Zeitung Heute : Grande Dame

Die „Brigitte“, des Landes größte Frauenzeitschrift, wird 50. Unsere Autorin Ursula Lebert ist seit 1957 dabei – ihr persönlicher Rückblick, mit und ohne Sex.

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Alle Telefone waren schwarz in den Fünfziger Jahren. Schwarz und aus einem Kunststoffmaterial, das erstens einen Sprung bekam, wenn der Apparat hinunter fiel und zweitens geradezu magisch den Staub anzog. In einem der ersten Artikel, mit dem mich die neue Frauenzeitschrift „Brigitte" beauftragte, sollte ich über die Organisation des Hausputzes schreiben. Also Ratschläge für junge, unerfahrene Hausfrauen wie ich eine war. Ich gab mir große Mühe, weil ich gern öfter für das Blatt schreiben wollte.

Ich schrieb, dass es am wichtigsten sei, täglich das Telefon abzustauben, um bei Besuchern einen ordentlichen Eindruck zu erwecken. Das Telefon stand in den meisten Haushalten im Flur. Der Staub unter dem Bett müsse nicht unbedingt täglich bekämpft werden, weil da kein Fremder hinunterschaute. Wie oft? So alle 14 Tage, schätzte ich und verschwieg, dass bei mir die Pausen länger waren.

Mit diesem Artikel rief ich in der Hamburger Redaktion Entsetzen hervor. In Hamburg fasste man die Dinge gern realistisch auf, man ging von nüchtern-sachlichen Grundsätzen aus, und die besagten, dass Staub in jeder Form gesundheitsschädlich war und infolgedessen überall sofort beseitigt werden musste, nicht nur auf dem Telefon. Ich begriff: Die meinten es ernst. Schludrigkeit war nicht „brigittig". Brigittig waren gute, hilfreiche Tipps für Frauen, die auf diese Tipps warteten.

Männliche Putzkolonne

Ich wusste damals noch nicht, dass ich fast 50 Jahre lang für die „Brigitte“ schreiben würde. Ich gab mir Mühe, den Vorstellungen des Chefredakteurs Peter Brasch nahezukommen, der die Zeitschrift von ihrer Gründung an 27 Jahre regierte und den Begriff „brigittig" erfunden hatte. Ein schmaler, hochgewachsener Mann, der einen absolut sicheren Instinkt dafür hatte, was seine Leserinnen interessierte. „Brigitte“ erreichte Traumauflagen, obwohl die Chefredaktion des öfteren Themen, die ich anschleppte, verwarf. Vielleicht auch deshalb.

Einmal setzte ich mit Mühe eine mehrteilige Serie über den Besitzer einer Putzkolonne durch, der eigentlich Nervenarzt war und nach anderer Methode putzte als die Normalhausfrau, nämlich nach dem Gesetz der kürzesten Wege. Da waren die Leserinnen beleidigt, weil sie sich nicht von einem Mann zeigen lassen wollten, wie man ein Fenster ohne Rubbeln putzt. Es kamen Abbestellungen, und Brasch hatte Recht gehabt.

Nicht, dass man im Blatt Problemen aus dem Weg gegangen wäre. Aber es musste auch Lösungen geben, oder wenigstens Ansätze. Ein Bericht über die Mutter-Kind-Station im Frauengefängnis Preungesheim wurde nicht gedruckt. Mörderinnen und Babys in gemeinsamen Zellen – das war nicht brigittig. Vor allem deshalb nicht, weil das Experiment, kleine Kinder bis zum ersten Schuljahr im Gefängnis aufwachsen zu lassen, selbst bei den betreuenden Psychologen umstritten war. Wozu dann darüber schreiben?

Ende der Sechziger Jahre schrieb ich eine Serie über die Ehe an sich. Sex kam darin überhaupt nicht vor. Ich kann mich kaum erinnern, womit ich sechs Folgen gestaltete. Ein oder zwei Mal war die Sexualität im übergeordneten Sinn erwähnt. Aber lang dauerte die vornehme Abstinenz nicht mehr. Sexuelle Probleme nahmen auch in der „Brigitte“ Gestalt an, durften diskutiert werden – allerdings vorwiegend mit renommierten Wissenschaftlern. Wobei es mir schrecklich peinlich war, einmal mit einem verhältnismäßig jungen Sexualmediziner über die Rolle der Klitoris beim Orgasmus zu plaudern.

Die Befangenheit legte sich bei den Autorinnen und in der Redaktion. Die Themen wurden härter und die nachwachsenden Frauen auch. Sicher hing diese zunehmende Offenheit mit dem Erscheinen von Aids zusammen. Wem fiel da noch das Wort brigittig ein?

Im innersten Prinzip aber hat sich an der klar vorgegebenen Einstellung der Texte bis heute nichts geändert. Das Manuskript mit meinem schwarzen Telefon würde ich auch heute zurückbekommen: so nicht. Für alle Interviews und Reportagen gilt die Disziplin der Wahrhaftigkeit. Wenn ich in diesen Tagen nach 20, 30, 40 Jahren einen Interviewpartner von damals anrufe, so empfinde ich seine Zustimmung zu einem neuerlichen Interview nicht nur als ein Kompliment für mich, sondern vor allem als eine große Anerkennung des ehrlichen Charakters dieses Blattes. Nie musste ich oder sollte ich auf Anordnung jemanden aufs Kreuz legen oder irreführen.

Die Arbeit war früher leichter. Man hatte mehr Platz. Die Manuskripte durften länger sein. Bekanntlich ist es leichter, sich so richtig auszuschreiben, als Pointen aus Platzgründen wegzulassen. Die Themenvielfalt hat zugenommen. Es gab noch keine Gentechnik, keine Umweltprobleme, nicht mal einen Reiseteil – lange nicht. Wenn ich alte „Brigitten“ durchblättere, stoße ich auf eine rührende Rubrik: „Das waren doch nicht etwa Sie?“ Abgebildet war eine junge Dame mit Pfennigabsätzen und Ringerlsocken, mit Pfennigabsätzen und Jeans, mit geblümtem Rock und Karoblüschen. Passte doch alles nicht zusammen! Das musste schon mal gesagt werden. Wie in der antiautoritären Erziehung haben sich auch da die Grenzen gelockert. Die Rubrik entschlief. „Brigitte“ macht heute weniger Vorschriften, vor allem was die Mode betrifft.

Nach einer Langzeitbeobachtung von 47 Jahren möchte ich behaupten, dass wir eine nette Redaktion waren und sind. Wer wie ich als Autorin sechs oder sieben Mal im Jahr vom Auswärtsposten in Hamburg eintrifft, kommt in eine angenehme Klimazone mit vorwiegend Frauen. Jungen, mittelalten, älteren Frauen, wie sie halt der Lauf der Jahrzehnte durch die mit grünen Gruner& Jahr-Teppichen ausgelegten Räumlichkeiten gespült hat. Verlassene, geschiedene, verliebte, verheiratete, schwangere, dicke und dünne Frauen (dank der „Brigitte“-Diät vorwiegend dünne), Frauen, deren Männer sterben, die Krebs bekommen, Frauen mit gesunden und mit behinderten Kindern, mit pflegebedürftigen Eltern, mit und ohne Migräne – einfach Spiegel der Welt.

Man redet sich aus. Man steht sich bei. An den Schreibtischen wurden feministische Ideen diskutiert, als der Alltag der Frauen im Land noch weitgehend im Schatten der Männer stand. Und Alice Schwarzer war auch schon da.

In den Siebziger Jahren machte „Brigitte“, die immer auf Seiten der Frauen stand, die erste große Untersuchung über den deutschen Mann. Und er wurde abgebildet, nackt über zwei Seiten in voller Länge. Das Echo war deutlich entrüstet. Und das in „Brigitte“! schrieben mehrere und bestellten ab. Ja, da staunt ihr, was?

Es war mutig. Und ich bin mir gar nicht so sicher, ob das heute noch mal so gemacht würde. Ein Nackerter ohne Hand oder Schatten vor seinem Allerheiligsten. Vor seiner Roulade, wie damals gespottet wurde.

Lustiger könnte sie sein, die „Brigitte“. Aber das passt wohl nicht zu ihrem Stil.

Früher hatte sie mal eine kleine Karikaturenzeile von Wurzel, einem dicken Dackel. Den hatte ich sehr gern. Jetzt haben sie die Eingangszeichnung von Peter Gaymann. Die ist gut und treffend und böse. Aber halt nicht direkt, dass man lacht. Ich würde gern mal lachen, aber mir fällt nichts ein. Und mein Telefon ist nicht mehr schwarz, sondern silbergrau. Braucht man nicht mehr abstauben.

In einer der „Brigitte“-Ausgaben anlässlich des 50. Geburtstags der Zeitschrift porträtiert die Autorin Ursula Lebert ein Ehepaar in Jerusalem, das sie zuletzt vor 20 Jahren besucht hat.

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