskelaufwand schwingen, hauen die Männer eher drauf", sagt Bergmann. Das führt dann oft dazu, dass jede Menge Bälle verschwinden.

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