Zeitung Heute : Grau statt Gold

Schockierend fällt die Bilanz der Sportnation Russland nach dem Abschneiden in Salt Lake City aus. Das einst übermächtige Wintersportland sieht sich am Abgrund. Präsident Wladimir Putin kündigte ein Notprogramm an. Und Vize-Regierungschefin Walentina Matwijenko warnte: "Wenn wir uns jetzt nicht zusammenreißen, verlieren wir auf lange Zeit den Anschluss."

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Russlands Sportler holten nur halb so viele Siege wie erwartet und liegen deutlich hinter Deutschland, Norwegen und den USA. Die Empörung über angeblich ungerechte Entscheidungen und regelwidrige Dopingproben ist Wehklagen gewichen. Putin selbst hatte mit seiner Kritik an Schiedsrichtern und Organisatoren einen Proteststurm ausgelöst. Von einer "amerikanischen Verschwörung" war die Rede, weil die Skilangläuferinnen wegen Dopings gesperrt wurden und die favorisierte Eiskunstläuferin Irina Slutskaja nur Silber holte. Präsident Putin reagierte nun und ordnete den Bau von 1000 neuen Stadien und Sportanlagen an. Dabei weiß an schon lange von den katastrophalen Trainingsbedingungen.

"Wir haben keine anständigen Ski-Strecken, Loipen und Bobbahnen im Land, wir haben gar nichts", ereiferte sich die weltweit erfolgreichste Eiskunstlauf-Trainerin Tatjana Tarassowa. Wie viele andere auch trainiert Tarassowa ihren Schützling Alexej Jagudin im Ausland. Schuld treffe auch die eigenen Funktionäre. "Keine Kopeke Unterstützung haben wir bekommen, im Russischen Haus in Salt Lake City wurde der Kaviar eimerweise gelöffelt" klagte Tarassowa.

Zehn Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion liegt die Sportwissenschaft am Boden, es fehlt das Geld für Trainer. In den Stadien haben sich Ramschmärkte breit gemacht, auf tausenden Eishockeyflächen nun Autogaragen. Korruption und Wirtschaftskriminalität machen auch vor dem Spitzensport nicht halt. Wegen dubioser Geschäfte wurde dem russischen IOC-Mitglied Tarpischtschew die Einreise in die USA verweigert. Der raue russische Alltag scheint auch die Leistungssportler eingeholt zu haben. "Täglich stürzen bei uns Flugzeuge ab. Menschen werden erschlagen, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden", meint der Politologe Alexej Kiwa. "Wie können da unsere Sportler noch Goldmedaillen wie früher holen?"

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