Zeitung Heute : Gregor Gysi: Die zweite Haut

Stephan Lebert

Momentaufnahme Gregor Gysi. Nur noch ein paar Tage zur Wahl. Zwei Dinge sind merkwürdig. Zum einen, dass es in diesem Text kaum um politische Inhalte gehen wird. Zum anderen: Der Reporter muss an eine Begegnung vor neun Jahren denken, als er damals einem höchst angespannten Gregor Gysi einige Stunden gegenübersaß.

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Doch erst einmal, jetzt, am Ende dieser doch ziemlich drögen Wahlkampfveranstaltung, muss man sich schon recht angestrengt daran erinnern: Gysi ist eigentlich eine Größe im bundesdeutschen Politikbetrieb, er sollte Glanz und Aufregung in den Wahlkampf bringen, sollte das Provinzielle wegpolarisieren. Doch in diesem Moment wirkt er glanzlos müde. Morgens um sechs fuhr er zum Prozess um den Mord an Ulrike nach Frankfurt an der Oder, war nachmittags wieder da zur ersten Kandidatendiskussion und erschien ein paar Minuten nach 19 Uhr zur zweiten. Jetzt ist es kurz vor 21 Uhr. "Ach, Sie noch", sagt Gysi zum Reporter beinahe schweigend, "na gut, kommen Se."

Er hat den Job des Politikers einmal mit dem des Theaterschauspielers verglichen. Ein "Faust"-Darsteller spiele ja auch 300 Abende hintereinander, immer denselben Text. Und ein Politiker müsse eben auch immer wieder sein Programm abspulen, "am Anfang meiner politischen Karriere fiel mir das ewige Wiederholen schwer, jetzt geht es". Diesmal war die Bühne das Thomas-Dehler-Haus in Berlin-Mitte, als Publikum dienten etwa 60 Vertreter der Berliner Mittelstandsvereinigung. Ja, und die Schauspieler sind inzwischen schon richtig gut eingespielt, nach den rund ein Dutzend gemeinsamen Vorstellungen: Gregor Gysi, Frank Steffel, Günter Rexrodt. Klaus Wowereit hat an diesem Abend sozusagen Ausgang (er isst mit dem Moskauer Bürgermeister), dafür hat er seinen Fraktionsvorsitzenden Michael Müller geschickt. Der gruppendynamische Prozess ist rasch ausgemacht: Frank Steffel bekommt Prügel von den Routiniers. Besonders Günter Rexrodt meinte es an diesem Abend nicht gut mit ihm, scheinbar beiläufig erwähnte er dessen "München-Kompetenz", was immer ein paar hämische Klatscher einbringt. Ansonsten fragte Rexrodt gleich mehrmals: "Ach, Herr Steffel, warum sind Sie denn so nervös?"

Bleierner Wahlkampf

Aber natürlich funktionierten auch die Austeilreflexe von Gregor Gysi. Und dabei wird klar, dass er durchaus einen Anteil hat am bleiernen Verlauf des bisherigen Wahlkampfes. Als nämlich Rexrodt tatsächlich sagte, im Grunde seien sich etwa in Sachen Wirtschaftspolitik doch alle Kandidaten völlig einig, nahm dies Gysi leicht nickend zur Kenntnis. Erst als Steffel mit errötetem Haupt hochging ("ich verstehe diese Aussage überhaupt nicht") und seinen zukünftigen Kampf gegen den Bürokratendschungel etwas zu erregt vortrug, schaltete Gysi sein Mikrofon ein und meinte: Nur eine kleine Frage, Herr Steffel, welche Partei hat denn in den letzten 20 Jahren die Stadt regiert? Die Mittelständler klatschten begeistert dem kleinen roten Gregor zu. Polarisierungsversuch gescheitert.

Gregor Gysi bestellt in dem kleinen Lokal für sich und seine Referentin Weißwein, außerdem ordert er eine Art Pizza mit Schafskäse, "etwas Kleines, Leichtes". Er erzählt von den Besonderheiten des bisherigen Wahlkampfverlaufs, und man kann zusehen, wie er sich die Müdigkeit wegredet. Da seien natürlich zum einen die grauenvollen Anschläge in den USA vom 11. September, die für ihn damit begannen, dass jemand in sein Büro kam und sagte: "Mach mal den Fernseher an!" Danach sei alles plötzlich so unwichtig gewesen, "was soll man reden angesichts von ein paar Tausend Toten"?

Aber auch abgesehen davon sei dieser Wahlkampf für ihn deshalb etwas Neues gewesen, weil "ich im Mittelpunkt stand und nicht meine Partei". Die Leute fragen, was "ich tun würde, wenn ich die Wahl gewinne". Also positionierte er sich, auf seine hohen Sympathiewerte setzend, als hätten es ihm amerikanische Wahlprofis empfohlen: kein Wort von sozialistischer Vision, stattdessen eher allgemein, dass er nicht so provinziell wie die anderen sei und deshalb die Stadt voranbringen werde. Auf den Plakaten steht: "Mit Gysi". Ein Ossi, der auch die Wessis amüsiert. Rot? Links? Es reicht doch, dass die Leute denken, so einer werde sozial verträglicher entlassen als die anderen.

Gysis Welt. Da ist das kleine Berlin. Dort sind die großen Namen. Man kann mit ihm fast unmerklich zwischen den Ebenen springen. Und erstaunlich oft berührt er dabei seine Familie, seine Herkunft. "Wissen Sie", sagt er, "ich bin tief in Berlin verankert, mein Vater war sogar mal stellvertretender Bürgermeister in Zehlendorf." Oder beim Thema Joschka Fischer: Ob er denn biografische Parallelen zu ihm sehe? Eigentlich nicht, sagt er. Bei Fischer habe er den Eindruck, je nachdem, in welch sozialer Situation er sich befand, formulierte er seine politische Überzeugung. Als er Taxi fuhr, war er ein Rebell. Als Minister kann er sich das nicht einmal mehr vorstellen. "Ich war nie so unten. Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie. In dieser Hinsicht gibt es bei mir weniger Brüche." Fischer und seine Leute seien auch aus Wut auf die Nazi-Vergangenheit ihrer Eltern auf die Barrikaden gegangen. Bei ihm sei es genau umgekehrt: Der Vater habe als Widerstandskämpfer in der NS-Zeit eine solche moralische Autorität vor sich hergetragen, dass jegliches jugendliche Aufbegehren kaum möglich gewesen sei.

Der Vater. Klaus Gysi. Widerstandskämpfer. Später hoher SED-Funktionär, Kulturminister. Eloquent, witzig soll er gewesen sein, ein Frauentyp. Als der Reporter vor neun Jahren an einem Januartag des Jahres 1992 Gregor Gysi gegenübersaß, redete er auch von seinem Vater. Dies hatte damit zu tun, dass genau an diesem Tag der "Spiegel" zum ersten Mal schwere Stasi-Vorwürfe gegen Gysi erhob. Er wirkte angeschlagen, sympathisch. Wies die Vorwürfe weit von sich: "Wissen Sie", sagte Gregor Gysi damals, "ich hätte die Stasi nicht gebraucht. Ich hatte über meinen Vater Zugang zu den Spitzen der Partei. Und die Partei stand immer über der Stasi." Dies hörte sich später ein wenig seltsam an, als herauskam, dass dieser Klaus Gysi selbst lange Jahre ein Stasi-Zuträger gewesen war.

Der Sohn sagt dazu heute: Das sei in den 50er Jahren gewesen, vor seiner Parteikarriere, danach war das definitiv vorbei. Hat er denn jemals mit seinem Vater darüber gesprochen? Nein, sagt Gysi, als er davon erfahren habe, sei der Vater schon schwer gelähmt gewesen. Aber mit seiner Stiefmutter habe er einmal gesprochen, und sie habe gesagt, ja, da war was, in den 50ern. Klaus Gysi ist vor zwei Jahren gestorben. Mancher Schatten vererbt sich weiter.

Gregor Gysi zündet sich eine Zigarette an. Noch eine letzte Frage dazu: Können Sie erklären, dass es so gut wie keinen prominenten DDR-Menschen gibt, der von sich aus erklärt hat, ja, er sei aus diesem oder jenem Grund bei der Stasi gewesen und bedauere dies nun aus diesem oder jenem Grund? Gysi antwortet schnell. Erst einmal wisse er nicht, ob dies der eine oder andere nicht getan habe. Aber angenommen, es wäre so: Er verstehe das, dies habe "mit der Anmaßung zu tun, die von Ihnen repräsentiert wird". Diese Leute hätten zwar keine Ahnung von der DDR, wissen aber ganz genau, wie sie dort gelebt hätten, und geben sich dann noch gönnerhaft, nach dem Motto: Mensch, bereu doch! Dass diese Haltung Ostdeutsche nervt, sagt Gysi, verstehe er. Und fügt hinzu: Persönlich sei dies nicht sein Problem, da er eben nie mit der Stasi zusammengearbeitet habe.

Die Dezember-Angst

Das Thema Staatssicherheit wird Gysi nicht los. Wenn er an die Macht in Berlin kommt, etwa als Senator, wird die Diskussion wieder neu anfangen: Wie tief war er verstrickt? In seinem aktuellen Bestseller "Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn" geht er nur kurz darauf ein, in der Hauptsache bedankt er sich bei den Leuten, die zu ihm gestanden haben. Auf Seite 58 schreibt er: "Meine heutige Ehefrau hat als Bundestagsabgeordnete unter dem Namen Andrea Lederer sechs Jahre leidenschaftlich im Immunitätsausschuss für mich gestritten. Ohne dieses Engagement wären wir uns vielleicht nie so nahe gekommen, dass wir heute verheiratet sind."

Interviewtermin, 1992: Es war eine teilweise ziemlich groteske Diskussion, denn während draußen in der Pressestelle wegen der "Spiegel"-Veröffentlichung die Hölle los war, erzählte Gysi drinnen in seinem Büro von den Ereignissen, die ihn in der Jugend am meisten geprägt hatten. (Nur ab und zu musste der Reporter raus, wenn Gysi ein wichtiges Telefongespräch führte. Dann erklärte Hanno Harnisch, sein langjähriger Pressesprecher, einem, warum Gysi nie ein IM gewesen sein könne, weil solche Menschen nämlich eine bestimmte, durchaus unangenehme Charakterstruktur haben mussten. Später stellte sich heraus, dass Harnisch wusste, wovon er sprach: Er selbst war IM). Nun, Gysi berichtete damals eindringlich, wie er sich als Kind vor dem Dezember gefürchtet hatte, weil zwei sehr gute Freunde von ihm in diesem Monat gestorben waren, der eine durch einen Unfall, der andere an einer Blutvergiftung. Er dachte, sagte er, dass jeden Dezember ein Freund sterben werde.

Oktober 2001: Gysi erzählt von dem Prozess in Frankfurt an der Oder, wo der Mörder der kleinen Ulrike vor Gericht steht. Ihre Eltern haben Gysi als anwaltlichen Beistand hinzugezogen, lange vor seiner Berliner Kandidatur. Schon zu DDR-Zeiten habe er immer versucht, sogar die schlimmsten Taten irgendwie nachzuvollziehen, wenigstens das. Er habe mal eine Mutter als Pflichtverteidiger verteidigen müssen, die zu zwei Kindern höchst liebevoll war, und ein Drittes grausam zu Tode gequält hat. "Mühsam habe ich kapiert: Dieses Kind war schwierig, machte der Mutter Probleme, brachte ihren Alltag durcheinander. Darauf reagierte sie mit wachsendem Hass und auf diese schreckliche Weise." Im Fall von Ulrikes Mörder müsse er hingegen passen, sexuelle, tödliche Gewalt gegen Kinder, "da will ich mich nicht hineinversetzen". Wenn Gregor Gysi so redet, damals, heute, hat er seine glatte Politikerhaut abgestreift. Vielleicht ist es auch das, was die guten Sympathiewerte erklärt.

Noch ein paar Tage zur Wahl. Gysi sagt, ein Bürgermeister Gysi passe gut zu dieser Stadt. Ostbezug, Westbezug. Er könne mit allen, mit Obdachlosen wie mit Wirtschaftsführern, mit dem Penner und dem König von Spanien, "und bei beiden muss ich mich nicht verstellen". Aber, sagt er, auch wenn es diesmal noch nicht reiche, allein dass seine Kandidatur beinahe selbstverständlich aufgenommen wurde, auch von den Gegnern, sei doch schon ein Fortschritt.

Apropos Fortschritt: Eigentlich kann er froh sein, dass er an diesem Abend nicht beim Abendessen mit dem Moskauer Bürgermeister sein muss. Denn früher waren das die einzigen Anlässe, wo Gysi offiziell eingeladen wurde. Wenn Russen kamen. So saß er einmal neben Jelzin, der plötzlich ziemlich betrunken ausrief, nie wieder dürfe es Krieg zwischen Deutschen und Russen geben. Die Leute klatschten. Jelzin fühlte sich animiert und wiederholte mehrmals laut rufend diesen Satz. Gysi sagt, alle hätten ihn vorwurfsvoll angeschaut, nach dem Motto: Mensch, deine Russen! Und das Schlimmste: "Ich bin tatsächlich rot geworden."

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