Zeitung Heute : Google gibt Gas: Über eine halbe Milliarde Meinungsbeiträge

Jochen Reinecke

Es ist schon eine kleine Sensation: Quasi über Nacht haben die Betreiber der Suchmaschine www.google.com das größte öffentlich zugängliche Usenetarchiv "dejanews" gekauft. Im Komplettpaket mit dem Domainnamen www.deja.com und eingetragenen Warenzeichen. Wer in den letzten Tagen ahnungslos www.deja.com angesurft hat, um alte Einträge in den Schwarzen Brettern des Internets nachzulesen, wird sich die Augen gerieben haben, als ihm das Logo von Google entgegenblinkte.

Das Usenet ist ein weltumspannendes Diskussionssystem, das hauptsächlich über das Internet genährt wird. Es besteht aus mehreren Zehntausend öffentlich zugänglicher Newsgruppen, von denen jede ein spezifisches Thema behandelt. Es gibt inhaltlich keine Grenzen. Man kann über das Tuning von Autos diskutieren, Kochrezepte austauschen, Verschwörungstheorien und Pornographie verbreiten, aber auch konkreten Support für Computerprogramme abrufen und zur Verfügung stellen. Jeder kann Mitteilungen in jede dieser Newsgruppen senden und bei der Gelegenheit lesen, was andere geschrieben haben.

Zu seiner Anfangszeit war das Usenet ein Ort, an dem sich eher die versierten Computerfreaks herumtrieben. Um im Usenet zu veröffentlichen, war spezielle Software notwendig wie der Forté Free Agent. Seit jedoch die großen kommerziellen Internetprogramme von Netscape oder Mirosoft in der Lage sind, den Zugang zu den Newsgroups herzustellen, erfreut sich das Usenet auch bei Internetneulingen größerer Beliebtheit. Allerdings nicht unbedingt zur reinen Freude der Freaks, prasseln doch seitdem auch viele unqualifizierte Mitteilungen auf das Usenet nieder.

Ein gewisser Steve Madere kam 1994 auf die Idee, alle im Usenet veröffentlichten Beiträge zu archivieren und dieses Archiv öffentlich zugänglich zu machen. Dejanews war geboren. Unter www.dejanews.com entstand in Anlehnung an die Redewendung "Déjà vu" ein beinahe vollständiges und stetig wachsendes Archiv aller seit 1995 im Usenet veröffentlichten Beiträge. Dieses Archiv war im Volltext durchsuchbar. Wer also ein Problem mit dem Zündverteiler seines Fiat hatte, musste nur die Worte "fiat" und "Zündverteiler" in die Suchmaschine eingeben und hatte gute Chancen, in einem Beitrag Kontakt zu Leidensgenossen, vielleicht sogar auch die Lösung des Problems präsentiert zu bekommen. Gratis.

Mit dejanews.com ließ sich überdies trefflich schnüffeln. Zahlreiche Sortierfunktionen erlaubten die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen. Ein Beispiel: Der Personalchef eines großen Unternehmens bekommt eine E-Mail-Bewerbung. Er gibt die Mail-Adresse des Absenders bei dejanews ein und findet in Sekundenschnelle von der betreffenden Person aufgegebene Artikel. Dann lässt er sich die sogenannte Posting History der gesuchten Person anzeigen; eine genaue Auflistung aller von dieser Person jemals im Usenet veröffentlichten Nachrichten, bestens sortiert nach Newsgruppenthemen. Dabei stellt er fest, dass der Bewerber öffentlich mehrmals über seine Ex-Arbeitgeber gelästert hat. Oder gar jeden Tag während der Arbeitszeit munter 20-30 Nachrichten abgesetzt hat. Dieser Bewerber wird keine Einladung erhalten.

Zurück zur Historie: Irgendwann war dejanews.com ohne professionelle Vermarktung einfach nicht mehr zu finanzieren. Der ganze Datenwust muss schließlich auf reellen Computern gespeichert und fortlaufend indiziert werden. Aus dejanews wurde "deja.com", der halbherzige Versuch ein Webkatalogs. Die ursprüngliche Recherchefunktion wurde in die Schmuddelecke www.deja.com/usenet verbannt. Auch das scheint kein Erfolg gewesen zu sein, denn vor einem halben Jahr wurde mehr als ein Drittel der inzwischen 140 Angestellten von dejanews.com entlassen. Kein Wunder also, dass man nichts gegen Googles Idee einzuwenden hatte, die Daten kurzerhand zu kaufen. Über die Kaufsumme schweigen beide Parteien.

Das Brisante: Bisher war dejanews als Recherchemöglichkeit eher den Internet-Eingeweihten bekannt. Viele der Leute, die im Usenet geschrieben haben, wissen bis heute nicht, dass ihre Ergüsse zentral gespeichert sind. Wenn jetzt die Bekanntheit und die Performance einer der erfolgreichsten Suchmaschinen überhaupt auf den gigantischen Datenbestand von einer halben Milliarde "gekauften" Usenet-Nachrichten treffen, dann könnte es für manche Menschen ungemütlich werden. Die vor einigen Jahren im Irrglauben der Abgeschiedenheit vom Rest des Internet geschriebenen, womöglich polemischen oder sonstwie peinlichen Nachrichten können als Bumerang zurückkommen. Immerhin umfasst der von Google gekaufte Datenbestand über eine halbe Milliarde an veröffentlichten Diskussionsbeiträgen.

Der Kauf des Usenet-Archivs ist nur einer von vielen Schachzügen des smarten Suchmaschinen-Unternehmens Google. Google sorgte zunächst durch sein ausgefeiltes Suchsystem für Aufsehen. Die nach Eingabe von Stichworten ausgegebenen Suchergebnisse werden von Google dahingehend ausgewertet, ob Nutzer sie brauchbar finden. Surft der Suchende nämlich nach Anklicken eines Suchergebnisses nicht zu Google zurück, kann man davon ausgehen, dass das Suchergebnis brauchbar war. Und so kommt dieses Suchergebnis auf der Google-internen "Hitparade" weiter nach oben. Somit werden mit steigender Benutzung der Suchmaschine die Suchergebnisse immer besser.

Der zweite geniale Schachzug folgte vor einigen Wochen: Google fing als erste Suchmaschine damit an, Dokumente im PDF-Format mit zu indizieren, eine ebenfalls gigantische Menge an weiteren wertvollen Informationen. Jetzt hat Google sich das Usenet-Archiv einverleibt.

Zum Ärger der Dejanews-Freunde ist derzeit ein großer Teil der alten Funktionen verschwunden. So kann man im Moment nur Nachrichten der letzten sechs Monate abfragen, auch die Posting History und das anonyme Veröffentlichen von Mitteilungen über die Website ist nicht möglich. Google verspricht in einer Pressemitteilung, diese Funktionen im eigenen Layout zu reproduzieren und - ergänzt durch weitere Funktionen - in naher Zukunft wieder zur Verfügung zu stellen. Was Google wohl als nächstes treibt? Womöglich wird die Usenet-Suche kostenpflichtig. Spannend genug ist sie.

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