GOTLAND FÜR GOLDGRÄBER : Die Schatzinsel der Wikinger

Die geschichtsträchtige Insel Gotland, fast mitten in der Ostsee gelegen, ist eines der schönsten Reiseziele Skandinaviens

Alva Gehrmann

ANREISE



Ab Stockholm verkehrt ab etwa 25 Euro eine Fähre: www.destinationgotland.se.

Im Sommer gibt es Nonstop-Flüge von Hamburg nach Visby für etwa 85 Euro,

www.gotlandsflyg.se.

Weitere Verbindungen unter /www.skyways.se und www.gotland.net/deutsch/anreise.asp

ÜBERNACHTEN

Zum Beispiel im Clarion Hotel Wisby, Strandgatan 6 in Visby, DZ in der Nebensaison ab etwa 103 Euro, Tel. 0046/498/25 75 00, www.choice.se.

Oder in Crêperie & Logi, Wallers Plats 3, Visby, Suite für zwei Personen ab 168 Euro (Nebensaison), Tel. 0046/498/28 46 22, www.creperielogi.se oder:

www.gotlandsresor.se

SCHATZSUCHE

2008 ist in Schweden das „Jahr der Archäologie“. Im Länsmuseet wird es ein Programm für Schatzsucher geben (auch für Kinder); Strandgatan 14, 62156 Visby, Telefon: 0046/498/29 27 00, www.lansmuseetgot land.se

Außerdem veranstaltet der Archäologe Dan Carlsson Ausgrabungscamps.

Die Gotländer gelten als eigen. Und tatsächlich klingt es seltsam, was man über die Bewohner und die Insel hört: Metalldetektoren sollen hier streng verboten sein, die Schafe ein bisschen aussehen wie große Pudel und in Aquavit getunkte Schafsaugen sollen als Delikatesse gelten. Gotland ist eben nicht Schweden! Sagen zumindest viele Gotländer und verweisen auf ihre eigene Sprache. Das Gotländische ist eine alte nordische Sprache, dem Isländischen ähnlich. Vielleicht ist es ja auch die abgeschiedene Lage, die sie hier ein bisschen eigen macht.

Immerhin befindet sich die größte Insel der Ostsee rund 90 Kilometer vom schwedischen Festland entfernt – und 130 Kilometer von Lettland. Mitten in der Ostsee also. Dementsprechend anders ist auch die Natur auf der Kalksteininsel mit ihren zahlreichen Klippen, die steil zum Meer hinabfallen. Einst war Gotland dicht bewaldet, doch im Laufe der Jahrhunderte bauten die Menschen hier so viele Boote und Häuser, dass auf der Insel heute nur kleine Kiefern wachsen. Gezeichnet vom scharfen Ostseewind stehen sie windschief an den langen Sand- und Steinstränden. Wer über die Insel reist, entdeckt aber auch die sanften Seiten: zum Beispiel die vielen Orchideen auf den Wiesen und gelegentlich weiße Schwäne, die elegant an der Küste entlangschwimmen.

Viele Schweden verbinden eine Sehnsucht mit dieser Insel – auf der es mehr Sonnentage gibt als auf dem Festland und das Klima wärmer ist. Da die meisten Schweden ihr Kleinod jedoch nur in den Sommermonaten besuchen, hat der Gotland-Besucher im milden Frühjahr und Herbst die Insel fast für sich alleine.

Wer mit der Fähre anreist, sieht schon aus der Ferne die Silhouette der Hansestadt Visby. Schon die Wikinger mit ihren wendigen Langbooten ankerten zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert unweit des heutigen Hafens. Die Lage der Insel mitten in der Ostsee machte sie zu einem wichtigen Knotenpunkt für die Handelsbeziehungen zwischen dem dänischen Hedeby im Westen und dem russischen Nowgorod im Osten. Auf Gotland lebten die geschickten Seefahrer auch als friedliche Bauern.

Einen Großteil ihrer Kostbarkeiten vergruben sie und machen die Insel so zu einer wahren Fundgrube für Wikingerschätze: Mehr als 700 entdeckten Archäologen und Anwohner bisher auf Gotland, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Erst im September fand ein Rentner im Ort Bunge den neuesten Schatz. Er grub gerade das Gemüsebeet seines Sommerhauses um, als er plötzlich auf 1000 Jahre alte Münzen stieß. Insgesamt fand man im Beet rund 70 Geldstücke. Eine Lappalie, ein wirklich kleiner Fund im Vergleich zum weltweit größten Silberschatz aus der Wikingerzeit, der natürlich auch auf Gotland ausgegraben wurde.

Der wog rund 70 Kilogramm und bestand aus über 14 000 Münzen sowie Schmuck und silbernen Armreifen, die als Zahlungsmittel dienten. Gefunden wurden die Kostbarkeiten 1999 auf dem Hof Spilling des Bauern Björn Engström im Nordosten der Insel. Auch hier war die Entdeckung ein Zufall. Mittlerweile ist der Spillingschatz im Länsmuseet, dem historischen Museum in Visby, zu sehen. „Die Münzen kamen aus Goslar, aber auch aus Arabien. Sie beweisen, dass die gotländischen Wikinger weitverzweigte Kontakte hatten und Handel bis nach Taschkent und Samarkand betrieben“, sagt Gun Westholm, Archäologin und Historikerin des Museums. „Die vielen Silberschätze zeugen auch vom damaligen Reichtum Gotlands.“ Um Plünderungen zu vermeiden, sind auf der Insel Metalldetektoren für Privatpersonen streng verboten. Findet ein Gotländer etwas, muss er sich direkt bei den Behörden melden.

Mit knapp 58 000 Einwohnern ist Gotland eine kleine Gesellschaft, 22 000 davon leben in Visby. Bevor im Sommer die Fähren mit den Touristen anlegen, ist es in der Hansestadt idyllisch. An den Holzhäusern ranken Rosensträucher und Efeu, durch die Sprossenfenster erhascht man einen Blick auf die Bewohner beim Kaffeekränzchen, und über die nassen, kopfsteingepflasterten Gassen hüpfen Elstern. Noch idyllischer wird es auf dem Land.

Die Dörfer bestehen meist nur aus einer Straße, an der verstreut ein paar Höfe liegen. Supermärkte gibt es hier nicht, selbst einen Tante-Emma-Laden sucht man vergeblich. Wer Salat, Möhren oder Äpfel braucht, holt sie sich vom Feld des Bauern und legt etwas Geld in die bereitgestellte Blechdose. Und das funktioniert? „Ja, klar“, sagt Berith Meier. „Wir vertrauen uns hier und helfen einander.“

Für die Schwedin Meier ist Gotland das Paradies. Schon immer träumte die Mittfünfzigerin davon, eines Tages auf der Insel zu leben. Hier wagte sie einen Neuanfang: kaufte sich ein 50 Quadratmeter großes Haus am Rande Visbys, fing an als Lehrerin zu arbeiten – und zeigt seitdem Besuchern „ihre“ Insel. Berith Meier hat lange blonde Haare, trägt schwarze Kleidung und sieht mit ihren vielen silbernen Ringen auf den ersten Blick eher wie eine Rockerbraut aus.

Sie weiß alles über Gotland: Dass die Küste 8000 Kilometer lang ist, Lauri Pappinen aus dem Dorf Hablingbo der nördlichste Winzer Europas ist und einen preisgekrönten Grappa herstellt, auf der Insel in den 60er Jahren die Pippi-Langstrumpf-Geschichten verfilmt wurden, es insgesamt 92 Kirchen gibt und mehr Schafe als Einwohner. „Sind die nicht süß?“, fragt sie und parkt bei ihrer Tour über die Insel das Auto kurz am Wegesrand, wo eine Herde von Gotlandschafen grast. Na ja, mit ihrem gekräuselten grau-schwarzen Fell sehen sie halt aus wie Pudel mit Hörnern.

Umso schöner ist dafür aber die weite Natur entlang der Westküste Gotlands: Keine Menschenseele in Sicht und windig ist es an diesem Tag auch nicht. Dennoch zeugen die windschiefen Kiefern von der Kraft der Natur. Die Küstenlandschaft fasziniert bis heute auch den Maler Lars Jonsson. In Vamlingbo, im Süden Gotlands, hat er sein eigenes Museum, in dem seine Arbeiten ausgestellt werden. Jeden Tag malt er in sein Skizzenbuch neue Aquarelle. Das häufigte Motiv: Vögel! Möwen, Adler oder Halsbandschnäpper.

Der Zwei-Meter-Mann mit den riesigen Händen zeichnet filigrane Bilder, und auch wenn man kein Fan von Vogelbildern sein mag, so haben die Arbeiten doch ihren Reiz: die sanften Farben, die geschwungenen Federstriche. Über 10 000 dieser Aquarelle hat Jonsson bisher gemalt. Nach einer halben Stunde Gespräch wird er unruhig. „Entschuldigen Sie, aber das Licht ist gerade so toll“, sagt er und lächelt ein bisschen verlegen. „Ich muss jetzt raus. Malen.“ An der Südspitze, nur zehn Autominuten vom Jonssons Museum entfernt, stehen am Strand die bizarren Kalkfelsen, Rauken genannt.

Zwei Autostunden sind es zurück bis nach Visby. Die Hansestadt wird von einer Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert umringt: einst sollte sie Piraten aufhalten. Heute rahmt sie die mittelalterlichen Packhäuser und die Ruinen ein. Zwischen den Überresten der St. Hans Kirche gibt es im Sommer sogar ein kleines Café. Im Restaurant Lindgarden gibt es gotländische Küche. Dazu gehören Lammfleisch und Safrankuchen. Schafsaugen in Aquavit werden auf der Insel nur auf traditionellen Dorffesten serviert. Aber das ist kein großer Verlust.

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