Zeitung Heute : Grenzen in Bewegung

„Transfabrik“ ist mit elf Produktionen zu Gast in Berlin. Im Gespräch erklärt die HAU-Chefin Annemie Vanackere, wie Sprache Missverständnisse erzeugt – und wie Kunst sie überwindet.

Frau Vanackere, Sie haben in Leuven Theaterwissenschaften und Philosophie studiert und sind dann für ein Jahr nach Paris gegangen, wo Sie die Seminare von Jacques Derrida besucht haben. Haben Sie eine große Affinität zur französischen Kultur und Philosophie?

In den achtziger Jahren, als ich mit dem Philosophiestudium begonnen habe, war der französische Poststrukturalismus bei uns sehr präsent. Ich bin in Flandern aufgewachsen, nahe der französischen Grenze. Von Kortrijk nach Lille, der größten Stadt Nordfrankreichs, sind es nur 30 Kilometer.

Auf Initiative des Institut Francais haben sich für das bilaterale Projekt „Transfabrik“ elf Veranstalter aus sieben Städten zusammengeschlossen – in Deutschland sind es neben dem Hebbel am Ufer auch Kampnagel Hamburg und PACT Zollverein in Essen. Wie war der Dialog zwischen den französischen und deutschen Theaterleitern?

Ich bin etwas später dazugekommen. Das Projekt „Transfabrik“ wurde bereits angeschoben, bevor ich zur neuen Leiterin des HAU ernannt wurde. Es bietet mir auf alle Fälle die Gelegenheit, mich mit meinen französischen Kollegen intensiver auszutauschen – und den französischen Künstlern eine Plattform zu bieten.

Dem Programm in Berlin haben Sie den charmanten Titel „French Friends“ gegeben. Auffallend ist, dass Sie nur französische Künstler eingeladen haben.

Da die deutschen Künstler, die bei „Transfabrik“ mitmachen, wie zum Beispiel Antonia Baehr, Eszter Salamon und Schubot/Gradinger, eh bei uns im HAU auftreten, fand ich es am sinnvollsten – und attraktiver –, dass wir uns nur auf französische Künstler konzentrieren.

Hatten Sie freie Hand bei der Programmgestaltung?

Ja, natürlich. Die französischen Kollegen haben Vorschläge gemacht. Aber die Auswahl habe ich selbst getroffen. Wir haben uns die Frage gestellt: Was ist typisch französisch? Und kann man das heute noch so sagen? Als ich im September letzten Jahres dann in Lyon die Premiere „Germinal“ von Antony Deerfort und Halory Goerger besucht habe, dachte ich: Das trifft den Nagel auf den Kopf.

Sie haben also etwas spezifisch Französisches entdeckt?

Sie haben mich eingangs auf mein Philosophiestudium angesprochen. Mein heimlicher Arbeitstitel für das Festival war „Les mots et les choses“. Damit beziehe ich mich auf das berühmte Buch von Michel Foucault (deutsch: „Die Ordnung der Dinge“). Es geht mir um die Frage, wie die Sprache die Beziehung zur Welt gestaltet. „Germinal“ handelt von der Erschaffung der Welt durch Sprache – und da fangen auch schon die Missverständnisse an.

Sie haben neben großen Namen wie Philippe Quesne und Jérôme Bel auch Künstler eingeladen, die noch nie in Berlin aufgetreten sind. Will das Festival zu Entdeckungen einladen?

Ich finde es reizvoll, Künstler vorzustellen, die man hierzulande noch nicht kennt. Die Gruppe Grand Magasin verfolge ich schon lange. Pascale Murtin und Francois Hiffler sind so was wie die Theatereltern von Jérôme Bel. Die Logik der Sprache wird von ihnen auf eine sehr witzige Weise dekonstruiert. Ihre Produktion „Les Rois du Suspense“ ist in meinen Augen eine sehr französische Arbeit.

Von Jérôme Bel ist ein Solo aus dem Jahr 1997 zu sehen. „Shirtology“ ist immer noch ein aktueller Kommentar zu unserer kapitalistischen Alltagskultur.

Ja, und es passt wunderbar zu meinem jetzt nicht mehr so geheimen Leitfaden „Les mots et les choses“, denn in seinen konzeptuellen Versuchsanordnungen untersucht Jérôme Bel die Beziehungen zwischen Körper, Sprache und Objekt.

Philippe Quesne kommt mit einer Produktion, die er in Japan erarbeitet hat. Was ist französisch an „Anamorphosis“?

Bei ihm wird deutlich, dass die französischen Künstler von einem anderen Subjektbegriff ausgehen. In „Anamorphosis“ arbeitet Quesne mit vier japanischen Darstellerinnen, die auf den ersten Blick identisch erscheinen. Aber die Unterschiede werden während der Vorstellung deutlich. Das Stück mutet an wie ein Ritual, auch wenn nur Alltagsgegenstände benutzt werden. Und es hat etwas sehr Melancholisches.

Haben Sie vor allem Künstler eingeladen, die die Grenzen zwischen den Disziplinen aufsprengen?

Das trifft wohl auf die meisten Künstler zu. Ich bin sehr froh, dass das Duo Clédat & Petitpierre dabei ist. Ihre Arbeiten werden normalerweise nicht in Theaterräumen gezeigt. Die drei Installationen, die sie im HAU 3 zeigen, haben etwas Verspieltes und Physisch-Sensuelles.

Eine Produktion wird in allen sieben Städten gezeigt: das Auftragswerk „M!M“ von Laurent Chétouane. Der französische Regisseur und Choreograf lebt und arbeitet schon lange in Deutschland. Haben Sie ihn deshalb vorgeschlagen?

Ich schätze Laurent Chétouane als einen klugen Denker. Und er ist für mich die perfekte Verbindungsfigur. Ich habe ihn gebeten, über die deutsch-französische Freundschaft nachzudenken. Das hat er getan. Ausgangspunkt für sein Stück ist Derridas Essay „Politik der Freundschaft“.

Ein Frankreich-Festival ohne Chansons – das geht gar nicht.

Das finde ich auch. Aber bei uns sind nicht die bekannten melancholischen Chansons zu hören. Pascale Murtin von Grand Magasin hat für das Programm „25 chansons trop courtes et quelques unes plus longues“ eigene Lieder geschrieben. Das wird bestimmt ein lustiger Abend.

Glauben Sie, dass das Festival den Blick auf unsere Nachbarn verändert?

Die eingeladenen Künstler repräsentieren nicht Frankreich. Aber in der Bündelung der Arbeiten zeigt sich schon etwas spezifisch Französisches. Wir haben nach etwas gesucht, was unseren Geist und unsere Sinne erfreut.

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