Zeitung Heute : Good Morning, Venezuela

Auf den Straßen von Caracas herrscht Chaos – Staatsoberhaupt Hugo Chavez bleibt gelassen und unterhält die Nation am Radio

Anne Grüttner

Anhänger des Präsidenten schießen auf Polizisten, weil Polizisten angeblich auf Demonstranten schießen. Zwischen Demonstranten und Gegendemonstranten fliegen Steine, Flaschen, Feuerwerkskörper. Am Ende eines turbulenten Wochenendes werden in Caracas zwei Tote gezählt, zwei verletzte Polizisten und mindestens 80 verletzte Demonstranten. Der Vorsitzende der Regierungspartei sagt: „Die Toten sind die Unsrigen“, doch auch die Opposition reklamiert die Toten für sich. Sie hat drei Trauertage ausgerufen.

Nach einem Monat Generalstreik, ausgerufen von der Opposition, um Präsident Hugo Chavez zum Rücktritt zu zwingen, herrscht in Venezuela endgültig Chaos, doch für den Präsidenten scheint das alles wie ein Spiel, ein Kriegsspiel, zu sein. „Wir waren nahe daran, den Ausnahmezustand zu erklären, aber meine Studien der Kriegskunst und der Politik sagen mir, dass es für alles einen richtigen Moment gibt. Man sollte sein Pulver nicht unnötig verschießen“, dozierte das Staatsoberhaupt scheinbar ungerührt, nachdem am Freitag die Ausschreitungen begonnen hatten. Nur einen Tag später eskalierte die Situation erneut, fielen die Schüsse auf die Polizisten.

Eine chaotische Situation? Hört man die sympathische, sonore Stimme von Hugo Chavez und schaut man dabei in sein rundes Gesicht mit dem festen Blick unter den stets zusammengekniffenen Lidern, dann erscheint die Welt ganz einfach. Da gibt es die Guten, darunter fällt zuallererst der nationale Befreiungsheld Simon Bolivar, der im 19. Jahrhundert das heutige Venezuela, Kolumbien, Panama sowie Ecuador und Bolivien von der Kolonialherrschaft befreite. Dann kommen die Arbeiter und die Armen, zumindest solange sie Chavez unterstützen.

Vogelscheuche im Vorhof der USA

Dem gegenüber stehen die Bösen, das sind die einheimische Oligarchie und der CIA, wenn nicht die ganzen USA oder sogar der gesamte kapitalistische Westen. Vereinfachend könnte man sagen, dass alle Chavez-Gegner in diese Kategorie gehören, auch kritische Journalisten. Diese verräterischen Mächte macht der venezolanische Präsident für alle Konflikte und Schwierigkeiten verantwortlich, denen er sich seit seinem Amtsantritt gegenübersieht.

Dieses Weltbild präsentiert Chavez, der nach einem gescheiterten Putsch 1992 zum Volkshelden avancierte und 1998 zum gewählten Staatsoberhaupt, äußerst eloquent und unermüdlich seinen Untertanen. In der sonntäglichen Sendung „Alo Presidente“, wo Chavez im Radio als eine Mischung aus Nachrichtensprecher und Alleinunterhalter auftritt, verpackt er seine neuesten Pläne und politischen Anweisungen in sechs Stunden lange Reden, ausgeschmückt mit farbigen Details und historischen Beispielen. Die Sendung ist oft wichtiger als die Kabinettssitzungen. Im April erfuhren etwa die Vorstandsvorsitzenden des staatlichen Ölkonzerns aus „Alo Presidente“ von ihrer Entlassung. Chavez rief einfach die Namen der Manager nacheinander auf, trillerte mit der Pfeife und rief: „Du bist raus!“

Ähnlich provokant ist auch die Außenpolitik eines der größten Öl produzierenden Länder der Welt, der „Bolivarianischen Republik Venezuela“. Seit Amtsantritt tat Chavez alles, um sich als Vogelscheuche im Vorhof der USA zu etablieren. Häufige Besuche führen ihn nach Kuba zu seinem Freund Fidel Castro, aber auch mit Saddam Hussein und Mohammar al Gaddafi knüpfte er auf seinen Reisen als Opec-Aktivist zarte Bande. Ende 2000, als in Europa die Benzinpreise bereits explodierten, sagte Chavez den Industrieländern auf einem Opec-Gipfel den Preiskampf an: „Die industrialisierten Länder verdienen an jedem Barrel, den sie uns abkaufen, mehr als hundert Dollar. Was erwarten sie? Dass wir ihnen den Barrel für acht Dollar verkaufen?“Auf diese Weise wurde der charmante Ex-Putschist nicht nur im eigenen Land, sondern auch unter den USA-Feinden und Revolutionären des restlichen Lateinamerika zum Star: einer, der keine Angst hat, der mit den mächtigen lokalen Eliten und mit den übermächtigen „Yankees“ umspringt, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Und dabei rhetorisch überzeugend darlegen kann, dass er für das Gute kämpft.

Noch immer stehen etwa 35 Prozent der Venezolaner treu hinter Chavez und beweisen dies notfalls auch mit tatkräftigen Attacken gegen dessen Gegner. Einige der vom Präsidenten ins Leben gerufenen „Bolivarianischen Zirkel“ werden gar scharf bewacht und haben zumindest nach Aussage der Opposition die Toten bei dem Aufstand im April auf dem Gewissen. Damals kamen mehrere Dutzend Menschen bei Protesten ums Leben, was zur kurzzeitigen Absetzung des Präsidenten führte. Nach zwei Tagen wurde er jedoch von loyalen Offizieren in sein Amt zurückgeführt. Chavez’ Unterstützer sind aber auch die Armen, die Hoffnungslosen, um die sich in Venezuela nie jemand geschert hat. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung in dem ölreichen Staat leben in Armut. Chavez erklärt ihnen, wie die Welt funktioniert, vor wem sie sich in Acht nehmen müssen. Bisher ist keiner aufgetaucht, der die Armen überzeugen könnte, dass er ihre Interessen besser vertritt.

Ämter und Pfründe

Das Phänomen Chavez, so befürchteten viele bei dessen Antritt, könnte auch leicht in anderen Ländern Lateinamerikas Schule machen. Die Macht und das Geld blieben in Venezuela stets in der Hand einiger weniger Familien; sie haben die wichtigen Ämter und Pfründe unter sich aufgeteilt. Ein korrupter Sumpf aus Politik, Gewerkschaften und führenden Unternehmen. Die Opposition gegen die Regierung wird in etwa von diesen Leuten angeführt, zu denen nun neue Feinde kommen, die sich Chavez durch seine rüden Methoden gemacht hat. Der mächtige Unternehmerverband Fedecameras, der zu Vor-Chavez-Zeiten das Wirtschaftsministerium bestellte, rief seine Mitglieder zum Streik auf und legte den wohlhabenden Osten von Caracas lahm. Dazu gesellt sich der Gewerkschaftsboss Carlos Ortega, der die Oppositionsbewegung mit scharfem Populismus anheizt und alten Privilegien nachtrauert. Und schließlich der wohl mächtigste und jüngste Verbündete, Juan Fernandez, ehemaliger Finanzchef des staatlichen Ölkonzerns, der seit einigen Wochen streikt und dafür sorgt, dass Venezuela unter Benzinmangel leidet und Treibstoff importieren muss.

Doch längst ist nicht nur die Oberschicht gegen Chavez. Mittlerweile ist auch die dünne Mittelschicht skeptisch geworden – Intellektuelle wie die einst Chavez-begeisterten Journalisten des Landes. Und sogar viele aus den armen Schichten sind inzwischen ermüdet von den Verfluchungen und Versprechungen ohne Sinn und Effekt, der zunehmenden Aggressivität, hervorgerufen durch die bewusste Polarisierung, die Chavez als revolutionäre Strategie ansieht und in seinem Buch „Es spricht der Kommandant“ beschreibt.

Trotz stabiler Ölpreise hat Chavez in den letzten Jahren das Kunststück vollbracht, das Land in eine schwere Rezession zu führen. 2002 schrumpfte die Wirtschaft um etwa zehn Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 17 Prozent. Die Zahl der Armen ist unter Chavez noch weiter angestiegen. Doch er ist der gewählte Präsident. Nur ein Referendum kann ihn zu Fall bringen. Chavez ist ernst geworden in diesen Tagen. Er beruft sich auf die Verfassung, die ein Referendum frühestens im August dieses Jahres erlaubt. Bis dahin sollen lieber Steine und Kugeln fliegen.

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