Zeitung Heute : Grenzen der Integrationspolitik

Ein vergleichender Blick auf Deutschland, Frankreich und die Niederlande

Ruud Koopmans

„Integration ist nicht möglich, und wird auch nicht möglich sein.“ So lautete Yilmaz Özkans Fazit einer Tagung am Wissenschaftszentrum Berlin über „Probleme türkischer Gastarbeiter“, zitiert im Tagesspiegel vom 19. Dezember 1974. Die von Özkan mitorganisierte Tagung hatte 50 Experten aus 12 Ländern zusammengeführt. Diese gingen damals – unmittelbar nach der Verkündung des Anwerbestopps für Gastarbeiter – davon aus, dass es sich um eine „Umsiedlung auf Zeit“ handelte und die Herausforderung nicht sosehr die Integration in die deutsche Gesellschaft, sondern die Re-Integration der Heimkehrer in die türkische Gesellschaft sei.

Es hat zu lange gedauert, bis sich die Politik, die Migranten selbst und auch die Wissenschaft endgültig von dieser Illusion der Rückkehr verabschiedet haben. Entgegen den damaligen Erwartungen sind viele der ehemaligen Gastarbeiter geblieben und haben ihre Ehepartner nachgeholt. In Deutschland ist mittlerweile eine zweite Generation herangewachsen. Integration ist damit von einer Unmöglichkeit zu einem Muss geworden. Aber inwiefern hat sie bei den ehemaligen Gastarbeitern aus der Türkei und ihren Nachkommen tatsächlich stattgefunden? Und wie schneidet Deutschland bei der Integration im Vergleich zu anderen Einwanderungsländern ab?

Die Auswertung einer Umfrage in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden bietet einige Antworten. Es wurden dabei türkische Gastarbeiter, die vor 1975 einwanderten, sowie ihre Kinder zu verschiedenen Aspekten der sozialen und kulturellen Integration befragt. Im Vergleich zu der Gastarbeitergeneration hat die zweite, in Deutschland geborene Generation sich der deutschen Gesellschaft deutlich angenähert. Zum Beispiel geben 59 Prozent der Mitglieder der zweiten Generation an, die deutsche Sprache perfekt zu beherrschen, im Vergleich zu lediglich 26 Prozent der ersten, noch in der Türkei geborenen Generation. Allerdings benutzt weniger als ein Viertel der Angehörigen der zweiten Generation in Kontakten mit Freunden oder dem Partner Deutsch häufiger als Türkisch. Dies deutet auf eine immer noch starke soziale Segregation von der deutschstämmigen Bevölkerung hin. In der Tat liegt die Zahl derjenigen, die angeben in der Freizeit überwiegend mit anderen Türkischstämmigen Kontakt zu haben, bei der zweiten Generation (46 Prozent) nur geringfügig niedriger als bei der ersten Generation (50 Prozent). Ehen mit Deutschstämmigen sind auch unter den in Deutschland Geborenen noch eine seltene Ausnahme (4 Prozent). Während die Identifikation mit der Türkei in beiden Generationen sehr hoch ist, fühlen sich 51 Prozent der ersten und immerhin noch 41 Prozent der zweiten Generation „überhaupt nicht“ deutsch.

Die Fortschritte von der ersten zur zweiten Generation zeigen, dass Integration durchaus stattgefunden hat und keine „Unmöglichkeit“ ist, wie die Sachverständigen auf der WZB-Tagung 1974 meinten. Allerdings zeigt der manchmal bescheidene Umfang dieser Fortschritte, dass die Integration der Türkischstämmigen in Deutschland durchaus schwierig gewesen ist und noch ist. Dies lässt sich allerdings nicht dadurch erklären, dass die deutschen Türken besonders konservativ-religiös seien, wie manchmal unterstellt wird. Im Gegenteil, die deutschen Türken gehen weniger häufig in die Moschee und türkischstämmige Frauen in Deutschland tragen weniger häufig ein Kopftuch als dies in Frankreich oder den Niederlanden der Fall ist.

Inwiefern ist die zögerliche Integration dann vielleicht der langjährigen politischen Realitätsverweigerung, Deutschland sei „kein Einwanderungsland“, und der darauf basierenden, relativ restriktiven deutschen Einbürgerungspolitik zuzuschreiben? In der Tat ist in Deutschland der Anteil der ehemaligen Gastarbeiter und ihrer Kinder, die eingebürgert wurden, deutlich geringer als in Frankreich und den Niederlanden. Dieser Unterschied ist eine wichtige Erklärung für die schwache Identifikation der Türkischstämmigen mit Deutschland. In Frankreich und den Niederlanden ist die Zahl derjenigen, die sich mit ihrem Wohnland identifizieren, höher als in Deutschland, obwohl auch dort die Identifikation mit der Türkei noch deutlich stärker ist als mit der neuen Heimat.

Was die sprachliche Integration betrifft, sind die türkischstämmigen Niederländer aber nicht weiter vorangeschritten als die deutschen Türken. Soziale Kontakte und Ehen zwischen Niederländern und Türkischstämmigen sind sogar noch seltener als in Deutschland, und die Niederlande sind das einzige der drei Länder, in dem die zweite Generation sogar weniger solche Kontakte hat als ihre Eltern. Die weitgehende Förderung der eigenen Sprache und Kultur und die geringen Assimilationsanforderungen, die die niederländische Integrationspolitik bis vor einigen Jahren kennzeichneten, haben also, mit Ausnahme der Identifikation, ebenso wenig zur sozialen und kulturellen Integration beigetragen als die eher restriktive deutsche Integrationspolitik.

Im Vergleich dazu schneidet Frankreich besser ab. Dort sprechen 60 Prozent der zweiten Generation hauptsächlich französisch in Kontakten mit Freunden, geben 73 Prozent an, die Sprache perfekt zu beherrschen, und hat nur eine Minderheit hauptsächlich türkische Freizeitkontakte. Dies gilt auch, wenn man die Tatsache einkalkuliert, dass es in den meisten Städten Frankreichs weniger Türkischstämmigen gibt als in vielen niederländischen oder deutschen Städten.

Integration mag langsamer verlaufen, als mancher es sich wünschen würde, möglich ist sie durchaus. Die Politik kann, so zeigen die Ergebnisse der WZB-Studie, am Gelingen der Integration nur einen bescheidenen Beitrag liefern. Insofern Integrationspolitik aber einen Einfluss hat, ist die deutsche Integrationspolitik, zumindest in Bezug auf die soziale und kulturelle Integration der ehemaligen türkischen Gastarbeiter, nicht besonders erfolgreich gewesen.

Die Erfahrungen der Niederlande zeigen, dass integrationspolitische Verbesserungen nicht in die Richtung einer „multikulturellen“ Politik, die ethnische und religiöse Differenzen betont, zu suchen sind. Das französische Beispiel zeigt, dass von einer weiteren Liberalisierung der Einbürgerung, zum Beispiel in der Form einer Tolerierung der, in Frankreich üblichen, doppelten Staatsangehörigkeit, eher positive Effekte zu erwarten sind, die insbesondere der Identifikation der Türkischstämmigen mit ihrer neuen Heimat zugute kommen würden.

Der Autor leitet die Abteilung „Migration, Integration, Transnationalisierung“ und arbeitet am erwähnten Forschungsprojekt zusammen mit Evelyn Ersanilli.

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