Zeitung Heute : Gott in der Seele, Sand in den Augen

Er hat mit ihnen gebetet, und er hat immer so tiefsinnige Sätze gesagt. Aber plötzlich war ihr Finanzberater weg – und mit ihm viel Geld. Der sitzt zwar jetzt in U-Haft, aber die Nonnen im Berliner Kloster der Christkönigschwestern wissen nicht, was aus ihnen werden soll.

Claudia Keller

Es war ein Abend im September 2001, als Schwester Stephana und Schwester Christophora Martin S. zum letzten Mal sahen. Bei einem Abendessen im Kloster in Berlin-Lankwitz haben sie ihn wieder einmal nach der Villa gefragt. Ob er nicht wenigstens ein Foto davon habe? Schließlich hatte Martin S. die Villa zwei Jahre zuvor mit Krediten gekauft, für die die Nonnen bürgten. „Das ist unter meinem Niveau“ habe Martin S. gesagt, sei aufgesprungen und weggefahren, erinnern sich die Schwestern. Seitdem war er verschwunden, und seit diesem Abend ist für die Christkönigschwestern nichts mehr, wie es war. Der Alltag mit den festen Gebetsritualen und Mahlzeiten ist zwar gleich geblieben. Aber 2,3 Millionen Euro, das Vermögen, das sie über 80 Jahre zusammengetragen haben und das ihre Altersvorsorge sein sollte, ist weg – und damit die Sicherheit. „Wir wollten immer nur das Gute“, sagt Schwester Stephana, die Priorin. „Aber auf einmal war kein Geld mehr da.“

Schwester Stephana ist 73 Jahre alt und sitzt an diesem Vormittag in ihrer schwarzen Ordenstracht mit Schleier im Empfangszimmer des Klosters in Lankwitz, einem denkmalgeschützten Gutshaus. Die Dielen sind blank gebohnert. Alles ist ordentlich, es riecht nach nichts. Kein Parfum, kein Essensgeruch, kein Putzmittel. Es ist ein wenig, als hätten die Nonnen ihre eigene Existenz schon aus dem Haus geputzt. Ob sie bleiben können, ist ungewiss. Schon im Dezember 2002 mussten die Ordensfrauen das Theodosius-Krankenheim, in dem sie 70 Jahre lang Kinder und später alte Menschen gepflegt haben, schließen und Insolvenz anmelden.

Schwester Stephana, die kleine rundliche Frau, zupft an der Decke über ihren Knien und erzählt, wie sie mit 18 Jahren in das Kloster an der Lankwitzer Dorfaue eintrat. Das war 1949. Damals lebten hier 25 Ordensfrauen. Sie hatten das zerstörte Kloster und das benachbarte Krankenheim mit ihren eigenen Händen wieder aufgebaut. Wer alt wurde, für den sorgten die jüngeren Schwestern. Deshalb machte sich Schwester Stephana lange Zeit keine Gedanken um ihre Altersvorsorge. Dann aber wollten immer weniger Frauen in ihre Gemeinschaft eintreten. Heute sind sie nur noch zu fünft. Neben Schwester Stephana sitzt Schwester Christophora am Tisch, das Nesthäkchen. Sie ist 69 Jahre alt, zart und zierlich und sagt: „Wir hängen nicht von den Menschen ab, sondern von Gott.“ Der Glaube hat ihren scheuen Charme konserviert und sie lange vor Enttäuschungen bewahrt.

Bis sie Martin S. kennen lernte. Das war 1997. Im Jahr zuvor war eine der Schwestern sehr krank geworden. Allen wurde deutlich, dass nun die Zeit gekommen war, um die Geschäfte so zu ordnen, dass man ohne Sorge alt werden kann. Die Nonnen wussten, dass sie das alleine nicht schaffen würden. Sie holten sich Rat von außerhalb. Der stellvertretende Leiter der Caritas in Augsburg hatte einen Tipp: Er kenne da einen sehr kompetenten Berater – Martin S.

Zunächst schien alles gut zu laufen. „Er machte einen guten Eindruck“, sagt Schwester Stephana. Martin S. betete mit den Nonnen und feierte mit ihnen in der Kapelle die heilige Messe. Er saß mit ihnen am Mittagstisch, sie bezahlten ihm eine Wohnung in der Nähe des Klosters. Dass er sie hätte hintergehen können, war jenseits ihrer Vorstellungskraft. Als Martin S. Computer kaufte, dachten die Nonnen, die Geräte seien wichtig, um auf der Höhe der Zeit zu sein. Dass sie überdimensioniert und viel zu teuer waren, begriffen sie nicht. Auch nicht, dass die Vernetzung des Klosters es Martin S. ermöglichte, die gesamte Buchhaltung von außerhalb zu kontrollieren.

Dass der neue Berater gleich zu Anfang einen Verein, ein Kuratorium gründete, auch darüber wunderten sich die Ordensfrauen nicht. „Vor 30 Jahren haben wir schon einmal ein Kuratorium gegründet“, sagt Schwester Stephana, „wir dachten, das sei etwas Gutes.“ Dass S. sie dann sukzessive aus diesem Kuratorium herausdrängte und sich zum alleinigen Vorstand machte, das geschah zwar unter ihren Augen und mit ihren Unterschriften, aber offenbar so, dass die Schwestern die Tragweite nicht erkannten. Auch welche Konsequenzen es haben könnte, dass S. einen Bekannten zum Geschäftsführer der Dominikushaus GmbH ernannte, einer GmbH, die die Nonnen in den 20er Jahren gegründet hatten, um das Krankenheim zu betreiben, blieb ihnen verborgen. „Er hat uns Sand in die Augen gestreut“.

Offenbar nicht nur den Berliner Nonnen. „Er ist ein geschickter Redner und hat eine Aura“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter von S. aus Freiburg. Dort leitete Martin S. seit 1989 drei Altenheime. „Nach zehn Minuten glauben Sie ihm alles.“ Wie er das macht, kann man sich in einer Fernsehdokumentation des Südwestrundfunks anschauen. Dort hatte Martin S. als Geschäftsführer eines Freiburger Altenheims 1994 beteuert: „Die Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass einzelne Menschen Verantwortung für andere übernehmen. Das ist etwas, was in unserer Konsumgesellschaft, im Materialismus der postchristlichen Gesellschaft überhaupt nicht wahrgenommen wird.“ Dabei neigte er sein fleischiges Gesicht und blickte bedeutungsschwer an der Kamera vorbei in die Ferne. Über dem blauen Hemd und der dunklen Krawatte trug er eine schwarze Strickjacke. „Kein Mensch will wahrhaben, dass wir angewiesen sind auf die freie, unbedingte Zuwendung anderer Menschen“, hatte S. seine Ausführungen in der Sendung geschlossen. „Davon leben wir. Wir leben nicht vom Geld, das können wir nicht essen.“

Im Januar 1998, einen Monat, nachdem Martin S. den Schwestern vorgestellt worden war, zeigten ihn die Mitarbeiter des Altenheims St. Marien in Freiburg wegen Untreue bei der Polizei an. Die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf. „Seine Firmenwagen wurden immer größer, für die Pflege der alten Menschen blieb immer weniger Geld“, sagt einer, der die Anzeige unterschrieben hat. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Immer mehr Pfleger sollen wegen angeblichen Geldmangels entlassen worden sein, die „Badische Zeitung“ berichtete von „Krätze im Pflegeheim“. Gleichzeitig habe S. in seiner eigenen Beratungsfirma neue Mitarbeiter eingestellt. Zu einem Prozess kam es jedoch nicht. Der Berliner Insolvenzverwalter Peter Leonhardt hat ein Jahr lang Dokumente gesichtet, um herauszufinden, wie es zu dem Vermögensverlust der Christkönigschwestern kam. Er hat auch die Freiburger Polizeiakten eingesehen und meint, die katholische Kirche habe damals einen Skandal vermeiden wollen und der Polizei die Informationen für die weitere Strafverfolgung vorenthalten. „Wir hatten nicht den Verdacht, dass hier Betrügereien vorliegen“, sagt hingegen der Freiburger Weihbischof Bernd Uhl. „Außerdem war unser oberstes Ziel, dass er sich aus der Geschäftsführung zurückzieht.“

Das tat Martin S. 1997 und parkte seinen schwarzen Mercedes mit dem Schweizer Kennzeichen fortan vor dem Kloster in Berlin. Nachdem er die Nonnen aus den leitenden Positionen der Dominikushaus GmbH herausgedrängt hatte, beauftragte er Unternehmen, die ihm oder Mittelsleuten gehörten, mit Dienstleistungen für das Kloster. Die allerdings seien nie erfolgt oder stellten sich als wertlos heraus, so der Verdacht der Berliner Staatsanwaltschaft.

Auch manche Banker konnten sich offenbar der Aura von Martin S. nicht entziehen und gaben der Dominikushaus GmbH mehrmals Millionenkredite, abgesichert durch die Grundstücke des Klosters. Die Nonnen bürgten. Martin S. gab an, auf dem 4000 Quadratmeter großen Klostergrundstück ein neues Pflegeheim bauen zu wollen, kaufte aber stattdessen eine Villa in der Nähe von Freiburg, in die er mit seiner Frau und seinen acht Kindern einzog. Schwester Stephana machte er das Haus als Geldanlage schmackhaft. Als ihnen Martin S. ein Dreivierteljahr später immer noch kein Foto des Anwesens vorlegen wollte, kam den Schwestern zum ersten Mal ein Verdacht. „Wir bekamen auch keine Antworten mehr auf unsere Fragen“, sagt Schwester Christophora. Das fanden die Ordensfrauen dann doch ungehörig. Da mittlerweile auch das Erzbistum Berlin in den Fall eingegriffen hatte, konnte 2001 verhindert werden, dass sich S. die Villa als Eigentum überschrieb.

Martin S. sitzt seit vergangener Woche in Freiburg in Untersuchungshaft. Er bestreitet alle Anschuldigungen. „Der Hauptvorwurf, er habe Beraterleistungen abgerechnet, die nicht erbracht worden sind und von den Schwester nicht gebilligt wurden, ist haltlos“, sagte sein Strafverteidiger. Die Leistungen seien erfolgt aufgrund von Verträgen, die die Schwestern unterschrieben haben. „Wenn man Verträge gegenzeichnet, hat man eben Pech.“ Da bleibe kein Interpretationsraum, es sei denn, man könne den Schwestern nachweisen, dass sie eingeschränkt geschäftsfähig waren. Die Berliner Staatsanwaltschaft und Insolvenzverwalter Peter Leonhardt sehen das anders. Sie hoffen, dass sie zumindest einen Teil des Vermögens zurückholen können.

Die Nonnen haben Angst vor einem öffentlichen Prozess. Aber noch mehr graut ihnen davor, ihr Haus aufgeben und in ein Altenheim ziehen zu müssen. „Das kann uns keiner antun“, sagt Schwester Christophora mit ihrer dünnen Stimme.

Das Schicksal der Christkönigschwestern ist kein Einzelfall. Die deutschen Bischöfe haben erkannt, dass fester Gottesglaube allein nicht ausreicht, um einen Orden, ein Krankenhaus oder gar einen Wohlfahrtsverband zu leiten. Vor einem Monat forderten sie, auch gemeinnützige kirchliche Einrichtungen sollten wie Aktiengesellschaften professionelle Aufsichtsgremien bekommen. Die Caritas will künftig nur noch solche Häuser in ihren Verband aufnehmen, die sich dazu selbst verpflichten. Den Christkönigschwestern allerdings hilft das jetzt auch nicht mehr.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben