Zeitung Heute : Gräfin Courage

Der Tagesspiegel

Von Hermann Rudolph

Dass es ihresgleichen nicht mehr geben wird, ist in Nachrufen oft eine Verlegenheitsfloskel. Im Falle von Marion Gräfin Dönhoff, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist, ist es die schlichte Wahrheit – und der Ausdruck der Bewunderung für ein ungewöhnliches, denkwürdiges Leben dazu. Es ist nicht nur die lange Lebenszeit, die einem dieses Gefühl eingibt. Es ist die Lebensleistung dieser großen Dame des deutschen Journalismus und das Beispiel, das sie gegeben hat, dazu die gewaltige Spanne an Geschichte und die unterschiedlichen Welten, an denen sie Anteil hatte. Diese so ganz unprätentiös auftretende Person war doch eben das, was man eine Jahrhundertgestalt nennen kann. Denn sie hat sich diesem ungeheuerlichen 20. Jahrhundert, das wir eben erst hinter uns gelassen haben, gestellt wie wenige.

Es gehört auch zu Marion Dönhoff, dass kaum jemand es in ihrer Gegenwart gewagt hätte, so über sie zu sprechen. Ihr ganzes Auftreten hätte es verboten. Da war nichts von der Allüre, zu der sie Anlass gehabt hätte – qua Stellung und Namen, und weil ihr großer Freundeskreis einen Gotha des intellektuellen und politischen Deutschlands, ja Europas und der Welt darstellte. Da begegnete einem eine Dame, durchaus respektgebietend, aber ohne den Anspruch von Bedeutsamkeit, erst recht ohne Glamour. Gewiss fuhr sie Porsche, und Fotos überliefern eine eindrucksvolle, elegante Erscheinung. Aber die Person in ihrer Wirkung blieb über Jahrzehnte erstaunlich unverändert: kleines Kostüm, helle Stimme, wache Aufmerksamkeit, unaufdringlicher, immer noch fast mädchenhafter Charme.

Und wie hätte sich der Würdigungston vertragen mit der staunenswerten Präsenz, die sie bis zuletzt bewahrte, ihrem Bedürfnis zu wirken und zu bessern, ihrer Neugier und Nüchternheit! Sie war und blieb ja eine Journalistin und zwar eine politische Journalistin, mit einer Laufbahn in diesem Beruf, wie sie keiner Frau bis dahin gelungen war. Ihr Rang in der Bundesrepublik beruhte nicht auf Ämtern und Ehren, sondern darauf, dass sie ein halbes Jahrhundert lang unermüdlich Leitartikel und Aufsätze, Glossen und Porträts geschrieben hat, zumeist Tagesarbeit, also verderbliche Ware, allemal mehr um Klarheit als um Glanz bemüht. Sie hat damit der Zeitung, der sie von Anfang an angehörte, deren Seele sie war, der Hamburger „Zeit“, ihren Stempel aufgedrückt. Allerdings: Sie hat sie auch mit starker Hand geführt. Mit ihr verbindet sich der Aufstieg dieses Blattes in den 60er Jahren, der es für zwei, drei Dezennien zur Stimme der aufgeklärten Bundesrepublik machte – also, ganz nebenher gesagt, ein bedeutendes Kapitel deutscher Zeitungs- und Zeitgeschichte.

Doch mit alledem ist nicht hinlänglich umschrieben, was sie war, vor allem: was sie für diese Republik war – nämlich, nehmt alles nur in allem, eine Instanz, eine Maßstäbe setzende, aufrichtende Kraft, eine Autorität. Zumal in den mittleren Jahren der alten Bundesrepublik, zwischen unmittelbarer Nachkriegszeit und den 90er Jahren, hat sie im immerwährenden Streit mit dem Zeitgeist den Geist dieser Zeit, dieser Gesellschaft und dieses Gemeinwesens, mitgeprägt. Das geht weit über die Themen hinaus, für die sie gefochten hat – die Ostpolitik, die innere Liberalität der Bundesrepublik, die Öffnung des Horizontes der Deutschen für die Welt. Das eigentliche Wunder der Nachkriegsgeschichte, die politische und mentale Verwandlung der Deutschen, ihre endlich gewonnene Zivilität – das Land verdankt einen guten Teil davon auch ihr. Sie hat in ihren Urteilen gewiss nicht immer richtig gelegen, aber sie war im politischen und vielleicht noch mehr im moralischen Gefüge der Bundesrepublik eine Größe, die Halt, Richtung und Vertrauen gab. Ohne sie hätte diese Republik anders ausgesehen.

Dabei lag ihr nichts ferner, als von Amt und Renomee Gebrauch zu machen, obwohl sie schon wusste, wer sie war. Auch der Ehrgeiz einer repräsentativen Existenz ging ihr ab – als man sie, 1979, für die Kandidatur zur Bundespräsidentin gewinnen wollte, machte sie für die Annahme zur Bedingung, es müsse sicher sein, dass sie nicht gewählt werde. Was sie war, speiste sich ganz ohne Umwege über Äußerlichkeiten aus dem, was ihre Stärke ausmachte: ein großer Fonds an Gradlinigkeit und Unabhängigkeit, an Offenheit gegenüber allem Neuen und ihrer Festigkeit im Grundsätzlichen.

War sie links, liberal, fortschrittlich oder doch konservativ? Das haben im Lauf der Jahre viele unterschiedlich beurteilt. Aber sie selbst erreichten solche Urteile nicht. Sie war in den frühen Jahren der Bundesrepublik durchaus eins mit ihrer großen Erfolgsgeschichte – so gut, wie sie sich später den Zweifeln an diesem Weg öffnete. Im Alter wurde die gelernte Volkswirtin zur Kulturkritikerin, die heftig mit dem Kapitalismus, mit Materialismus und Ökonomismus ins Gericht ging. In Wahrheit war sie wohl eine große Unzeitgemäße und ein Exempel für jene Haltung des Mehr-sein-als-scheinen, die mit Preußen gemeint war – im besten Sinne. Sie war eben – wie es der Sprachgebrauch von Kollegen und Freunden ausdrückte – „die Gräfin“: eine Gestalt sui generis, eine Verkörperung unantastbarer Unabhängigkeit, eine unvergleichliche Erscheinung.

Deshalb muss man sich, will man begreifen, wer Marion Gräfin Dönhoff war, vor Augen halten, wie tief dieses Leben in der Historie verankert war und welchen Schicksalsdruck es verarbeitet hat. Da schrieb und urteilte ja nicht nur jemand vom sagenhaft weit entfernten Geburtsjahrgang 1909. In Wahrheit reichte Marion Dönhoff mit ihrer Biografie noch fast in die vormoderne, jedenfalls eine längst versunkene Welt hinein – der Vater Mitglied des preußischen Herrenhauses, die Mutter ehemalige Palastdame der Kaiserin, als Hintergrund eine große, alte Familie Preußens. Der Großvater war noch Gesandter beim Deutschen Bund gewesen – tiefes 19. Jahrhundert. Die Enkelin erlebte die Brüche, die das 20. zu bieten hatte – Weimar, das Dritte Reich, den Zusammenbruch des Reiches, den Umbruch zur Nachkriegszeit. Und wurde zur Zeitgenossin unserer Gegenwart.

Sie hat das alles auch als Bruch der eigenen Existenz erfahren und damit gelebt. Nicht nur für sich: Sie hat es vorgelebt – als Publizistin, für ihre Leser. Die Niederschlagung des Aufstands vom 20.Juli 1944, mit dessen Akteuren sie verbunden war, kostete sie die meisten Freunde, die Vertreibung die ostpreußische Heimat. Der Anfang im Westen, die neue Lebensform des Journalismus war da so gut wie ein zweites Leben. Dazwischen liegt der lange Ritt im Winter 1945 von Ostpreußen nach Westfalen. Unvergesslich die Passage, mit der sie beschrieb, wie sie die Nogat-Brücke, die Grenze Ostpreußens, überquerte: eine Winternacht, drei mühsam sich dahinschleppende Soldaten, eine Reiterin, „deren Vorfahren vor 700 Jahren von West nach Ost in die große Wildnis jenseits des Flusses gezogen waren und die nun wieder nach Westen zurückritt – 700 Jahre Geschichte ausgelöscht“. Es sind solche Bilder, die überdauern werden. Und es ist bewegend zu denken, dass es gerade die Monate dieses Rittes vor mehr als einem halben Jahrhundert sind, in denen sie jetzt – nach einem Sturz im Januar – auf dem Krankenlager lag, von dem sie nicht mehr aufstand.

Vielleicht war das das Geheimnis dieses Lebens: die Entschiedenheit, mit der sie diese Brüche angenommen hat, ohne Bitterkeit, ohne Ressentiments, vielmehr als Verpflichtung für Versöhnung und Zukunft. Die kleine Dose mit dem Bild von Schloss Friedrichstein lag immer auf ihrem Schreibtisch, den Opfern des 20. Jahrhunderts hielt sie die Treue, schreibend und erinnernd, und dass der Mensch auf ein Ganzes, eine Gemeinschaft, auf das Gemeinwohl hin leben müsse, blieb ihr unerschütterliches, freimütig bekanntes Credo. In einer erstaunlichen, ganz unverkrampften Weise lebte sie aus der Verbindung von gestern und morgen. „Namen, die keiner mehr nennt“, hieß das Buch, mit dem sie von ihrer ersten Lebenshälfte Abschied nahm – in einer Intensität, die das Verabschiedete bewahrte. „Namen, die man wieder nennt“ hieß das, dem alten deutschen Osten gewidmete Kolloquium, mit dem man sie – nach dem langen zweiten Leben – zu ihrem 90. Geburtstag vor drei Jahren ehrte.

Bis zuletzt hat sich Marion Gräfin Dönhoff einen bezwingenden Zug von Jugendlichkeit bewahrt. Unermüdlich am öffentlichen Leben anteilnehmend, ließ sie das Alter keine Macht über sich gewinnen. Immer wieder tauchte sie bei Diskussionen auf, traf man sie auf Einladungen, und bis zuletzt absolvierte sie ein erstaunliches Reise-Pensum. Und selbst im Tod – so möchte man sagen – blieb sie dem Beruf treu, der ihre Berufung war. Nur nicht am Mittwoch sterben, hat sie gescherzt, weil dann die „Zeit“ schon gedruckt ist. Sie starb in der Nacht zum Montag, an dem die Redaktion in die Schlussrunde der Arbeit an der nächsten Ausgabe einbiegt. Dass es sie nicht mehr geben soll – man wird sich erst langsam daran gewöhnen. Irgendwie passt es nicht zu diesem Leben.

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