Zeitung Heute : Greisparteitag

Der Tagesspiegel

HINTER DEN LINDEN

Dass Waschmaschinen Socken fressen, darf als erfahrungswissenschaftlich gesichert gelten. Die ökotrophologische Forschung ist den Ursachen noch nicht restlos auf die Spur gekommen. Immerhin zeichnet sich ab, dass der Strumpffraß sich nicht im Hauptwasch- oder Spülgang abspielt, sondern im Zuge des Trocknungsprozesses, vermutlich beim Schleudern.

Noch viel weniger erforscht ist bislang ein anderes, im Kern vergleichbares Phänomen: Der Journalistenfraß. Zur Erklärung müssen wir etwas ausholen. Immer, wenn eine Partei einen Parteitag abhält, tritt vorher der Generalsekretär vor die Presse und stellt das Programm vor. Fester Bestandteil der Präsentation ist die Verkündung der Teilnehmer-Zahlen: Delegierte, Gäste, Pressevertreter. Besonders die Journalistenzahl gilt als Ausweis der Bedeutung des Ereignisses, „1000 Pressevertreter aus dem In- und Ausland angemeldet“ ist daher das Mindeste, was eine Volkspartei vorweisen sollte.

Das Sonderbare ist nur, dass dann beim Parteitag selbst immer nur dieselben paar Presse-Hanseln da sind. Ganze Hundertschaften schaffen es nie bis in den Saal. Finstere Gerüchte ranken sich darum. Gerüchte von Journalistenfängern und Reporter-Rippern, die um Parteitagshallen schleichen. Dabei ist des Rätsels Lösung einfach. Die FDP hat sie enthüllt, auf ihrem Internet-Anmelde-Formular für den Parteitag in Mannheim. Da muss jeder Journalist seinen Geburtstag eintragen. Er wählt dazu mit der Maus aus einer Liste von Tagen, Monaten und Jahren. Die Liste beginnt mit dem Jahr 1900. Angehörige dieses Jahrgangs schaffen es vielleicht gerade noch, sich anzumelden. Kommen können sie wohl nicht.Robert Birnbaum

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