Zeitung Heute : Grenzen ziehen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Europa sieht ziemlich alt aus. Hat Donald Rumsfeld gesagt. Unser Europa, das, in dem Berlin liegt. Immerhin, könnten wir schüchtern erwidern, sind wir ganz nah dran an der schönen neuen Welt: nur 90 Kilometer bis zum jungen Europa.

Berlin sieht ziemlich jung aus. Hat William Murray geschrieben: vor zwei Wochen im „New York Times Magazine“. Hat mir eine Freundin aus Washington mitgebracht, die Geschichte über das hippe Berlin, das es ohne weiteres mit Paris, London und New York aufnehmen könne. Der Autor kommt gar nicht wieder aus dem Schwärmen raus: So frisch! So lebendig! So witzig! So grün! So kultiviert!

Ein paar Seiten lang schüttet er Balsam auf meine geschundene Seele. Wenn ich zu Hause die Zeitung aufschlage, denke ich ja immer, ich lebe am ärmsten, verlorensten Flecken der Welt. Nur 90 Kilometer bis Ost-Europa! Von Murray habe ich vieles erfahren, was ich gar nicht wusste: Dass der Berliner die Hochhäuser am Potsdamer Platz „Notre Daimler“ und „Big Benz“ nennt. Dass er gern den Kudamm lang flaniert, diesem „großartigen Boulevard mit eleganten Cafés und Geschäften“. Dass er gerne Schweinskotelett isst und Fleischballen mit Rotkohl und Sauerkraut, und zwar in rauen Mengen. Von seinem ersten Mahl, erzählt William Murray, hätte eine vierköpfige Familie satt werden können. Kein Wunder, dass der Berliner sein Lieblingsgericht, Currywurst mit Pommes, als „Snack“ betrachtet, wie der Autor erklärt.

Als besonders gute Adresse zum Essen empfiehlt er die Markthalle am Marheinekeplatz in Kreuzberg, „a lively working-class district in East Berlin“. Oops! Arbeiterklasse?! Ost-Berlin?! Dass der Amerikaner das Jüdische Museum an der Lindenstraße in den (immerhin: „früheren“) Ost-Sektor verfrachtet hat – das hab ich ja fast noch verstanden, Checkpoint Charlie und das Mauermuseum sind nicht weit, da kommt man schon mal durcheinander. Aber den Marheinekeplatz, das Herz von West-Berlin?! Ist das womöglich die Rumsfeld-Doktrin: Alles, was jung wirkt, kann nur im Osten liegen?

Wobei – Recht hat er schon, der Murray: Lecker und lebendig geht’s zu am Marheinekeplatz, und die Bergmannstraße ist spannender als jeder Boulevard. Billiger auch. Wer seinem Besuch aus Washington vorführen will, was das Wort „Kiez“ bedeutet, sollte unbedingt an diesen Flecken Kreuzbergs kommen. Hier kann man alles, Jazz hören und indonesisch lernen, hier kriegt man alles, Comic Books, Toilettenpapier und amerikanischen Cheese Cake, besser als in New York. Sogar ein dickes Buch über West-Berlin, für drei Euro im Sonderangebot, findet man vor dem Globetrotterladen. Und: Man trifft echte Berliner hier, in der Markthalle und im Wirtshaus Herz, um die Ecke. Dort kann man sich gemütlich zurücklehnen und die Worte von William Murray auf der Zunge zergehen lassen: Trotz der schlechten deutschen Wirtschaftslage – „Berlin is still a city on the move, its eyes fixed on the future“. Darauf noch ein Schultheiss, bitte.

Bergmannstraße und Marheinekeplatz, zu finden auf jedem Stadtplan. Wer Glück hat, entdeckt im Antiquariat noch einen Stadtplan, auf dem die Grenze zwischen West und Ost eingezeichnet ist.

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