Zeitung Heute : Gott und die anderen

Glaube, Liebe und Vernunft – was der Papst über das Verhältnis von Islam und Christentum zu sagen hat

Claudia Keller

In einer Rede vor Wissenschaftlern in der Universität Regensburg hat sich Benedikt XVI. mit dem Verhältnis von Christentum und Islam auseinandergesetzt. Welche Botschaft hat der Papst?


Viele hatten gerätselt, ob der Papst auf seiner Bayern-Reise auch etwas zum 11. September sagen würde. Er hat es getan, wenn auch nur indirekt. In seiner Predigt am Dienstagvormittag vor 300 000 Menschen in Regensburg lehnte er Gewalt als „lebensgefährliche Erkrankungen der Religion und der Vernunft“ ab. Am Nachmittag sprach er dann vor Wissenschaftlern der Universität Regensburg. Und in dieser Rede setzte sich Benedikt XVI. mit dem Gottes- und Weltbild des Islam auseinander. Er sprach über den Dschihad, den Heiligen Krieg, der im Koran verankert sei. „Hier tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert“, sagte er.

Während des Besuchs in Bayern ist das zentrale zentrale Anliegen von Benedikts Pontifikats deutlich geworden: Er will der Gewalt und dem religiösen Fanatismus eine christliche Botschaft von Liebe, Glaube und Vernunft entgegensetzen. In seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“hatte er den Zusammenhang von Gott und Liebe aufgezeigt. Die Liebesbotschaft in den Mittelpunkt zu stellen, das hat kein Papst vor ihm getan. „Der Glaube ist Liebe“, wiederholte Benedikt nun in Regensburg. Gleichzeitig leugnet diese Papst nicht, dass auch das Christentum auf eine jahrhundertelange Tradition der Gewalt zurückblickt.

Das Verhältnis von Glaube und Vernunft, treibt Benedikt XVI. schon seit Jahren um. Um diese Thematik drehte sich 2004 sein Disput mit dem Philosophen Jürgen Habermas, darüber sprach er vor ein paar Monaten auch mit seinem früheren Widersacher, dem Theologen Hans Küng. Vor den Regensburger Wissenschaftlern erweiterte er das Thema nun um einen Vergleich mit dem Islam. Um zu zeigen, wie unterschiedlich das Christentum und der Islam mit Glaube und Vernunft umgehen, griff der Papst auf einen überlieferten Dialog zurück, der sich der Belagerung Konstantinopels durch die Muslime Ende des 14. Jahrhunderts zugetragen hat. Der christliche, byzantinische Kaiser Manuel II. spricht mit einem persischen Gelehrten über die Bibel und den Koran. Der Kaiser sei dabei auch auf das Thema Dschihad eingegangen, referiert Benedikt, und habe seinem Gesprächspartner vorgehalten: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwer zu verbreiten“. Der Papst lässt mit den Worten des historischen Kaisers entgegnen: „Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftmäßig zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“ So sehe es der christliche Kaiser, und so sieht es Benedikt XVI. Nicht aber die Muslime, folgt man der Argumentation des Papstes.

Bei seinen Ausführungen über den Islam leiht sich Benedikt den Sachverstand von Theodor Khoury, einem renommierten Islamwissenschaftler, der das historische Gespräch kürzlich mit Anmerkungen versehen veröffentlicht hat. Was Khoury geschrieben hat, fasst der Papst so zusammen: „Für die moslemische Lehre ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die Vernünftigkeit“. Der Gott der Muslime sei weder an die Wahrheit noch an das Gute gebunden, seine „auch abgründigen Möglichkeiten“ würden sich dem Menschen nicht erschließen. Nach christlichem, von der antiken PhilosophieVerständnis aber handle Gott vernünftig. „Nicht vernunftmäßig zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“, sagt Benedikt. Die Gewalt, die Fanatiker im Namen des Islam ausüben, so könnte man an dieser Stelle herauslesen, hat nach Meinung des Papstes im Gottesbegriff des Islam seine Wurzeln. Dem stellt er das europäische Erbe der Einheit von Glaube und Vernunft gegenüber, „das uns auch heute in die Pflicht nimmt“.

Der Papst versteht Vernunft aber nicht in unserem landläufigen Sinne. Vernunft und Wissenschaft, die sich allein auf das Zusammenspiel von Mathematik und Empirie gründe, lehnt er ab. Er forderte eine „Ausweitung unseres Vernunftbegriffs“ um die Gottesfrage, sonst werde „der Mensch verkürzt“. „Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir zu wenig“, hatte der Papst am Sonntag gesagt. So könnten wir nicht den „Wettbewerb um die Herzen“ der Völker Afrikas und Asiens gewinnen. Einen Wettbewerb, in dem wir mit dem Islam stehen. „In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft sei universal. Aber eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen“, sagte der Papst gestern. Der Papst empfiehlt diesen Dialog dringend, sonst nehme der Westen Schaden. Kurz gesagt, heißt das: Beide Seiten, die Muslime und die Christen, müssen an sich arbeiten, um eine gemeinsame Sprache zu finden. Den Muslimen fehlt es an Vernunft, dem Westen am Glauben.

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