Zeitung Heute : Gou wu – einkaufen gehen

Sie schlafen bei Ikea und feiern Geburtstag dort, bei McDonald’s wird eine ganze Generation dick. China im Konsumrausch

Harald Maass[Peking]

Nachmittags bei Ikea in Peking. Auf einer beigen Couch, Modell „Bromma“, döst eine junge Frau, die Handtasche hat sie sich als Kissen unter den Kopf gelegt. Daneben, auf dem „Tomelilla“-Sofa, haben es sich zwei ältere Damen bequem gemacht. Ihre Schuhe haben sie ausgezogen. Entspannt massieren sie sich ihre Knie. Ein Paar liegt unter einer Decke auf „Ektorp“. Die Angestellten wundern sich über die Schläfer schon lange nicht mehr. Das Möbelhaus ist für viele Pekinger eine Art Naherholungsgebiet. Wer sich die Möbel nicht leisten kann, macht es sich eben hier auf ihnen bequem, liest oder hält ein Nickerchen. „Bei uns ist es gemütlich, und wir haben eine Klimaanlage“, sagt Joanne Graceffo, die Ikea-Managerin in Peking.

Über mangelndes Interesse kann sich die Kanadierin nicht beschweren. Viereinhalb Millionen Besucher werden dieses Jahr das Möbelhaus aufsuchen. „Das ist absolut unglaublich“, sagt Graceffo. Der kleine Imbissstand am Eingang verkauft täglich 4500 Softeis. Um die Menschenmassen gefahrlos an „Billy“-Regalen und „Värdera“-Löffeln vorbeizuschleusen, schaffte die Managerin in den oberen Stockwerken die Möbel-Einkaufswagen ab. „Wir mussten auch die Zahl der Toiletten erhöhen.“

„Gou wu“ nennen die Chinesen ihre neueste Freizeitbeschäftigung – einkaufen gehen. Nach Jahrzehnten staatlicher Mangelversorgung und Rationierung entdeckt China den Konsum. Im Pekinger Ikea-Möbelhaus drängeln sich an manchen Tagen 30000 Menschen, gemessen an der Ausstellungsfläche ist das Weltrekord. 95000 Pekinger kauften im ersten Halbjahr 2004 einen Neuwagen, für die meisten war es der erste Autokauf in ihrem Leben. Im Sunning Dianqi, einem Elektromarkt in Nanjing, wurde während der Maifeiertage durchschnittlich alle 20 Sekunden eine Klimaanlage verkauft. 300 Millionen Chinesen besitzen ein Handy.

Der neue Konsum verändert die Städte. Von der Küste bis ins Hinterland sind in den vergangenen Jahren neue Einkaufszentren entstanden, riesige Shopping Malls nach US-Vorbild, oft rund um die Uhr geöffnet. Die Pekinger Wangfujing-Straße, deren Hauptattraktion vor einigen Jahren noch ein eingestaubter staatlicher Buchladen war, ist heute eine breite und stets überfüllte Einkaufsmeile. Aus den Lautsprechern der Modeläden hämmert bis spät in die Nacht Popmusik. Im Schein der Neonreklame feiern die Menschen ihren neuen Wohlstand.

Im Pekinger Carrefour Hypermarkt nimmt Li Jie einen Beutel tiefgefrorener Jiaozi, chinesische Ravioli, aus dem Tiefkühlregal. Die 27-Jährige ist an ihrem freien Nachmittag zum Einkaufen zum Carrefour gefahren. Der große Einkaufswagen, der ihr bis zur Brust geht, ist bis oben gefüllt: Küchenservietten, Spülmittel, eine Großpackung Stifte, Hühnerkeulen, zwei Säcke Reis, ein Akkuladegerät für den CD-Walkman, Yanjing-Bier, Kokosmilch in Dosen, Kokosgebäck, Hausschuhe für ihren Mann. Viele der Produkte sind westliche Marken. „Es ist so billig hier, da kaufe ich ein bisschen mehr“, sagt Frau Li. Eigentlich habe sie nur Zahnpasta und Cremes besorgen wollen. Jetzt liegen in ihrem Wagen auch Schuhüberzieher aus blauem Stoff, Sonderangebot. Ein Yuan das Päckchen, das sind zehn Cent. „Meine Cousine hat die auch. Da wird die Wohnung nicht dreckig.“

Über Geld brauchen Chinesen wie Frau Li, Stadtbewohner mit guter Ausbildung, beim Einkaufen nicht viel nachzudenken. Ihr Mann ist Ingenieur, sie arbeitet in der Personalabteilung einer großen Firma. Mit einem monatlichen Einkommen von umgerechnet rund 500 Euro gehören Frau Li und ihr Mann zu den Besserverdienern. In ihrer Betriebswohnung leben sie fast mietfrei. „Wenn wir uns etwas kaufen möchten, können wir uns das auch leisten“, sagt Frau Li.

Mindestens zwei Mal in der Woche gehen sie essen. Das kostet etwa zehn Euro. Vor kurzem haben sie sich für 2000 Euro einen großen Flachbildfernseher und einen neuen DVD-Spieler geleistet, mit dem sie Karaoke üben. Bald wollen sie sich ein Auto kaufen.

Für die meisten Chinesen sind solche Luxusgüter unerschwinglich. Mit einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von etwas mehr als 800 Euro pro Jahr ist China immer noch ein Entwicklungsland. Ein Fabrikarbeiter, der sechs Tage die Woche am Fließband steht, verdient oft nur 70 Euro im Monat. Die meisten Bauern haben noch weniger.

Doch trotz der geringen Löhne können auch sie am Konsum teilnehmen. Die meisten Güter und auch internationale Markenprodukte werden für einen Bruchteil des Preises verkauft, zu denen sie im Westen gehandelt werden. Eine Dose Pepsi-Cola kostet weniger als 20 Cent, eine Klimaanlage 70 Euro.

„Chinesische Kunden schauen sehr genau auf den Preis“, sagt Ikea-Managerin Graceffo. In einem winzigen Büro im oberen Stock des Möbelhauses, die Wände blau und gelb gestrichen, berichtet sie von ihrer Arbeit. „Wir mussten uns in China umstellen“, sagt sie. Chinesische Kunden mögen ihre Einrichtung bunter, sehr populär ist Orange. Und weil Ikea in China als Luxusmarke gilt, lehnen die meisten Kunden es ab, ihre Möbel selbst zusammenzubauen. Sie nehmen den Aufbauservice in Anspruch.

Der Sprung von der Mangelwirtschaft zur Überflussgesellschaft dauerte in China nicht einmal eine Generation. Bis Anfang der 80er Jahre konnten Chinesen Reis und Lebensmittel nur gegen Coupons kaufen. Vor den staatlichen Geschäften, deren mageres Sortiment von unfreundlichen Angestellten bewacht wurde, harrten stets lange Menschenschlagen. Als einziges Gemüse im Winter gab es „Baicai“-Kohl, der direkt am Straßenrand verkauft wurde. Wer einen Fernseher oder ein Fahrrad kaufen wollte, musste in spezielle „Freundschaftsläden“ gehen, wo man nur mit Devisen einkaufen konnte. Vor allem ältere Chinesen haben die Not nicht vergessen. Konsum ist für sie eine Kompensation, ein Ausgleich für die Entbehrungen der Vergangenheit. Man meint, ihnen den Stolz anzusehen, wenn sie zum ersten Mal mit ihren Familien „Maidanglao“ (McDonald’s) und „Kendeji“ (Kentucky Fried Chicken) besuchen. Großeltern halten ihre Enkel an, möglichst viel zu essen. Die Folge ist, dass eine ganze Generation von Stadtkindern in China zu verfetten droht.

Die Ikea-Managerin hat sich an die manchmal kindliche Begeisterung ihrer Kunden für den Konsum gewöhnt. In dem Ikea-Restaurant feiern Pekinger Familien sogar Geburtstag. Die Torte bringen sie mit. Die Cola kaufen sie im Restaurant, weil die Becher dort umsonst nachgefüllt werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben