Zeitung Heute : Grand M

Schmackeduzien und Arme Ritter

Elisabeth Binder

Grand M, Maritim Hotel Berlin, Stauffenbergstraße 25, 10785 Berlin, geöffnet täglich von 12 bis 23 Uhr 30. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ob die Berliner Küche der nächste Trend ist? Nach all den europanasiatischen Cross-Over-Wellen, wäre das ja mal was Originelles. Noch war es an jenem Abend leider ziemlich leer im Restaurant Grand „M“ des neuen Maritim-Hotels. Dabei liest sich die Karte gut, die Küche hat sich edlen Berliner Spezialitäten nach alten Rezepten verschrieben.

Die Einrichtung ist in dunklen Brauntönen gehalten, es gibt Sessel mit Armlehnen, ausgesprochen festliche, eierschalenfarbene Tischwäsche, Orchideen, weiße Kerzen. Ein nettes Ambiente, das allenfalls unter seiner Aussicht etwas leidet. Die geht nämlich über die Straße hinweg direkt in den Innenhof des Verteidigungsministeriums.

Schnell bringt die sehr freundliche Kellnerin Prosecco, Olivenbrot, Baguette und salzige Butter, außerdem ein Amuse Gueule, bestehend aus Rehpastete im Blätterteigmantel auf Cole Slaw. Es folgen die „Berliner Schmackeduzien“. Ein paar runde Canapés umgeben einen Büschel Salat mit apartem Dressing. Eines dieser kleinen Weißbrotmedaillons trägt Lachs mit Kaviar, andere präsentieren Roastbeef, Matjes auf dem Cornichonfächer, Forelle, Wachtelei auf Kürbispüree (8,50 Euro), alles optisch und geschmacklich gut ausgeführt. Eine große Terrine enthält frische Kartoffelsuppe mit würziger „Schnibbelwurst“ (4,50 Euro).

Der zarte Havelzander war in der Portionierung ein bisschen klein geraten, dafür glänzte er unter einer kross gebratenen Speckhaut, die ihm gut bekam. Dazu Zweierlei von der Schwarzwurzel. Da es Schwarzwurzel, solange die Berliner Küche noch nicht wieder wirklich hip ist, leider nur selten gibt, hätte ich sie mir etwas weniger verfremdet gewünscht, obwohl das insgesamt ein sehr gelungenes Gericht war (18 Euro). Das „in tiefer Butter“ gebratene Kalbsschnitzel nach Art des Friedrich von Holstein ist in der hier gebotenen Variante durchaus geeignet, manche tief sitzenden Vorurteile gegen die Berliner Küche einfach vom Platz zu fegen. Der leichten Panade merkt man die Güte der tiefen Butter angenehm an, die beiden großen Schnitzel, die da auf dem Teller liegen, sind ausgesprochen zart und tragen, wie es in dieser Zubereitungsart Pflicht, aber in cholesterinphobischen Zeiten kulinarisch natürlich nicht mehr korrekt ist, tapfer, wo nicht sogar anmutig an einem ausgezeichneten Spiegelei, das allenfalls noch einen Tick mehr Salz hätte vertragen können. Die Bratkartoffeln, die es in einer silbernen Extraschüssel dazu gab, waren schlicht vorbildlich. Sehr schön kross, dunkelbraun, aber eben auch nicht schwärzlich, überstreut mit appetitlichen rosa Speckwürfeln (23 Euro).

Die Dessertkarte bietet unter anderem „Bibberlottchenvariation mit Vanillelikörspiegel“, also eine Art Wackelpudding. Die „Berliner Luft mit gebratenem Armen Ritter und Pflaumen-Ingwereis“ war wunderbar. Der Ritter in der Variante kleiner Küchlein nur gespielt arm, die Berliner Luft eine fluffige weiße Mousse mit winterabendroten Streifen fruchtiger Himbeersauce und das elegante Eis passte auch dazu (8 Euro).

Die Weinkarte ist ausgesprochen patent, enthält auch gute deutsche Weine zu fairen Preisen. Wir wurden glücklich mit einem trockenen Riesling aus der Pfalz, einem 2003er Wachenheimer Gerümpel (22 Euro). Auch die offenen Weine sind gut gepflegt, der Chardonnay vom Südtiroler Weinbauernverband war sauber und perfekt gekühlt (3,50 Euro).

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