Zeitung Heute : Good bye, Thälmann

Die junge DDR wollte ein gigantisches Denkmal. Es wurde zur Lebensaufgabe einer Künstlerin – und endete ebenso bizarr wie tragisch.

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Von Michael Bienert Die Straße hat nicht mal einen Namen. Straße 201 in Pankow: eine schmale Asphaltkurve zwischen schlichten Einfamilienhäusern, umrahmt von kleinen Gärten. Biedermeier der 50er Jahre, teils frisch verputzt. Man muss schon Kulturhistoriker sein oder ein alter Parteigenosse, um in der stillen Gegend zwischen Bürgerpark und Schönholzer Heide eine faszinierende Geisteslandschaft zu erkennen.

Doch in fast jedem Haus hier wohnte seit den 50er Jahren ein Künstler. Wie Ernst Busch, wie Hanns Eisler, wie Arnold Zweig. Sie kehrten nach Hitlers Untergang aus der Emigration zurück und waren froh über eine feste Bleibe in OstBerlin. Um die materielle Lage der „schaffenden Intelligenz“ zu verbessern, schuf die DDR-Regierung 1949 sogar ein eigenes Wohnungsbauprogramm.

Ganz uneigennützig war das nicht: Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Ost-West-Konflikts versuchte die SED-Führung, möglichst vielen namhaften Künstlern ein Leben im Osten schmackhaft zu machen. Schließlich sollte die DDR als besseres Deutschland erscheinen, als Erbe der fortschrittlichen Kulturtraditionen des deutschen Volkes.

Also wurden auf einem ehemaligen Sandplatz an der Schönholzer Heide die heutige Straße 201 angelegt und 23 Wohnhäuser errichtet. Schon 1951 konnten die kommunistischen Arbeiterdichter Willi Bredel und Erich Weinert einziehen. An manche Häuser waren Ateliers angebaut, so bei dem Grafiker und Maler Max Lingner oder dem Bildhauer Theo Balden. Als Weinert 1953 starb, nannte man die Künstlerkolonie nach ihm „Erich-Weinert-Siedlung“. Am Ende der Heinrich-Mann-Straße entstand ein kleiner Gedenkplatz. Unter zwei verrosteten Fahnenmasten steht: „Den Gedanken Licht. Den Herzen Feuer. Den Fäusten Kraft.“ Sogar Graffitisprayer fanden den Spruch cool. Als sie ihr kryptisches Kürzel „BBK372“ in silbriger Riesenschrift aufsprühten, achteten sie darauf, das Arbeiterdichterzitat lesbar zu halten.

Zum Haus 1 der Straße 201 gehört eine große Halle, belichtet durch eine riesige Fensterfront. An diesem Ort findet man heute die ganze Vergeblichkeit der DDR versammelt. Die Halle wird von Gips-Riesen bewohnt, die es zwischen zahllosen Topfpflanzen und alten Sesseln gemütlich haben. Gut drei Meter groß ist ein Arbeiterführer mit erhobener Faust. Ein Arbeiter und eine Arbeiterin im selben Monumentalformat wenden sich dem proletarischen Kämpfer zu. Um die Riesen lagern Bruchstücke einer großen Konfession: Bronzeköpfe von Lenin, Liebknecht, Stalin, Ulbricht, die überraschend lebendig wirken. Dazwischen anmutige Porträts von Kindern und badenden Frauen. Der Kopf des Schriftstellers Bruno Apitz guckt über den Rand eines Blecheimers.

„In der Kunst ist die Geschichte eingefroren“, sagt Stefan Hahne, der Sohn und Erbe der Bildhauerin Ruthild Hahne. Nach ihren Vorstellungen wurden Haus und Atelier gebaut, 1953 ist sie eingezogen. Der Sohn hat sie bis zu ihrem Tod vor drei Jahren zu Hause gepflegt. Von Beruf ist er Ägyptologe, geübt im sensiblen Umgang mit den Überresten versunkener Kulturen. Nun gräbt er sich vorsichtig durch den Nachlass der Mutter. „Den Stalinkopf“, erzählt er, „hatte Mutter völlig vergessen. Sie hatte ihn in den 60ern auf den Dachboden verbannt“. Wie die Mutter die schwere Bronze auf den Boden bekam, bleibt ihm ein Rätsel.

Eine Totenmaske von Lenin hing bis kurz vor ihrem Tod über dem Lager der alten, geistig wachen Frau. Erst als sie den Sohn bat, Lenin zu helfen, denn es gehe ihm nicht gut, habe er die Maske abgenommen. Jetzt hängt sie wieder am alten Platz. Ein Haus, das jemand 50 Jahre lang bewohnte, ist auch eine Seelenlandschaft.

Die Begeisterung für den Sozialismus wurde Ruthild Hahne, geboren 1910 in Wilmersdorf, nicht in die Wiege gelegt. Der deutschnationale Vater kaufte in den 20ern ein kleines Fabrikimperium zusammen. Die Tochter wollte Malerei an der Kunsthochschule in Charlottenburg studieren, verpasste aber 1927 die Aufnahmeprüfung und begann eine Ausbildung zur orthopädischen Turnlehrerin. Mit diesem Beruf finanzierte sie später teilweise ihr Bildhauerstudium.

Während der Weltwirtschaftskrise arbeitete sie als Heilgymnastin in der Landsberger Allee. Dabei lernte sie die Armut ihrer Patienten aus dem proletarischen Osten der Stadt kennen. Ein Kollege empfahl „Das Kapital“ als Abendlektüre und knüpfte den Kontakt zur Kommunistischen Partei. Dadurch begegnete sie Hans Weidt, der die „Roten Tänzer“ leitete. In dieser Agitproptruppe tanzte Ruthild Hahne klassenkämpferische Choreografien, etwa einen pantomimischen „Bergarbeitertanz“ zur Musik von Hanns Eisler. Weidt arbeitete mit den Mitteln des Ausdruckstanzes. Diese Erfahrung sollte für die Bildhauerin Hahne eine wichtige Inspirationsquelle bleiben.

Die junge Frau bewarb sich weiter um einen Studienplatz an der Charlottenburger Kunsthochschule und wurde 1936 zur Bildhauerei zugelassen. Sie war Schülerin von Wilhelm Gerstel, der damals viele bedeutende Talente ausbildete, darunter die erste Garde der späteren DDR-Bildhauerei wie Fritz Cremer, Gustav Seitz oder Waldemar Grzimek. „Die Urform des menschlichen Körpers“ gebe dem Künstler alles, was er brauche, lehrte Gerstel. Während der Naziherrschaft war das die beste Schule, in die eine junge Bildhauerin gehen konnte.

In ihrer Atelierwohnung in der Nachodstraße 20 traf sich ein Freundeskreis junger Studenten, die sich vom Nationalsozialismus fern zu halten suchten. Seit 1941 lebte sie mit Wolfgang Thiess zusammen. Der hatte bereits zwei Jahre im Zuchthaus gesessen, weil er Flugblätter am Kottbusser Tor aus einem Hochbahnzug geworfen hatte. Thiess besaß Kontakte zur „Roten Kapelle“. Als die Widerstandsgruppe 1942 aufflog, wurde das Paar verhaftet. Wolfgang Thiess wurde hingerichtet. Ruthild Hahnes Urteil lautete auf fast fünf Jahre Zuchthaus.

60 Jahre später, kurz nach ihrem Tod, findet der Sohn in ihrer Handtasche ein blaues Stoffetui mit einigen gefalteten Blättern. Darunter den letzten Brief des einstigen Lebensgefährten aus der Haft: „...schlaf gut, Ruthild, liebe kleine Frau und guter Kamerad.“

Während eines Bombenangriffs im Februar 1945 floh sie aus dem Zuchthaus Cottbus und schlug sich zur Roten Armee durch. Im Juni traf sie völlig mittellos wieder in Berlin ein. Sie bekam eine Wohnung in der Wilmersdorfer Künstlerkolonie am Breitenbachplatz und arbeitete als Dozentin an der Kunstschule in Weißensee. Bei der ersten großen Kunstausstellung 1946 im Zeughaus erregte sie Aufsehen durch einen Leninkopf. Er strahlte nicht allein Energie, sondern auch eine ungewöhnliche Nahbarkeit und Wärme aus. Für Ruthild Hahne eröffnete sich eine Karriere als Porträtbildhauerin, deren politische Köpfe in Schulen oder Ministerien aufgestellt, gern auch als Geschenke an die Spitzen der „sozialistischen Bruderstaaten“ der DDR überreicht wurden.

Im Jahr 1949 übernahm sie ein Bildhaueratelier auf dem ehemaligen Anwesen des preußischen Hofbildhauers Johann Gottfried Schadow. Sein Haus, heute Schadowstraße 10/11, stand unweit der Trümmer des alten Regierungsviertels an der Wilhelmstraße. Bis zum Herbst 1950 wurden die Trümmer der Reichskanzlei Hitlers geräumt, der ehemalige Wilhelmplatz hieß inzwischen Ernst- Thälmann-Platz. Am einstigen Machtmittelpunkt des Deutschen Reiches wünschten die neuen Machthaber ein Nationaldenkmal. Es sollte dem KPD-Führer Ernst Thälmann gewidmet sein, den die Nazis nach elf Jahren Haft 1944 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet hatten.

Nach einem Ideenwettbewerb erteilte im August 1950 eine Regierungskommission Ruthild Hahne den Auftrag, ein Kollektiv zu bilden. Unter ihrer Leitung sollten mehrere Bildhauer eine gigantische Denkmalanlage mit über 60 Figuren gestalten, einschließlich Sockel so hoch wie ein dreistöckiges Haus und mindestens 50 Meter breit. Zwei keilförmig aufeinander zu laufende Demonstrationszüge sollten sich hinter einer Thälmannfigur vereinigen. In Ruthild Hahnes Atelier kann man verschiedene Fassungen vergleichen und nachvollziehen, wie die Figur immer monumentaler, unwirklicher und unlebendiger wird – bis zur gut drei Meter hohen Gipsfassung. Geplant war eine Ausführung in doppelter Höhe.

Länger als 15 Jahre widmete Ruthild Hahne fast ihre ganze Arbeitskraft diesem Staatsauftrag. Sie wusste: Nie zuvor in der Kunstgeschichte war eine Frau mit einem so gewaltigen Projekt betraut worden. Sie hielt zäh daran fest, gegen Kritik ihrer männlichen Kollegen, die sich der Mitarbeit im Kollektiv entweder verweigerten, wie der Freund Fritz Cremer, oder im Unfrieden ausschieden wie René Graetz. Das Politbüro jedoch gab immer größere Modelle des Denkmals in Auftrag.

In einem Ballsaal im Pankower Bürgerpark entstand bis 1952 eine noch recht beschwingte Fassung des Denkmals im Maßstab 1:10. Ein Jahr später übersiedelte die Künstlerin von Wilmersdorf nach Pankow. Für das Thälmannprojekt genehmigten die Behörden den Atelieranbau von traumhaft großzügigen Dimensionen. Anfang der 60er Jahre entstand an der Schönholzer Heide ein weiteres, noch viel größeres Atelier. Es war nötig geworden, um ein 1:4-Modell zu vollenden, außerdem entstanden dort Figuren für ein doppelt so großes Modell.

Der sozialistisch-realistische Stil der Bildhauerin entsprach ganz dem Kunstgeschmack Walter Ulbrichts. Zudem passte es wunderbar in die damalige Propaganda, dass eine Frau und Verfolgte des Naziregimes ein großes sozialistisches Nationaldenkmal schuf. Zeitungsberichte aus den 50ern schwärmen von einer engen persönlichen Beziehung zwischen der Bildhauerin und den Staatslenkern. Ihr Sohn erinnert sich aber nur an einen einzigen Besuch Walter Ulbrichts im Privatatelier in den 60ern: „Ich musste damals den Garten harken und dann verschwinden, aus Sicherheitsgründen. Nachher erzählte mir Muttern etwas pikiert, sie habe Ulbricht nicht einmal ein Glas Orangensaft anbieten dürfen, er brachte seine eigenen Sachen mit. Sie fand das schon merkwürdig, so von Genosse zu Genosse.“

Der Mauerbau im August 1961 versetzte dem Projekt den Todesstoß. Seither lag der Thälmannplatz direkt an den Sperranlagen zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor. Die Thälmannfigur und ihr Anhang wären geradewegs darauf zu marschiert. Da sie in Stein gehauen werden sollten, hätte die Realisierung nach einer Schätzung des Finanzministeriums mindestens 30 Millionen DDR-Mark verschlungen und ein weiteres Jahrzehnt gedauert. Überdies hatte sich der Kunstgeschmack in der Kulturabteilung des SED-Zentrakomitees gewandelt. Was 1950 an Hahnes Entwurf begeistert hatte, wurde 15 Jahre später in einem Gutachten als „vulgäre, äußerlich illustrative Realismusauffassung“ abgetan. In internen Schreiben der Kulturabteilung warf man der Genossin Hahne vor, sie sei faul gewesen, habe bei der Kollektivbildung versagt und sich nur „Lebenspfründe“ schaffen wollen.

Im Sommer 1965 teilte ihr der Genosse Kurt Hager im Auftrag des Zentralkomitees mit, das Denkmalprojekt werde nicht weiterverfolgt. Neun Jahre später beschloss das Politbüro die Aufstellung eines Thälmann-Monuments vor dem Gebäude des Zentralkomitees am Werderschen Markt – dort, wo heute der Neubau von Joschka Fischers Außenministerium steht. Auch daraus wurde nichts. Erst 1986 weihte Erich Honecker im Neubaugebiet Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg einen gewaltigen Thälmannkopf des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel ein. Der Bronzeklotz überstand die Wende, anders als das größte Modell, das von Ruthild Hahnes Denkmal existierte. 1990 kündigte der Vermieter der Scheune, in der die Gipse eingelagert waren, den Mietvertrag. Die Künstlerin sah keinen anderen Weg, als der Entsorgung ihres Hauptwerks zuzustimmen.

„Der Glaube ans Kollektiv ist ihr zum Verhängnis geworden, dabei war sie eine Individualistin und immer sehr bürgerlich“, sagt der Sohn. Wer ist heute schon bereit, die rein bildhauerische Qualität eines Lenin- oder Thälmannkopfes zu würdigen? Allein das Sujet provoziert Abwehrreflexe. Der Ägyptologe Stefan Hahne schaut auf das Werk seiner Mutter, als wäre es schon 4000 Jahre alt. Vorstellbar ist es ja, dass jemand ihren Leninkopf, den der Sohn für ihr bestes Werk hält, in ferner Zukunft ausgräbt und nur sein weißes, freundliches, bäuerisches Menschengesicht wahrnimmt. Ist dieser Lenin vielleicht die Nofretete des real existierenden Sozialismus?

Der Sohn will den Nachlass seiner Mutter sichern und bewahren. Man weiß ja nie, wie sich die Zeiten ändern.

Das Atelier kann nach Voranmeldung besichtigt werden. Telefon: 4 86 80 19

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