Zeitung Heute : Grenzenloses Sightseeing

Goodbye West-Berlin! Hallo Freiheit! Ein Spaziergang mit den Bildern von einst im Kopf

Christian van Lessen
262016_0_88eb5347.jpg
1989 Im Juni probten die Alliierten auf der Straße des 17. Juni für ihre alljährliche Parade – auf dem Foto eine französische...

Wandelnd lässt sich der Wandel am besten erleben. Die Uferpromenade am Reichstag beiderseits der Spree ist so ein Ort. Hier lässt sich schlendernd Gedanken und Erinnerungen nachhängen. Im erhabenen Gefühl, einen epochalen Wandel miterlebt zu haben.

Wo einst – westlich – ein großer Parkplatz war, mit Strauchwerk und freiem Blick zur fernen Kongresshalle, steht das Paul-Löbe-Haus, und der Blick geht zum Kanzleramt. Das hat sich vor die Kongresshalle, das Haus der Kulturen der Welt, geschoben. Östlich stand damals die Mauer am Ufer, hinter einer abgerissenen Brücke ein einziges altes Haus, das der Ost-Berliner Abrisswut an der Grenze getrotzt hatte. Die Fenster waren blind. Ein schaurig-schönes Bild, noch 1989. Längst ist das Haus weg, rundum alles neu – mit Hauptbahnhof.

Hier zu wandeln ist ein Genuss, wenn die Bilder von einst im Gedächtnis haften. Die Gegend wird sich noch einmal stark verändern, wenn die Randbauten des Humboldthafens fertig sind. Langsam hat die Erinnerung die Konturen des alten bröckeligen Lehrter Bahnhofs gelöscht, der letzten und ersten S-Bahn-Station West-Berlins von und nach Ost-Berlin, Friedrichstraße, Tränenpalast.

Hinterm Reichstag war die Luisenbrücke mit Sichtschutz versehen, so dass die Passanten und Autos von West-Berlin aus verborgen blieben. Ein Schlauch über der Spree.  Unterhalb der Brücke hatten DDR-Grenzposten eine Kontrollstation für Frachtkähne eingerichtet. Von Westen, vom Reichstag aus, war das mehr zu ahnen als zu erkennen. Heute lässt sich am Ufer spazieren, flanieren, bis zum Bahnhof Friedrichstraße, keiner fragt nach Ausweisen, Passierscheinen, die in der geteilten Stadt zum Trauma wurden.

Beim Spaziergang lässt sich tief und frei durchatmen. Wo war West, wo schon Ost, wenn überhaupt? Hier der Reichstag, dort das ARD-Hauptstadtstudio, das Bundespresseamt, der Spreedreieck-Neubau, hinten versteckt das Berliner Ensemble. „Immer, wenn ich drüben sage, meine ich hier“, hat Wolfgang Neuss hier einmal gesagt. Ein Feature des Deutschlandfunks erinnerte kürzlich an den einzigen Auftritt des West-Berliner Kabarettisten in Ost-Berlin 1965. Er nannte es ironisch „befeindetes Ausland.“ Drüben! Hier! Befeindet! Ausland! Aber war es nicht so? Und ist es nicht so herrlich befreiend, unbegrenzt herumzuschlendern in der neu entdeckten Stadt? Wolfgang Neuss hat es nicht erleben dürfen, er ist so lange tot, wie die Wiedervereinigung lebendig ist. Die Gefühle, sagt der Kopf, sollten sich endgültig von der einstigen Teilung verabschieden. Das Herz will dem Kopf folgen, ist dankbar über jede Gemeinsamkeit.

Ein  Wandeln an der einstigen Trennungslinie, an Parkuhren und wild geparkten Autos entlang, beflügelt Erinnerungen: auch daran, dass spätestens 1993 das gemeinsame Autokennzeichen „B“ verpflichtend wurde. Das mag millionenfach wirksamer als zig Tage der Deutschen Einheit gewesen sein.

Der Potsdamer Platz, das gebaute Einheitsprojekt neben dem Symbol Brandenburger Tor, eignet sich gut zum Schlendern, zum Spurenlesen, zum Verirren in Erinnerungen. Hier war der Grenzübergang der ersten Monate, flankiert von unfertigen Plattenwohnbauten, die später abgerissen wurden. Hier schlug nach dem Mauerfall die Geburtsstunde des neuen Gesamt-Berlin, hier konnten die Leute aus West und Ost sehen, wie Neues entstand, unbelastet von West oder Ost.

Sie blickten gemeinsam in Baugruben, sie sahen Häuser wachsen und aus einem Niemandsland ein Zentrum entstehen. Ein gemeinsames, abseits von Breitscheidplatz West und Alexanderplatz Ost. Sie fühlten eine ganz neue Identität. Was war das öde Gelände zuvor? Aus West-Berliner Sicht bestand es aus zwei letzten Häusern, dem einstigen Weinhaus Huth und dem verfallenen Esplanade. Es gab, wo heute das Sony-Center steht, einige Souvenirshops, abseits einen Flachbau von „Foto Klinke“, eine Aussichtsplattform direkt vor der Mauer mit Blick auf die breiten Grenzanlagen. Hier fühlten sich West-Berliner fremd wie Touristen. Hier war ihre Stadt zu Ende.

Wie merkwürdig kalt heute der Tilla-Durieux-Park wirkt. Aber das Grün ist ein Stück Orientierungshilfe. Kurvte hier nicht bis zum Kemperplatz die Versuchsmagnetbahn? Von West-Berlinern stets belächelt, irgendwann krachte sie gegen eine Bahnhofswand. Teurer Fehlversuch. Gab es nicht wahnwitzige Pläne, hier Bauten für die Vereinten Nationen zu errichten, oder auch ein Handelszentrum, das eine symbolische Brücke über die Mauer bilden sollte? Glasnost und Perestroika in Moskau beflügelten Visionen im Rathaus Schöneberg.

Mehr Bodenhaftung bewiesen Vorstellungen für eine ständige Gartenschau im Schatten der Mauer; die Alternative Liste, die Grünen, waren im Senat, und Grün war populär. Wäre die Mauer nicht gefallen, stünden heute anstelle der Potsdamer-Platz-Arkaden Beete und Gewächshäuser, vielleicht wäre ein wirklich schöner großer Park entstanden. Und irgendwo am Rand stünde ein Bürohaus von Daimler-Benz, denn das Unternehmen wollte sich dort mit einem Gebäude ansiedeln. Dass es dank Wende eine kleine Stadt, ein neues Zentrum werden sollte, konnte keiner ahnen.

Gut zum Flanieren eignet sich die Ebertstraße, die wie der Potsdamer Platz einst für West- und Ost-Berliner gesperrt war. Direkt vor der Mauer, die eine geheimnisvolle Tür hatte, stand am Tiergartenrand eine Aussichtsplattform: Freier Blick vom Westen auf den breiten Grenzstreifen, auf dem die Trabbis der DDR-Truppen knatterten, die Kaninchen hoppelten und eine kleine Erhebung im Gelände den Hitler-Bunker markierte. Trotz der Neubauten in den Ministergärten, trotz des Holocaust-Mahnmals: Die alten Bilder sind gespeichert, wie die früheren Eindrücke aus der Bernauer Straße, die heute eine breite Autoschneise ist und immer noch wie eine Grenze wirkt. Aber auch hier lässt sich die Wende erwandeln, die Spur der Mauer verfolgen. Wie an der Bornholmer Brücke, der Heinrich-Heine-Straße, wie an … So viele Stellen sind gar nicht mehr zu finden. Die Stadt ist erstaunlich zusammengewachsen.

Als im Westen die Bauausstellung 1987 gefeiert wurde, begann in der südlichen Friedrichstadt der zaghafte Versuch, das kriegsbedingte Brachland zur Mauer hin zu schließen. In Ost-Berlin – das wurde von westlicher Seite neidisch registriert – begannen sich die Stadtplaner ihrem Teil der Friedrichstraße zu widmen, der man mit dem neuen Friedrichstadtpalast schon einen Blickfang gesetzt hatte. Nun sollten Friedrichstadtpassagen entstehen, ein Riesenbau, dem die Wende aber keine Chance mehr gab.

Flanieren an der Friedrichstraße? Hier merkt der West-Berliner den neuen Puls der Stadt. Er fühlt sich geheimnisvoll angezogen und merkt: Hier gehen die Menschen schneller als am Kurfürstendamm. Am Hackeschen Markt sind sie internationaler als an der Tauentzienstraße. Er spürt: Das neue Berlin speist seinen offenbar weltweit anziehenden Ruf auch aus dem Pariser Platz, aus Prenzlauer Berg, dem Gendarmenmarkt, den Linden, vielleicht bald dem Schloss. Alles Orte, die eine Gemeinsamkeit haben: fernab der westlichen Bezirke. Und weil die Teilung in den Köpfen noch nicht ganz verflogen ist, schmerzt den West-Berliner der Bedeutungsverlust seiner Teilstadt, die zum Stadtteil geworden ist.

Die umstrittene Stilllegung des Fernbahnhofs Zoo verstärkte die Position nicht. Der West-Berliner selbst fühlt sich weniger angezogen von dem, was sich beiderseits des Kurfürstendamms abspielt, es ist ein langer Abschiedsschmerz, gar eine Entfremdung, auch wenn die Makler immer wieder die Attraktivität der Lage beschwören und die Ansiedlung edler Filialen feiern. Es flaniert sich wirklich gut im Westen, nur der Blick geht immer wieder magisch in die Richtung, in der die Sonne aufgeht. Die neue alte Mitte zieht wie eine Zentrifugalkraft das große Interesse an. Vielleicht ist es der Phantomschmerz des Bedeutungsverlustes, vielleicht auch das noch ungewohnte Gefühl, dass auch eine Riesenstadt, wie Berlin sie geworden ist, ein spürbares Zentrum beansprucht.

Es ist für den West-Berliner nur ein schwacher Trost, wenn sich bei Fußballsiegen der Nationalmannschaft die Fans auf der Kreuzung Joachimstaler Straße/Kurfürstendamm versammeln. Die einstige stolze Glitzerecke ist mittelmäßig und recht farblos geworden, nichts glitzert und funkelt, es gibt Leerstand und Großbauprojekte lassen auf sich warten oder kommen schwer in Gang. Da reizen mehr Spaziergänge ab durch die Mitte, vielleicht bringt das Riesenrad Schwung.

Der West-Berliner fühlt sich im städtischen Gefüge in Randlage. Die Kultur, die großen Veranstaltungen ziehen ab. Zurück bleiben bedrohte Ku’damm-Theater, ein international geachtetes, aber im Senat weithin verachtetes ICC, eine Deutschlandhalle, auf die der Abriss wartet, ein verlorener Flughafen, bald auch in Tegel. Es gibt auch Verluste im Kleinen. In Zehlendorf etwa vermissen viele Bewohner die Amerikaner im Stadtbild. Klein-Amerika rund um den Hüttenweg, im Radio der AFN, auch das gehörte zum West-Berliner Lebensgefühl.

Aber was ist das gegen die Freiheit, die Stadt und ihre Umgebung endlich vereint genießen zu können. Dort zu fahren, zu eilen oder zu wandeln, wo es nie möglich schien. Alles scheint so selbstverständlich. Spuren im Asphalt mögen hier und da noch an die Grenzen erinnern, an die Berlin auf beiden Seiten gestoßen ist. Am Spreeufer in unmittelbarer Reichstagsnähe sind es Mauerstücke und die vielen Kreuze für getötete Flüchtlinge. Wer hier flaniert, verliert bei allem Genuss die Erinnerung nicht aus dem Auge.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben