Zeitung Heute : Gremiendschungel

MONIKA ERMERT

Ein "Kindergarten" sei es gewesen, sagen die einen.An eine "Bundestagsdebatte" erinnerte es die anderen.Im Berliner Adlon diskutierten Netzexperten aus fünf Kontinenten über die Selbstverwaltung des Internet und die Politik der Domainvergabe.Wer nicht persönlich zum Treffen der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) kommen konnte, erschien virtuell.Vom PC aus konnte sich jeder in die live übertragenen Debatten einschalten.

Ein ganzer Dschungel von Gremien und Beiräten wird die obersten Internet-Adressverwalter im nächsten Jahrtausend unterstützen.Berlin geht nun immerhin als Geburtsort von zwei wichtigen ICANN-Organen in die Internet-Geschichte ein.Sie stimmen künftig über die Besetzung der ICANN-Führung mit ab und beraten die Einführung neuer Top-Level-Domains.Nicht zum Zug kam die nicht-kommerzielle Seite, weil sich mehrere Organisationen um die Vertretung bewarben.Auch die strengen Regeln, nach denen möglichst viele Nationen repräsentiert sein müssen, haben nicht immer funktioniert.Vor allem aber fehlen der neuen "Netzregierung" noch zwei andere wichtige Dinge: Volk und Geld.Einzelmitglieder, die man nun werben will, sollen spätestens im September des nächsten Jahres elektronisch die Hälfte der ICANN-Direktoren wählen.5,9 Millionen US-Dollar sind bis dahin verplant.Wichtigste Einahmequelle: eine Gebühr von den Firmen, die sich bei ICANN als Vergabestellen für die begehrten Domainnamen registrieren lassen.

Pro Domain und Jahr möchte die ICANN außerdem einen Dollar kassieren.Daneben sollen auch Regierungen zur Kasse gebeten werden.Knapp eine halbe Million sollen sie beisteuern.Dabei hätte das Plenum den parallel tagenden Regierungbeisrat (GAC) am liebsten gleich wieder abgeschafft.Daß die 33 Regierungsvertreter unter sich bleiben wollten, macht sie vor allem dem Fußvolk im Netz, kleineren Unternehmen oder Organisationen, suspekt."Ich finde grundsätzlich offene Sitzungen symphatisch", sagt ICANNs Interims-Präsidentin Esther Dyson.Befürchtungen, daß internationale Regierungen durch das GAC erstmals ihre Hand aufs Internet - und vor allem auf die Vergabe von Länderdomains - legen, teilt sie aber nicht.

Immerhin folgten Dyson und ihre Direktoren beim umstrittenen Bericht der World Intellectual Property Organisation nicht der Empfehlung der Regierungsvertreter, die ihn gerne verabschiedet gesehen hätten.Über die WIPO-Vorschläge, die vor allem das Besetzen lukrativer Netzadressen, verhindern sollen, darf sich der neue Domainnamen-Rat den Kopf zerbrechen, bis zur nächsten ICANN-Sitzung im August in Santiago de Chile.

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