Zeitung Heute : Grenzen der Hilfe

Die Militärjunta von Birma hat nun offiziell erklärt, dass sie bei der Katastrophenhilfe keine Ausländer dabei haben will. Wie gehen die deutschen Hilfsorganisationen damit um?

Dagmar Dehmer Dennis Grabowsky

Die weltweite Hilfsbereitschaft ist groß. In den Nachbarstaaten Birmas lagern Nahrungsmittel, Zelte und Medikamente für das vom Zyklon „Nargis“ so schwer getroffene Land. Aber die Militärregierung lehnt die Zusammenarbeit mit den meisten Helfern ab. Lediglich Organisationen, die schon seit Jahren in Birma arbeiten, haben zurzeit eine Chance zu helfen. Trotz dieser Einschränkungen hat die Bundesregierung ihre Nothilfe für die Katastrophenopfer von einer auf zwei Millionen Euro verdoppelt. Das gab Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek- Zeul (SPD) am Freitag nach einem Gespräch mit dem Vizedirektor des Welternährungsprogramms (WFP), John M. Powell, bekannt.

Die Zusage wurde gegeben, bevor Birmas Militärregierung am Vormittag die Hilfsgüter des WFP beschlagnahmte und das WFP daraufhin alle weiteren Hilfsflüge stoppte. Ab heute soll es aber wieder Hilfsflüge geben. Ein Ministeriumssprecher sagte dem Tagesspiegel am Abend: „Unsere Zusage an das WFP und an Hilfsorganisationen gilt. Sie kann aber nur dann praktisch umgesetzt werden, wenn die Organisationen in Birma ungehindert arbeiten können.“ Wieczorek-Zeul hatte vormittags gesagt, die bis zu 1,9 Millionen Menschen, die Hilfe brauchten, dürften nicht dafür bestraft werden, „dass sie von einer Militärregierung schon seit Jahrzehnten unterdrückt werden“.

Powell stöhnte, als er die Nachricht von den Beschlagnahmungen hörte: „Nirgendwo war es so schwierig wie in Birma.“ Am Vormittag hatte er vor einer „Katastrophe nach der Katastrophe“ gewarnt. Jetzt müsse „jedes Leben gerettet werden“. Aber die Hilfe müsse über Mitarbeiter des WFP oder Nichtregierungsorganisationen verteilt werden. Das sei die „angemessene Vorgehensweise“.

Unterdessen heißt es beim UN-Kinderhilfswerk Unicef, dass allein in der Stadt Labutta im Irrawaddy-Delta, wo vor der Katastrophe 300 000 Einwohner lebten, 44 000 Menschen vermisst werden und 150 000 Bewohner obdachlos sind. Unicef-Sprecher Rudi Tarneden sagt, die Helfer seien darauf angewiesen, mit den lokalen Behörden zusammenzuarbeiten. Am Freitagmorgen seien drei Millionen Tabletten zur Wasseraufbereitung eingetroffen. Hilfsgüter würden aber nicht einfach an birmanische Soldaten übergeben. Die Verteilung werde von Unicef-Mitarbeitern so gut wie möglich überwacht und zu diesen gebe es auch ständig Kontakt. „Spender können sicher sein, dass die Hilfe eintrifft, wo sie benötigt wird“, sagt Tarneden. Trotz der unklaren Nachrichtenlage sei die Spendenbereitschaft der Deutschen hoch. Tarneden hofft, dass die „Politisierung der Hilfe“ keine negativen Auswirkungen hat.

Als eine von wenigen Organisationen hatte die Deutsche Welthungerhilfe zum Zeitpunkt des Unwetters bereits Mitarbeiter in Birma. Zurzeit befinden sich vier deutsche und fünfzig einheimische Mitarbeiter in Rangun, um die Verteilung von Gütern zu organisieren. Trotz der dramatischen Lage war es noch möglich, in Birma selbst Lebensmittel, Medikamente sowie Planen und Zelte einzukaufen. Nach Angaben von Welthungerhilfe- Sprecherin Stefanie Koop war Birma noch vor kurzem in der Lage, Reis in benachbarte Länder zu liefern, um dort Engpässe zu beheben. Für diesen Überschuss seien allerdings weite bewaldete Flächen im jetzt überfluteten Irrawaddy-Delta gerodet worden, die nun keinen Schutz mehr bieten konnten.

In den vergangenen Tagen hat sich der Reispreis verdoppelt. Souheil Reiche, Birma-Landeskoordinator von „Ärzte ohne Grenzen“, berichtet: „Die Menschen hier sagen, dass Birma noch nie eine derartige Katastrophe erlebt hat.“ Die einzige Möglichkeit, in die betroffenen Gebiete außerhalb Ranguns zu gelangen, sei per Boot. Allerdings seien diese alle zerstört.

Der Malteser Hilfsdienst, seit 2001 in Birma aktiv, hat ebenfalls sofort mit der Nothilfe begonnen. Die Malteser hätten „Glück im Unglück“ gehabt, sagt ihr Sprecher Bernd Molitor. Die Hauptarbeit werde von einheimischen Spezialisten übernommen. So werde am Sonntag ein medizinisches Team in die Stadt Labutta entsandt, um ein Gesundheitszentrum einzurichten. Insgesamt werden 50 000 Euro für die Nothilfe zur Verfügung gestellt, mit weiteren 50 000 Euro unterstützt Caritas International, das noch keine eigenen Mitarbeiter ins Land entsenden durfte, die Arbeit.

World Vision, wie die Malteser Teil der Aktion „Deutschland hilft“, hat mehr als 500 Mitarbeiter im Land und konnte bereits 80 000 Menschen mit dem Notdürftigsten versorgen. Eine deutsche Mitarbeiterin in Birma befürchtete allerdings, dass sich die Versorgungssituation noch verschlechtern wird: „Wir können weitere Nahrung nicht mehr hier besorgen.“ Die Helfer vor Ort haben – notgedrungen – den Markt leer gekauft, was für die Birmanen, die nicht unmittelbar vom Zyklon getroffen wurden, drastisch höhere Lebensmittelpreise zur Folge haben wird.

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