Zeitung Heute : Grenzenlos kreativ

Die Open-Access-Bewegung will freien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und kulturellen Gütern schaffen

-

Von Gerd Hansen Von einer breiteren Öffentlichkeit bislang unbemerkt, ist in den letzten Monaten eine neue, kraftvolle politische Strömung aus den USA nach Europa geschwappt: die „OpenAccess-Bewegung“. Inspiriert von der „Open-Source- Bewegung“ propagiert die Open-Access-Bewegung einen offeneren Zugang zu urheberrechtlich geschützten Werken im digitalen Zeitalter. Es geht ihr dabei um nichts weniger als den Traum vom freien Internet, um eine Rückführung des Urheberrechts auf ein Maß, das Innovation und Kreativität nicht hemmt, sondern fördert.

Der Hohepriester der Bewegung ist Lawrence Lessig, Professor an der kalifornischen Stanford Law School. Mit seinen feuerwerksgleichen Powerpoint-Predigten füllt er Säle. „Wir lebten in einer Zeit, in der uns mit dem Internet ein Instrument in die Hand gegeben worden ist, um den Traum vom weltweiten offenen Zugang zu wissenschaftlicher Information und kulturellen Gütern zu ermöglichen“, sagt Lessig. Dennoch seien wir in erster Linie darum bemüht, die urheberrechtliche Landnahme im Internet durch technische Schutzmaßnahmen voranzutreiben.

Lessig ist ein bekennender Linker, aber kein Extremist. In der Radikalisierung der Diskussion über das Urheberrecht sehen er und zahlreiche Vertreter der Open-Access-Bewegung eine Fehlentwicklung. Wenn die amerikanische Filmindustrie ihren Kampf gegen Raubkopierer als ihren eigenen „terrorist war“ bezeichne, sei dies ebenso schamlos wie verfehlt. Lessig geht es nicht etwa um die Abschaffung des Urheberrechts. Im Gegenteil: Er möchte das Urheberrecht innovativ nutzen, um kreativen Austausch zu fördern. Zu diesem Zweck hat Lessig 2002 an der Stanford University die gemeinnützige Organisation „Creative Commons“ gegründet. Anstatt der Extrempositionen „All rights reserved“ oder „No rights reserved“ lautet ihr Credo „Some rights reserved“. Creative Commons bietet dafür auf ihrer Website kostenfreie Lizenzen an, die Urhebern eine flexibel abgestufte Ausübung ihrer urheberrechtlichen Rechte ermöglichen.

Das modulare Lizenzsystem enthält neben einer für Suchmaschinen lesbaren technischen Metadatenschicht auch eine für Nichtjuristen verständliche Zusammenfassung der jeweils gewählten Lizenz und erfreut sich daher in den USA unter Kreativen bereits großer Beliebtheit. Einer der Vorzüge der Creative-Commons-Lizenz ist dabei, dass Urheber mit ihr den rechtlichen Status ihrer Werke für die Verbreitung im Internet klarstellen können, ohne teuren Rat bei einem Anwalt einholen zu müssen.

Lessigs Idee mag vielleicht nicht sonderlich spektakulär erscheinen. Wie so oft bei zündenden Ideen hat er wahrscheinlich mit seinem Creative-Commons-Projekt schlicht das nahe Liegende zur rechten Zeit am rechten Ort getan. Gegenwärtig befindet sich das Projekt in einer Phase rasanter Internationalisierung.

Von Berlin aus koordiniert, wird in mehr als 60 verschiedenen Ländern an der sprachlichen und rechtlichen Anpassung der Creative-Commons-Lizenzen gearbeitet. Deutschland hat als eines der ersten europäischen Länder diesen Adaptionsprozess bereits abgeschlossen und verfügt seit dem 11. Juni diesen Jahres über Creative-Commons-Lizenzen, die an das deutsche Urheberrecht angepasst sind.

Bei einer internationalen Konferenz im Berliner Wissenschaftskolleg stritten kürzlich Vertreter des Justiz- und Forschungsministeriums mit Urheberrechtsspezialisten aus dem In- und Ausland – unter ihnen Lawrence Lessig – über die angemessene Höhe des Schutzniveaus und ungelöste Fragen des internationalen Privatrechts bei der Verwendung von Creative-Commons-Lizenzen. Dabei wurde deutlich, dass Open Access nicht nur das Urheberrecht betrifft. Wenn beispielsweise Museen dazu übergehen, die digitale Bereitstellung von gemeinfreien Kulturgütern über das Internet als Einnahmequelle zu entdecken, stelle sich die Frage, ob nicht der Gesetzgeber gefordert sei, einer zunehmenden Kommerzialisierung unseres kulturellen Erbes Einhalt zu gebieten.

Inzwischen gibt es zahlreiche Initiativen des Open-Access-Publizierens. So stellte die Max-Planck-Gesellschaft ihr „eDoc-Server“-Projekt vor, eine zentrale Publikationsplattform für alle Max-Planck-Institute. Ziel ist der kostenfreie, offene Zugang zu den wissenschaftlichen Ergebnissen der Max- Planck-Gesellschaft. Mit dem eDoc- Server setzt die Max-Planck-Gesellschaft die „Berliner Erklärung über offenen Zugang zu Wissen“ um. In dieser hatten im Oktober 2003 maßgebliche deutsche und europäische Wissenschaftsorganisationen das unmissverständliche wissenschafts-politische Signal zugunsten von Open Access gesetzt.

Eine weitere neue Herangehensweise an wissenschaftliches Publizieren sind die „Open-Access-Journals“. Solche kostenfreien Online-Zeitschriften wie von „BioMed Central“ oder „PLoS Biology“, die sich über eine institutionell getragene Publikationsgebühr finanzieren, haben in den vergangenen Monaten für viel Furore gesorgt. Traditionelle Verlagsgruppen wie Elsevier und Springer scheinen nervös zu werden und beginnen zu reagieren. Die großzügigere Genehmigung von Open-Access-Zweitpublikationen durch Elsevier ist ein viel beachteter Schritt.

In Großbritannien ist Open Access zum Politikum geworden. Eine eigens eingesetzte parlamentarische Untersuchungskommission zum wissenschaftlichen Publikationswesen hat am 19. Juli ihren lang erwarteten Abschlussbericht „Scientific Publications: Free for All?“ vorgelegt. Die Kommission kommt darin gegenüber der britischen Regierung zu einer klaren Empfehlung zugunsten von Open Access und empfiehlt konkrete Maßnahmen, die die Regierung zur Förderung von Open Access unternehmen solle.

Auch die Europäische Kommission hat jüngst nicht zuletzt angesichts der enormen Preissteigerungen für wissenschaftliche Zeitschriften (die „Journal Crisis“) eine neue Studie angekündigt. Ihr Ziel soll sein, auf europäischer Ebene Maßnahmen aufzuzeigen, welche die Bedingungen für einen offeneren Zugang zu Wissen verbessern können.

In Deutschland hat sich die Politik des Themas noch nicht angenommen. Das elementare Interesse der Allgemeinheit an einem offeneren Zugang zu wissenschaftlicher Information wird hier beispielsweise artikuliert von Aktionsbündnissen wie „DINI“ (Deutsche Initiative für Netzwerkinformationen). Vertreter aus Wissenschaft und Forschung, aus Rechenzentren und Bibliotheken kämpfen in diesem Aktionsbündnis gemeinsam unter anderem dafür, dass im laufenden Gesetzgebungsverfahren für die weitere Reform des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft („Zweiter Korb“) die Interessen von Wissenschaft und Forschung in stärkerem Maße als bisher Gehör finden.

Open Access sei nicht eine Bewegung gegen die Wissenschaftsverlage, sondern für die Wissenschaft, betonen Aktivisten. Die Wissenschaftsverlage sollten nicht den gleichen Fehler begehen wie die Musikindustrie angesichts von Tauschbörsen wie Napster & Co. Open Access böte vielmehr auch für sie eine Chance für innovative Businessmodelle, die es zu ergreifen gelte. „Free Culture“, der programmatische Titel von Lessigs letztem Buch, bedeute nicht Freibier.

Der Verfasser ist Mitarbeiter des Berliner Creative-Commons-Büros und ist Stipendiat am Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht in München.

INFORMATIONEN ZU OPEN ACCESS

IM INTERNET

Creative Commons Deutschland:

http://de.creativecommons.org

Free-Culture-Bewegung:

http://www.freeculture.org

Edoc-Server-Projekt der MPG:

http://edoc.mpg.de

BioMed Central:

http://www.biomedcentral.com

PloS Biology:

www.publiclibraryofscience.org

Berliner Erklärung:

www.mpg.de/pdf/openaccess/BerlinDeclaration_dt.pdf

„UK-House of Commons-Inquiry“ zum wissenschaftlichen Publikationswesen:

www.biomedcentral.com/openaccess/

inquiry/

www.parliament.uk/

parliamentary_committees/science_and_technology_committee/

scitech111203a.cfm

Studie der Europäischen Kommission:

http://europa.eu.int/comm/research/press/2004/pr1506en.cfm

Dt. Initiative für Netzwerkinformationen e.V.:

www.dini.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar