Zeitung Heute : „Gott wird jene zerstören ...“

... die seine Schöpfung zerstören, spricht Al Gore. Auch deshalb will er die Welt retten. Und Gore weiß sogar, wie das gehen könnte.

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Al Gore, 58, war acht Jahre lang Bill Clintons Vizepräsident. Schon damals schrieb er ein aufsehenerregendes Buch zur Umweltpolitik, nun ist er Protagonist des erfolgreichsten Dokumentarfilms aller Zeiten: „Eine unbequeme Wahrheit“ behandelt die drohende Klimakatastrophe und die Schuld der Menschen daran.

Interview: Stefanie Flamm und Harald Schumann Herr Gore, Sie reisen um die Welt, um für Ihren Film über die drohende Klimakatastrophe zu werben. Haben Sie ausgerechnet, mit wie vielen Tonnen Kohlendioxid diese Reisen die Atmosphäre belasten?

Ich nicht, aber es wird trotzdem genau berechnet. Der Filmverleih hat sich verpflichtet, dass der Kohlendioxidausstoß dieser Reise vollständig neutralisiert wird. Das heißt, die Menge, die wir erzeugen, wird durch Investitionen in brennstoffsparende Technik anderswo ausgeglichen. Außerdem haben meine Familie und ich uns für einen „Carbon-Zero-Lifestyle“ entschieden …

… ein Leben ohne zusätzliche Treibhausgase außer dem eigenen Atem …

… und zwar zum einen, indem wir die Menge CO2, für die wir selbst verantwortlich sind, so weit wie möglich reduzieren. Und weil wir anerkennen, dass das nicht reicht, kaufen wir außerdem noch einen Ausgleich, der sogar über unseren Kohlenstoffverbrauch hinausgeht. Außerdem hat die Produktionsfirma des Films versichert, dass die Kohlendioxidbilanz des Films gleich null sein wird. Auch das Buch zum Film ist das erste Null-CO2-Buch, das je veröffentlicht wurde.

Wie funktioniert das? Wie viel muss man bezahlen, um etwa einen Transatlantikflug zu kompensieren?

Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber es gibt sehr genaue Formeln, mit denen so etwas errechnet wird. Ein ganzer Wirtschaftszweig beschäftigt sich damit, da wurde schon viel Geld angelegt. Es gibt mehrere ziemlich bekannte Firmen, mit denen meine Familie und ich schon lange arbeiten: Eine davon kauft Solarherde für indische Armenhaushalte zum Preis von 300 Dollar, um die alten, schmutzigen Kerosinkochstellen zu ersetzen. Ein anderes Projekt finanziert in Bulgarien den Bau von kleinen Wasserkraftwerken, die den Einsatz von Kohle überflüssig machen.

Solche Ausgleichszahlungen sind doch nur etwas für reiche Leute. Sollen alle anderen auf ihren energieintensiven Komfort wie die Flugreise in den Urlaub verzichten, gerade jetzt, wo das Fliegen, zumindest in Europa, für die große Mehrheit der Bevölkerung bezahlbar geworden ist?

Durch das Pflanzen von Bäumen ist auch viel erreichbar, das ist für jeden möglich. Außerdem sollten natürlich die Fluggesellschaften selbst verpflichtet werden, solche Ausgleichsprojekte zu bezahlen. Und ich möchte wirklich jeden auffordern, sich mit der Möglichkeit zu beschäftigen, den eigenen Lebensstil auf einen Null-Ausstoß von Kohlendioxid umzustellen. Die Internetseite, die ich im Film bewerbe, www.climatecrisis.net, bietet einen CO2-Rechner, den jeder benutzen kann, um herauszufinden, wie viel er zu verantworten hat. Außerdem werden dort Vorschläge unterbreitet, wie der Ausstoß verringert oder ausgeglichen werden kann. Sie wenden sich ganz bestimmt nicht nur an reiche Leute.

Die große Angst in Europa ist dennoch: Wenn wir das Klimaproblem wirklich ernst nehmen, müssen wir unser Leben vollständig ändern und auf Komfort und Luxus verzichten.

Mein Leben würde sich wahrscheinlich verbessern, wenn ich seltener mit dem Flugzeug unterwegs wäre.

Gut, aber der Durchschnittsdeutsche fliegt sowieso nur ein-, zweimal im Jahr, und das hat für viele auch eine symbolische Dimension: Fliegen ist der Inbegriff von Mobilität und Moderne.

Sicher, die Wahl, vor der wir in Zukunft stehen, ist nicht immer einfach. Ich bin dennoch zutiefst davon überzeugt, dass die meisten nötigen Veränderungen unsere Lebensqualität sogar verbessern werden. Wir sollten den Menschen diese Wahl erleichtern, so dass sie gar nicht verzichten müssen: Wir brauchen mehr Hochgeschwindigkeitszüge, die sehr viel energieeffizienter sind als der Straßenverkehr. Die Vereinigten Staaten können da viel von Deutschland lernen, und Deutschland kann viel von Frankreich und Japan lernen. Es gibt viele solcher Beispiele. Häuser verursachen einen höheren CO2-Ausstoß als alle Autos und Lastwagen zusammen. Mit modernen Finanzinstrumenten ist es möglich, die Isolation von Fenstern und Mauern und den Bau von Solarheizungen zu fördern und so die Energiekosten eines Hauses drastisch zu vermindern, ohne den Verkaufspreis in die Höhe zu treiben.

Weil der Kreditgeber über die eingesparten Energierechnungen profitiert.

Genau, aber für den Einzelnen ist das schwierig zu organisieren. Darum braucht es dafür entsprechende politische Programme.

In Ihrem Film und während der Dia-Show, mit der Sie seit drei Jahren um die Welt reisen, nennen Sie unseren Umgang mit dem Klimawandel „hochgradig unmoralisch“. Ist Klimapolitik wirklich ein ethisches Problem oder nicht doch viel mehr eine Frage von Macht und wirtschaftlichen Interessen?

Das schließt sich doch nicht aus. Es ist unethisch, wie wir mit unserer Umwelt umgehen, weil wir damit das Überleben der menschlichen Zivilisation gefährden. Und es beeinflusst die Lebensperspektive unserer Kinder und Enkel. Erinnern Sie diese Geschichte von diesem Giftmüllschiff ...

... das von Holland zur Elfenbeinküste fuhr, um dort das Gift zu verklappen, dessen Entsorgung in Europa zu teuer gewesen wäre ...

... genau. Die Firma wollte das Geld nicht zahlen. So haben sie Menschen, die tausende Kilometer weit weg leben, vergiftet. Wir verhalten uns ähnlich, nur dass die Menschen, die wir schädigen, nicht tausende Kilometer weit weg sind, sondern Tausende von Tagen, in der Zukunft. Natürlich spielen Business und Profit eine große Rolle. Aber es gibt kein Entweder-oder. Wir müssen für die Durchsetzung nachhaltiger Wirtschaftspraktiken kämpfen. Das betrifft die Regierungen und entsprechende Gesetzesvorlagen und das Investitionsklima. Der Markt muss zu der Überzeugung gelangen, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Kriterium ist.

Dazu brauchen Sie Verbündete. Wen wollen Sie mit Ihrer Kampagne erreichen? Die Investoren auf den Finanzmärkten? Die amerikanischen Verbraucher? Oder die gesamte Verbraucherklasse von San Francisco bis Bombay?

Jeder ist mein Publikum. Dabei hatte ich jedoch ein besonderes Bedürfnis, als ich den Film gedreht habe: Ich wollte die Leute in meinem Land ansprechen, weil uns die größte Schuld an der drohenden Klimakatastrophe trifft. Und weil wir am wenigsten dazu beitragen, dieses Problem zu lösen. Als ehemaliger Vizepräsident weiß ich, wie wichtig es ist, die Menschen zu überzeugen, damit der amerikanische Kongress sich in Zukunft verantwortungsvoll verhält. Genauso wende ich mich mit diesem Film auch an die Konsumenten von Bombay und Berlin und überall auf dem Planeten. Es geht schließlich um unser aller Zukunft. Das könnte die Menschheit auch einen, wenn sie die Herausforderung gemeinsam annimmt.

Im Film reden Sie dem Publikum wie ein typischer protestantischer Pfarrer ins Gewissen. Glauben Sie, dass diese Rhetorik einen indischen Hindu oder einen chinesischen Kommunisten überzeugen wird?

Es schmeichelt mir, dass Sie mich mit einem protestantischen Pfarrer vergleichen. Ich bin zwar zur Sonntagsschule gegangen, aber ich bin kein Pfarrer. Als ich vor 14 Jahren mein erstes Buch über dieses Thema schrieb, ich nannte es „Wege zum Gleichgewicht“, gab es darin ein Kapitel darüber, was andere religiöse Traditionen dazu zu sagen haben. Und das ist für alle dasselbe, gleich, ob Sie nun Christ, Protestant oder Katholik sind, ob Sie Jude, Muslim, Hindu oder Buddhist sind. Mohammed sagt im Koran, dass es eine Sünde sei, Bäume zu zerstören, selbst die Bäume des Feindes sind tabu. Die jüdisch-christliche Tradition sagt: Die Erde ist ein Geschenk Gottes, Gott wird jene zerstören, die seine Schöpfung zerstören. Noah erhielt den Auftrag, mit der Arche die Artenvielfalt zu erhalten. Sie finden Hunderte solcher Beispiele. Ich benutze im Film nicht die Sprache einer religiösen Überzeugung, doch meine Botschaft hat selbstverständlich eine spirituelle Dimension.

Was ist am Energiesparen spirituell?

Vor Jahren hat einer meiner Freunde, ein angesehener Wissenschaftler, eine Formulierung verwandt, die in ihrer Terminologie ein wenig merkwürdig wirkt. Er sagte, die Frage, mit der wir konfrontiert seien, laute: Ist die Kombination aus einem zum Greifen nutzbaren Daumen und der großen Hirnrinde eine auf diesem Planeten überlebensfähige Konstruktion?

Er meinte Hand und Hirn, das sei es, was den Menschen ausmacht und ihn womöglich auch zur Selbstzerstörung befähigt?

Das ist eine spirituelle Frage. Sie berührt die Essenz dessen, was wir sind. Ich glaube an Gott, und ich glaube auch, dass es möglich ist, gleichzeitig an Gott, die Evolution und die Physik zu glauben. Als Menschen sind wir ausgestattet mit der Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, zwischen Angst und Hoffnung, zwischen reflexartigen Handlungen und Kontemplation. Und wenn wir uns einer Herausforderung gegenüber sehen, die in ihrer Größe und Gefahr ohne Beispiel ist, müssen wir den simplen Angstreflex überwinden und stattdessen unsere höchsten Fähigkeiten nutzen, um miteinander unsere tatsächliche Lage zu erörtern.

Wenn man sich den Film anschaut, drängt sich der Eindruck auf, dass es darin vor allem um Sie persönlich geht. Warum haben Sie das Thema so eng mit Ihrer eigenen Person verknüpft?

Das war zunächst nicht meine Entscheidung. Der Regisseur Davis erklärte mir, dass es einen Unterschied zwischen einer Diashow gibt, die ja ein Live-Auftritt ist, und einem Film. Da fehlt die automatische Verbindung zwischen Publikum und Redner. Darum schlug er vor, sehr persönliche Episoden in den Film zu integrieren. Er meinte, ich müsse dem Publikum die Möglichkeit geben, sich mit mir zu identifizieren. Dem habe ich dann zugestimmt.

Nächsten Monat beginnen in Nairobi die Verhandlungen für einen neuen globalen Klimavertrag, der nach Auslauf des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 in Kraft treten soll. Meinen Sie, es kann gelingen, die Chinesen oder Inder zu überzeugen, sich zur Begrenzung ihrer Treibhausgasemission zu verpflichten, jetzt, wo sie erstmals die Aussicht haben, unseren Wohlstand zu erreichen?

Ja, ich glaube, das wird irgendwann gelingen. Nur müssen sich vorher erst mal die Vereinigten Staaten bewegen. Sie stehen für 25 Prozent der Weltwirtschaft und sind verantwortlich für 30 Prozent der Treibhausgasemission. Ferner haben wir die größten technischen und wirtschaftlichen Ressourcen, dieses Problem zu lösen. Das heißt, wir müssen zuerst das Kyoto-Protokoll ratifizieren, um andere Länder davon zu überzeugen, das auch zu tun. Alle Verträge der Nachkriegszeit wurden nach diesem Muster geschlossen. Es gab am Anfang immer eine Interessenkollision zwischen den wohlhabenden Staaten und den Entwicklungsländern. Und von den ersten Handelsverträgen bis zum Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht war es immer so, dass die reichen Staaten sich als Erste Beschränkungen auferlegt haben. Wenn das Muster einmal etabliert war, haben sich auch die ärmeren Staaten angeschlossen.

Wenn bis dahin die ganze Welt unseren Lebensstil kopiert, ist die Katastrophe ganz sicher nicht mehr aufzuhalten.

Das gibt uns allerdings nicht das Recht, dies irgendjemandem zu verbieten. Vielmehr haben wir die moralische Verpflichtung, das Problem auch im Interesse der Entwicklungsländer zu kommunizieren. Nehmen Sie China. Dieses Land hat gute Gründe, die Klimakrise sehr ernst zu nehmen. Der Gelbe Fluss und der Yangtse entspringen der tibetanischen Hochebene. Die dortigen Gletscher schmelzen nun sehr schnell, damit gerät die Wasserversorgung für einige hundert Millionen Menschen in Gefahr. Der chinesische Nordosten, die Gegenden um Peking und Schanghai trocknen aus wegen der globalen Erwärmung. Es gibt viele Gründe, warum die Entwicklungsländer mithelfen sollten, das Problem zu lösen, selbst wenn die Vereinigten Staaten dem Vertrag nicht beitreten. Allerdings würde das die Verhandlungen mit China und Indien gewiss leichter gestalten.

Warum haben Sie während der acht Jahre als Vizepräsident der Clinton-Regierung die Alarmglocke nicht so laut klingeln lassen wie jetzt?

Das habe ich doch gemacht! Es wurde nur nicht hingehört. Aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist der Vizepräsident nicht der Präsident. Der kann die allgemeine Richtung bestimmen und den Kurs festlegen, dem die ganze Regierung folgen muss. Doch ich habe Präsident Clinton davon überzeugt, die Klimakrise auf seine politische Agenda zu setzen. Und ich habe viele Veranstaltungen gehabt, bei denen ich genauso Alarm geschlagen habe, immer und immer wieder. Nur geschah das zu einer Zeit, als die amerikanischen Medien vor allem damit beschäftigt waren, den Leuten zu sagen, dass dieses Problem überhaupt nicht existiert. Wenn es immer hieß, dieser verrückte Vizepräsident regt sich mal wieder über etwas auf, worüber es noch gar keine gesicherten Erkenntnisse gibt, war es schwierig für die Leute zuzuhören.

Hat der Hurrikan „Katrina“ diese Verleugnung des Problems nun durchbrochen?

„Katrina“ hat viel bewirkt. Noch kein vollständiges Umdenken, aber die Menschen erinnern sich langsam, dass sie früher schon vor solchen Wirbelstürmen gewarnt wurden und dass sie diese Warnungen damals nur nicht ernst genommen haben.

Jerome Ringo, der Präsident der Apollo Alliance, dem Zusammenschluss der amerikanischen Gewerkschaften und Umweltgruppen für eine neue US-Energiepolitik, hat vergangene Woche in Berlin prophezeit, dass der Klimawandel das wichtigste Thema im nächsten Wahlkampf um die Präsidentschaft sein wird. Kann das wirklich so kommen?

Ja, das halte ich für möglich, und ich hoffe, dass Ringo recht behalten wird.

Wenn Hillary Clinton nicht das Vertrauen der Basis der Demokratischen Partei gewinnt und nicht als Kandidatin antritt, würden Sie ein weiteres Mal für das Amt des Präsidenten kandidieren?

Nein, ich plane keine Kandidatur.

Und wenn Sie von Ihren Parteifreunden inständig darum gebeten werden?

Das wird nicht passieren. Wir reden hier von der Demokratischen Partei. Ein amerikanischer Komiker aus den 30er Jahren hat einmal gesagt, er sei kein Mitglied irgendeiner Partei. Schließlich sei er Demokrat.

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