Zeitung Heute : Gratis-CD-ROMs: Warum noch teure Software kaufen?

Cay Dobberke

Zeitschriften mit beigelegten Computer-CD-ROMs haben sich zu einem der wichtigsten Vertriebswege und Werbemittel von Softwareproduzenten entwickelt. Neben Computerzeitschriften verbreiten auch Magazine wie "Stern" und "TV Spielfilm" häufig Programme für den Internetzugang oder Testversionen. Besonders oft findet sich Zugangs-Software des Internetanbieters AOL auf den Silberscheiben, der dafür die Herstellung bezuschusst. Jetzt aber ist es zu einer schweren Panne gekommen (der Tagesspiegel berichtete): Die Mai-Ausgabe von "PC Direkt" enthält eine 30-Tage-Testversion des Grafikprogramms Corel Draw 10, die sich mit wenigen Mausklicks zu einer Vollversion der bis zu 1200 Mark teuren Software umwandeln lässt.

Obwohl das Heft fast überall vergriffen ist, werden sich Interessierte noch dieselbe Testversion beschaffen können. Diese ist auch auf einer CD-ROM zum "PC Professionell"-Heft enthalten, das am 4. Mai in den Handel kommt. Nach Angaben der Redaktion konnte man die Auslieferung nicht mehr stoppen. Bevor die Probleme bekannt wurden, hatte das Programm schon einer dritten Zeitschrift beigelegen. Verursacher des Fehlers war die Firma Corel. Sie verteilte die Testversion auch selbst auf der CeBIT.

Der erste Bericht über die möglichen Tricks stammte von der Online-Ausgabe der Zeitschrift PC Welt. "Die Information ist uns zugespielt worden", sagt Redakteur Markus Pilzweger. Im Tagesspiegel-Test funktionierte die Umwandlung zur Vollversion. Es genügt, bestimmte Sicherungsdateien umzubenennen und an die Stelle anderer Dateien zu kopieren. Anleitungen zirkulieren auf diversen Internetseiten und auch in einschlägigen Foren. Zum Teil scheinen Seitenbetreiber die Panne bewusst auszunutzen, um Leser anzulocken.

Bei der Tausch- und Verkaufsbörse "Ebay" bieten Besitzer von Heft-CD-ROMs diese für Summen an, die um ein Mehrfaches über dem Zeitschriftenpreis liegen. Was die Kaufinteressenten wohl nicht wissen: In der vermeintlichen Vollversion sind nicht alle Zusatzprogramme und Bildersammlungen enthalten, die Corel sonst auf drei CD-ROMs ausliefert. Unklar ist, in welchem Ausmaß der wirtschaftlich angeschlagenen Firma Corel ein Schaden entsteht. Schließlich hätte nicht jeder Heftkäufer das teure Programm erworben (eine PC-Welt-Umfrage ergab einen Anteil von nur vier Prozent). Außerdem ist der Bekanntheitsgrad der Software deutlich gestiegen. Und schließlich dürften vor allem Firmen lieber eine legal erworbene Vollversion einsetzen, um rechtliche Probleme zu vermeiden.

Von Corel heißt es, man habe "großes Vertrauen", dass sich die Benutzer an das Lizenzabkommen halten werden. Gemeint sind Hinweise, die bei der Programm-Installation auf dem Bildschirm erscheinen. Demnach ist es illegal, das "elektronische Verfallsdatum" der Testversion zu umgehen.

Um Rechtsfragen scheren sich viele private Computerbesitzer aber nicht. Illegale Internetseiten bieten kostenlos Vollversionen diverser Programme zum Herunterladen an. Manchmal sind die Dateigrößen ein Problem. Der Download würde dann Stunden bis Tage dauern. So genannte Cracker vertreiben jedoch selbstgebrannte CD-ROMs mit Raubkopien - und machen damit selber Profit.

Auch Zeitschriften-CDs sind unter Softwarepiraten beliebt. Manche haben sich darauf spezialisiert, passende "Cracks" anzubieten. Auf Seiten mit Namen wie "Magz Depot" sind kleine Zusatzprogramme, welche Test- zu Vollversionen umwandeln, fein säuberlich nach Heftausgaben sortiert.

Der bisher größte Missgriff mit Probesoftware unterlief dem Marktführer Microsoft: Einer spanischen Computerzeitschrift lag im März 2000 das Betriebssystem Windows 2000 nicht wie geplant in einer zeitlich beschränkten, sondern in der kompletten Originalfassung bei.

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