Zeitung Heute : Goya

Lammschulter mit Mini-Paprika

Bernd Matthies

Goya, Nollendorfplatz 5, Schöneberg,

Tel: 214 594 204, Donnerstag bis Sonntag ab 18 Uhr, Essen: 20 Uhr. Alle Kreditkarten.

Goya, guten Tag.“ „Ich würde gern einen Tisch …“ „Wir haben das umgestellt, rufen Sie doch bitte diese Nummer hier an, 214 594 204.“

Mach ich gern. Ist leider besetzt, nach zwei Minuten tönt das Freizeichen, lange, sehr lange, bis die Technik den Kontakt irgendwann abschneidet. Anruf bei der alten Nummer: „Da meldet sich niemand, was machen wir denn jetzt?“ „Na, dann sagen Sie mir mal, was Sie wollen, geben Sie mir Ihre Telefonnummer, ich schick den Kollegen eine Mail, und die melden sich dann.“ Gern.

Einen Tag später hat sich noch niemand gemeldet. Hab ich denn nun eine Reservierung? Anruf im Goya. „Ja“, erfahre ich, „die Kollegin telefoniert gerade, geben Sie mir Ihre Nummer, sie meldet sich dann.“ Na, dann haben sie mir an diesem Tag die Reservierung insgesamt gleich drei Mal bestätigt. Ich schreibe das hier nur auf, weil der Club ja einige Tage vorher Notsignale an seine Aktionäre ausgesandt und den Eindruck erweckt hatte, es gehe nun mangels Gästen vorzeitig zu Ende. Für das Essen, das unter dem baskischen Wort für Gastmahl, Txoko, ausgegeben wird, gilt das aber offenbar nicht.

Die Zulassungsprozedur am Eingang ist nicht weniger komplex als die Buchung selbst, denn dort werden nicht nur die Namen gecheckt, sondern auch schon die 35 Euro eingezogen, die das Drei-Gang-Menü mit Wein kostet. Steht dann jemand da, der zwölf Plätze gebucht hat, darunter drei für Goya-Aktionäre, aber nicht genau weiß, ob auch alle kommen, dann kann das dauern.

Laaaange Tische erstrecken sich durch den Saal, die Gäste werden Schulter an Schulter eingereiht – das setzt Kommunikationsfreude voraus und ist garantiert nichts für einen Abend in zweisamer Innigkeit. Wer zudem laute Nachbarn zugelost bekommt, verliert den Kontakt zu seinem Gegenüber spätestens dann, wenn die melancholisch gniedelnde Drei- Mann-Band ihre Arbeit aufnimmt. Sagen wir es ganz klar: Dies ist der Aufgalopp zu einer langen Tanznacht und kein Restaurantbesuch im herkömmlichen Sinn.

Zumal das Essen, natürlich, Bankettcharakter hat. Die Köche haben keine Zeit für große Akkuratesse, sondern müssen innerhalb von ein paar Minuten schätzungsweise 150 Portionen stemmen, und das Budget reicht nicht für Gourmet-Exaltationen. Wir bekamen einen simplen Salat mit Stücken von geräucherter Lachsforelle, einem halben weich gekochten Ei, dünnen Brotscheiben und einem Löffel Senfeis als Clou, dann weich geschmorte, etwas faserige Müritz-Lammschulter mit scharfen grünen Mini-Paprika und ein paar Stücken anderer Gemüse, dazu rote Paprikasauce und eine dunkelbraune mit etwas Zimt. Alles gut gewürzt, handwerklich einwandfrei. Nur das abschließende Pina-Colada-Eis in lauer, völlig ungezuckerter Kokosmilch mit ein paar bunten Geleewürfeln fiel aus der Wertung, zumal es schon auf dem Weg aus der Küche weitgehend zerlaufen war.

Wasser ist mit drin im Preis, außerdem zwei spanische Weine ansprechender Qualität, ein Sauvignon blanc und ein Tempranillo. Sie werden ohne übertriebene Pingeligkeit ein- und nachgeschenkt, für einen Schwips wird es aber kaum reichen. Dafür liegt noch eine kleine Weinkarte mit spanischen Weinen zwischen 20 und 110 Euro und zwei Alibi-Franzosen auf. Aber Achtung: Kurz nach zehn werden die Tische zusammengeschoben, denn wir haben ja auf der Tanzfläche getafelt. Die Kellner verwandeln sich in Tanz-Animateure, und wer lieber trinken und weiteressen will, findet in der Bar gut gemachte Tapas zu Preisen zwischen vier und 15 Euro – weiß der Geier, warum sie das hinter verqueren spanischen Vokabeln verstecken.

Sollte man einfach zum Essen hingehen? Nur bei ausgeprägter Lust auf sehr, sehr viele Menschen in einem hohen, halligen Saal. Mich hat eher das Gesamtkonzept überzeugt – beim Essen mit dem Raum und den Leuten warm werden und dann tanzen, das passt gut zusammen. Zumal es im von Jugendwahn umgetriebenen Berlin kaum einen anderen Club gibt, in dem auch Ältere mit Lust auf die Tanzfläche gehen können.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben