Zeitung Heute : Gottes Scharfmacher

Bauerntölpel, Messias oder Machtpolitiker? Keiner weiß, wie die Hasstiraden des iranischen Präsidenten zu stoppen sind

Andrea Nüsse[Kairo]

Ein „Licht“ soll ihn umgeben haben, als er vor den Vereinten Nationen seine Rede im Namen Gottes begann. „Ich habe es selbst gespürt“, soll der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad in einem Gespräch mit dem Theologen Ajatollah Javadi Amoli gesagt haben. Die Information über das göttliche Zeichen beim Auftritt in New York im September kursiert auf einer iranischen Internetseite. Ein anderes Gerücht besagt, dass alle Kabinettsmitglieder einen Pakt mit dem im Jahre 941 verschwundenen zwölften Imam unterzeichnen mussten, einem von den Schiiten verehrten Glaubensführer. Der Vertrag soll in einem Brunnen in der Stadt Dschamkaran versenkt worden sein, wo die Rückkehr des Imams erwartet wird.

Hält sich der Sohn eines Schmiedes aus Garmsar, der neue iranische Präsident Ahmadinedschad für den Messias, der glaubt, die islamische Welt retten zu müssen? Oder ist er einfach ein Machtpolitiker, der das politische Establishment in Teheran in die Knie zwingen will? Oder am Ende ein Bauerntölpel, der nichts von Außenpolitik versteht?

Kaum ein Politiker gibt der Welt mehr Rätsel auf als Mahmud Ahmadinedschad. Das war bei seinem überraschenden Wahlsieg im Juni der Fall – und vier Monate nach Amtsantritt scheint weniger klar denn je, wohin der 49-Jährige das Land lenken will. Politik hat er kaum gemacht, dafür aber gewaltig gehetzt. Der Holocaust sei ein „Mythos“, und die Juden sollten doch in Alaska einen eigenen Staat bekommen, lauten die jüngsten Äußerungen des einfach wirkenden Mannes mit dem Bart, dem gescheitelten Haar und den grau-braunen Anzügen.

Begonnen hatte er mit seinen Angriffen im Oktober, als er Revolutionsführer Chomeini zitierte und forderte, Israel müsse „von der Landkarte verschwinden“. Die Vereinten Nationen verurteilten die Äußerungen, auch mit Stimmen iranischer Verbündeter wie Russland. Selbst der oberste Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei ruderte zurück und erklärte, Iran werde kein anderes Land angreifen.

Damals glaubten noch viele Beobachter, dem einstigen Mitglied der Revolutionären Garden und Bürgermeister von Teheran fehle nur die außenpolitische Erfahrung. Doch beim Treffen der islamischen Staaten in Mekka vergangene Woche fuhr Ahmadinedschad unbeirrt fort. Er erklärte Israel zum „Tumor“ und schlug einen jüdischen Staat in Deutschland oder Österreich vor.

Die große Frage bleibt: warum? Eine Lesart ist, dass der gläubige Ahmadinedschad den Boden für die Rückkehr des verschollenen Imams, des Mahdis, bereiten will. Dieser soll wieder auftauchen, wenn die Welt aller Ungerechtigkeit und Korruption endlich überdrüssig geworden ist. Als Bürgermeister von Teheran ließ Ahmadinedschad Karten drucken, auf denen die Reiserouten des Imams eingezeichnet waren. Er gab Geld zur Renovierung der Moschee von Dschamkaran, der Hochburg des schiitischen Messianismus unter dem Hardliner Ajatollah Mesbah Jasdi, der verkündete, der neue Staatschef sei vom Mahdi auserkoren.

Folgt man dieser Auffassung, dann wären die Israel-Kommentare des Präsidenten dazu gedacht, den Zusammenprall der Kulturen und damit das Ende der Ungerechtigkeit zu beschleunigen. Nach Ansicht des iranischen Exil-Intellektuellen Amir Taheri aus Paris macht der neue Präsident die Doktrin des 941 verschwundenen Imams zur „zentralen Wahrheit“ von Politik und Kultur in Iran. In letzter Konsequenz hieße dies, dass die islamische Regierung nicht mehr dem obersten Religionsführer Chamenei oder gar dem Volk, sondern allein dem Imam unterstehe. Mit der Anrufung des „verborgenen“ Imams könnte Ahmadinedschad bei der volksfrömmigen Landbevölkerung Zustimmung gewinnen, sagt Johannes Reissner, Iran-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Auch Hasstiraden gegen Israel schockieren diese Zielgruppe kaum, gehören sie doch seit Jahren zum Propagandarepertoire der Islamischen Republik – auch wenn sie von Politikern kaum noch benutzt werden. Dass Iraner für Palästinenser in den Krieg ziehen würden, glaubt eine andere Expertin – Rosemary Hollis, Direktorin des renommierten Chatham House, eines Think Tanks für internationale Politik in London – indes nicht.

Eine politische Strategie Ahmadinedschads kann auch Johannes Reissner nicht erkennen. Ahmadinedschad habe bisher innenpolitisch nichts von seinen Ankündigungen, wie etwa den Ölreichtum im Lande neu zu verteilen, wahr gemacht. Auch hat er die Kontrolle über die Exekutive an den Schlichtungsrat verloren. Das Nukleardossier übertrug Chamenei einem Vertrauten, und selbst das konservative Parlament blockierte die Ernennung mehrerer Minister.

Angesichts dieser Widerstände seien die Israel-Kommentare Ahmadinedschads als „Tritt vor das Schienbein“ seiner inländischen Konkurrenten zu verstehen, sagt Reissner. Der Präsident hoffe wohl, auf diese Weise seine innenpolitischen Gegner ruhig zu stellen. Denn zur Verteidigung Israels kann sich in der Islamischen Republik kaum jemand aufraffen. Schon gar nicht die Vertreter des konservativen Establishments, obwohl sie nicht unbedingt die extremistischen Ansichten des Präsidenten teilen – sie sind vielmehr an einem unbehinderten Außenhandel interessiert. So stehen die Mullahs aus anderen Gründen vor dem gleichen Dilemma wie der Westen: Sie wollen die verheerenden Hasstiraden Ahmadinedschads stoppen – aber sie wissen nicht wie.

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