Zeitung Heute : Grabenkrieg führen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Am siebten Tag soll der Mensch ruhen. Aber sagen Sie das mal meiner Tochter. Emma ruht nicht länger als bis halb sieben, und um neun ziehen wir über die menschenleeren Straßen Richtung Volkspark Hasenheide. Auch hier findet Berlin keine Sonntagsruhe. Die ersten Jogger drehen ihre Runden, und auch die afrikanischen und arabischen Haschisch-Dealer haben schon in ihren streng abgegrenzten Revieren Aufstellung genommen. Ich frage mich, welcher Kiffer um diese Zeit einkauft. Emma begrüßt jeden einzelnen der straftätigen Händler aus ihrem Kinderwagen, freundlich erwidern sie ihren Gruß und nicken mir verschwörerisch zu. Nein danke, wenn ich jetzt einen rauche, vergesse ich noch meine Tochter im Park.

Auf dem Spielplatz erwacht das Leben. Verkaterte Jungväter dämmern auf den Bänken vor sich hin und rauchen ihre Frühstückszigaretten, lassen ihre Kinder klettern, schaukeln, wippen und im Sand buddeln. Emma und ich haben mal wieder unsere Spielplatz-Ausrüstung zu Hause vergessen. Das ist auch besser so. Zu Hause sind Eimer, Schippe und Förmchen sicher aufgehoben, wir haben schon etliche Teile verloren. Auf dem Spielplatz herrscht noch der Sozialismus, auch Emma bedient sich freimütig bei einem anderen Kind. Aber der kleine Moritz quengelt. Er will keine Schippe abgeben, auch wenn er drei davon hat. Emma gräbt unbeeindruckt weiter, während Moritz’ Vater strenge Worte findet. „Jetzt lass doch mal, Moritz. Auf dem Spielplatz muss man auch mal teilen“, sagt er. „Ich will nicht, dass du hier Territorial- und Herrschaftsansprüche stellst. Das ist der Anfang vom Faschismus.“

Au weia, denke ich. Am liebsten möchte ich Moritz die Schippe sofort zurückgeben. Nicht auszudenken, wie die jugendliche Trotzphase dieses Bengels ausfällt. Aber ich sage besser nichts, am Ende bin ich hier noch der Faschist. Auf dem Rückweg verspüre ich das Bedürfnis, das Problem der Territorial- und Herrschaftsansprüche mit den Arabern und Afrikanern zu diskutieren. Aber ich lass es lieber. Ist schließlich Sonntag.

In FEZitty in der Wuhlheide können Kinder während der Ferien politisch aktiv werden. In der Spielstadt werden alle fünf Tage ein Bürgermeister und Stadträte gewählt. Infos unter www.fezitty.de

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