Zeitung Heute : Gratulieren

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Als ich jünger war, wollte ich auch Schauspieler werden. Ist halt der einzig vernünftige Beruf. Mein Vater riet mir ab: „Schauspieler sind emotionale Idioten“, sagte er. Dabei ist er ein Kulturmensch, verdient sein Geld als Gitarrenlehrer. Vielleicht sind Pädagogen emotionale Idioten?

Zum Glück habe ich mich nicht einschüchtern lassen, und an der Schauspielakademie Zürich studiert. Besonders gut war ich in Sprechübungen: „Ta atte, te ette, tu utte,….!“ Doch bald wurde mir ans Herz gelegt, die Akademie wieder zu verlassen. Wahrscheinlich war ich nicht emotional genug für diesen Beruf.

Ich war sehr traurig. Doch heute weiß ich: Man kann sich auch anders beschäftigen. Jeden Abend die Scherben eines zerbrochenen Krugs aufsammeln oder „Die Pferde sind gesattelt!“ sagen, wäre auch nicht lustig. Dann die eitlen Regisseure: Und wenn gar nichts mehr geht, muss man Nazibinden tragen auf der Bühne, sich ausziehen und mit künstlichem Blut beschmieren. „Zeit heilt alle Wunder“, singen Wir sind Helden.

Doch hin und wieder gehe ich trotzdem noch ins Theater. Wenn ich Karten kriege, sehe ich mir eine Inszenierung mit Ulrich Matthes an. Eigentlich egal, welches Stück. Und schlagartig ist es wieder da, dieses Gefühl: Schauspieler ist der tollste Beruf der Welt!

Matthes könnte 24 Stunden lang aus einer Steuererklärung vorlesen, und es wäre aufregend. Ja ich würde mir sogar freiwillig „Daddy Cool – The Musical“ ansehen, wenn er darin aufträte.

In meiner alten Basler Heimat war ja vieles besser: der Fußball, das Wetter, der Zolli. Auch unser Theater hatte ein hohes Niveau. Aber einen Ulrich Matthes hatten wir nicht. Berlin ist also schon ok.

2005 ist Matthes zum „Schauspieler des Jahres“ gekürt worden. Schade, dass die Regierung für vier Jahre gewählt wird, er hingegen das Zepter nach zwölf Monaten wieder abgeben musste. Erfreulich aber, dass auch die Fachleute das inzwischen eingesehen haben: Matthes bekommt den „Theaterpreis Berlin“ jetzt noch dazu.

Oft denkt man ja, die Welt ist ungerecht. Aber es gibt auch Tage, da scheint alles richtig zu laufen: Dann ist es Sommer und man liegt am Strand. Oder der Ulrich Matthes kriegt einen Preis.

Herzliche Gratulation!

Leider ohne Matthes: „Daddy Cool – The Musical“, Boney-M.-Theaterpalast, O2-World Platz, Berlin Mitte, bis 24. 6.; tickets: www.eventim.de

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