Zeitung Heute : Grenander

Victoria-Barsch und Basilikumschaum

Elisabeth Binder

Grenander, Bayreuther Str. 36, Schöneberg, Tel. 236 094 70, täglich ab 11 Uhr, sonntags von 15 bis 24 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Kulinarisch ist der Wittenbergplatz vor allem für seine ökologisch korrekten Currywürste berühmt. Das Grenander, benannt nach einem schwedischen Architekten, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin unter anderem Bahnhöfe und Industriebauten entwarf, ist vor einiger Zeit angetreten, das zu ändern. Man ist stolz auf den Fußboden aus geräucherter Eiche und auf architektonische Zitate, die eine Verwandtschaft zum U-Bahnhof Wittenbergplatz betonen sollen, der ebenfalls vom Namensgeber des Lokals erbaut wurde. Dunkelgrüne Polsterbänke, viel braunes Holz, offene Weinregale, polierte Messingleuchten, die ein angenehmes Licht verstrahlen, Tischläufer und Servietten aus Papier. Auf den ansonsten blanken Holztischen flackern Kerzen. Der offene Champagner von Mercier ist für 7,50 Euro zu haben, auch die offenen Weine sind mit 3,50 Euro für 0,2 l sehr realistisch kalkuliert. Bei den Flaschenweinen orientiert man sich an zuverlässigen Quotenbringern aus Frankreich, Italien, Deutschland und Kalifornien. Mit einem 2003er Sancerre „Les Romains“ fühlten wir uns fair behandelt, wenngleich er kühler hätte sein dürfen (26 , 50 Euro). Vorweg gibt es festes weißes Brot mit flauschweichem, mildem Kräuterquark. Einen herzig pikanten Geschmack hat das weiße, grün gesprenkelte Basilikumschaumsüppchen, in dem eine Hummerkrabbe thront (5,50 Euro). Wie eine Hommage an frühlingsspezifische Mussgenüsse gebärdet sich der Spargelsalat. Frische Spargelstückchen vereinen sich darin mit Erdbeerhälften, Rhabarberbrocken und Feigenvierteln. Dazu Salat mit Sprossen, eine kräftig senfige Vinaigrette und reichlich grüne Pfefferkörner (8,50 Euro).

Beide Hauptgerichte hatten leider kleine Macken. Die Panade des Schnitzels legte den Geschmack von zu oft gebrauchtem Fett nahe. Das würden die ökologischen Würste aus der Nachbarschaft nie wagen. Die Salzkartoffelhälften dazu waren vielleicht ein bisschen zu groß, der Salat aber in Ordnung und das Fleisch selbst zart (16,50 Euro). Die beiden sanften Victoria-Barschfilets in einer Zitronen-Minz-Sauce auf knackig würzigem Wok-Gemüse hätten perfekt sein können. Ohne Warnung hatte der Koch in dem Arrangement allerdings einige nicht zwingend notwendige Scheiben Knoblauch versteckt, auf die ich biss, ohne es zu wollen. Da bei etlichen anderen Gerichten auf der Karte vermerkt war, dass sie Knoblauch enthalten, hatte ich gar nicht gefragt. So war die Freude an dem eigentlich gelungenen Gericht doch getrübt, denn die an diesem Abend unerwünschten Folgen ließen sich ja nicht mehr beseitigen (15,80 Euro).

Auch die Dessertkarte spricht von dem Ehrgeiz, sich grundsätzlich an ganz normale Leute zu richten, die offen sind für ungewöhnlich akzentuierte Geschmackserlebnisse. Besonders gelungen fand ich das Kompott aus Trockenaprikosen, Ingwer und Litschi-Früchten unter einer Grieß-Marzipanschnitte. Das klingt wild, schmeckte aber ganz harmonisch, wenngleich die Aprikosen ziemlich mächtig waren (5,70 Euro). Der Blick durch die raumhohen Fenster hindurch auf Kiosk, Brunnen und KaDeWe im Hintergrund wirkt ausgesprochen urban. Der Service verstärkt auf seine unaufdringlich professionelle Weise diesen Eindruck noch. Hierher könnte man gut Gäste von außerhalb führen, weil es hübsch berlinisch ist und dabei kein bisschen eisbeinpampig. Die Sorgfalt im Detail lässt sich ja jederzeit ohne größeren Aufwand verbessern. Muss man nur den Ehrgeiz noch ein bisschen weiter ankurbeln.

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