Google : Das Datenmonster

Welche Macht hat Google? Anfangs, als sich das weltweite Netz allmählich ausweitete, gab es Eingeweihte und Novizen. Doch längst hat die datentechnische Weltrevolution alle Schichten, Geschlechter und Altersklassen erfasst.

Caroline Fetscher

Schüler erledigen Hausaufgaben, indem sie durch das Tor von Google zu ihren Themen surfen. Selbst Rentner suchen und buchen ihr Hotel an der Küste der Blumeninsel Madeira über die Pfade, die Google bietet, sie erkundigen sich dabei nach der Wettervorschau und bestellen den bunten Reiseführer im Netz.

Die „Datenkrake Google“, wie die Maschine mitunter genannt wird, gibt den Weg frei zu Milliarden von Informationen, die das Netz festhält. In Sekunden kann man von Alaska bis Kapstadt surfen, von neuesten Nachrichten zu digital archivierten Faksimiles alter Handschriften, von medizinischen Ratgebern zu Chatrooms und Partnerbörsen. Google als System ist dabei selbst nicht die Quelle aller Quellen, sondern eröffnet den Zugang zu ihnen – als nahezu globaler Monopolist.

„Ich habe Jack gegoogelt, mit schlechtem Gewissen“, gestand unlängst eine Bekannte aus Vancouver, „so was macht man eigentlich nicht!“ Doch fast alle machen es. Über ihren möglichen neuen Boyfriend aus Toronto hat die Bekannte via Google mehr herausgefunden, als der ihr über sich erzählen wollte. Jack wiederum kann, wenn er will, seine Netzdaten so manipulieren, dass sie abschrecken oder anlocken – in Sekunden.

Mit dem neuen Browser Google Chrome soll die Raserei auf der Datenautobahn künftig nahezu Lichtgeschwindigkeit erreichen. Schneller, besser, stabiler, reibungsloser – so kündigt die Datenkrake den Browser an, der noch weiter und dynamischer in die Tiefe tauchen soll als sämtliche Konkurrenten. Parallel zur Faszination, mit der Chrome erwartet wird, kriecht Paranoia in manchen Internetnutzer: Jeder Chrome-Browser, den wir herunterladen, erhält eine eigene Nummer. Wandern wir über den Browser ins Internet, kann er theoretisch unsere Bewegungen abspeichern, wir zappeln wie gläserne Fische im weltweiten Netz. Ob wir wollen oder nicht, wir werden lesbar, wie es seit George Orwell als Menetekel an der Wand steht. Information zu suchen, wird noch mehr als heute bedeuten, sich preiszugeben. Entstehen könnte ein grenzüberschreitender, elektronischer Universalpass, von dem der Halter selber wenig weiß. Google hätte nicht nur ein Suchmonopol, sondern auch eine Art Findemonopol.

„Google is watching you“? Wir sollten souverän genug sein, diese Alarmanlage wieder auszuschalten. Jeder Browser verfügt bereits heute über ähnliche Fähigkeiten, ohne dass dadurch sämtliche Individuen ihre Persönlichkeit verloren hätten. Sicher, Datenschutz wird immer wichtiger. Doch vor allem: Eine Maschine bleibt eine Maschine bleibt eine Maschine. Die Flut an Daten, die auch widersprüchlich und irreführend sein können, wird kein Apparat der Welt jemals auswerten und ausbeuten können. Was Surfende mit Daten anfangen, was sie motiviert, genau diese Daten zu suchen und keine anderen, wie sie die Daten miteinander verknüpfen, im Wachen und im Traum, das wird so unerforschlich bleiben wie Kreativität oder Liebe.

Daten können kostbare Einschätzungshilfen liefern, volle Kontrolle niemals. Es kommt vielmehr darauf an zu lernen und zu lehren, selbstbewusst und schöpferisch mit der neuen Freiheit und Unsicherheit zu leben.

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