Zeitung Heute : Grenzerfahrungen einer Supermacht

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming, Washington

Er hatte gerade weiße Shorts und weiße Turnschuhe angezogen. Denn Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater von US-Präsident Carter, wollte Tennis spielen. Er musste sich nach einer Marathon-Sitzung erholen. Die Szene spielt in Camp David im Jahr 1978. Dort waren damals der israelische Premierminister Begin und der ägyptische Präsident Sadat zu Gast. Das Ereignis war ein Novum in der Geschichte des Nahen Osten. Zum ersten Mal sollte Israel einen Friedensvertrag mit einem arabischen Land schließen.

„Plötzlich stand Begin vor mir“, erinnert sich Brzezinski. „In seinem schwarzen Anzug sah er aus wie auf einer Beerdigung.“ Begin baute sich vor Brzezinski auf. Dann polterte er los: „Dr. Brzezinski, Sie haben mich an diesem Morgen beleidigt! Sie behaupteten, dass die israelischen Siedlungen eine Form des Kolonialismus seien.“ Eher würde ihm sein rechtes Auge ausfallen und seine rechte Hand verfaulen, donnerte Begin, als dass jemals eine jüdische Siedlung aufgegeben werde. Wenige Tage später wurde der Vertrag unterzeichnet. Israel räumte seine Siedlungen in der Sinai-Wüste, Begin behielt sein rechtes Auge und seine rechte Hand.

Alle amerikanischen Administrationen haben ähnliche Spektakel erlebt. In ihrem Hang zur dramatischen Überhöhung stehen sich Israelis und Palästinenser in nichts nach. Da werden Koffer gepackt, Ultimaten gestellt, da wird über das Ende des eigenen Volkes lamentiert. Mehrfach hat Arafat wütend den Satz gesagt: „Wenn ich diesem Abkommen zustimme, unterzeichne ich mein eigenes Todesurteil.“ Perfekt beherrschen beide Seiten auch die Fähigkeit, zur unpassendsten Gelegenheit genau das zu sagen, was die Gegenseite am meisten verletzt.

„Krieg gegen den Terrorismus“

Was also kann eine Supermacht mit solchen Kontrahenten tun? Da ist als Erstes das Eingeständnis, dass der Konflikt real ist: Zwei Völker sind von ihrem Recht überzeugt, auf demselben Land in voller Souveränität leben zu dürfen. Zweitens: Keine Schuldfragen beantworten. Ist Scharon der Bösewicht, weil er in Wahrheit die Palästinenser vertreiben will? Oder Arafat, weil er den Hass gepredigt und zu wenig gegen Selbstmordattentäter unternommen hat? Wer sich da auf eine Seite schlägt, kann nicht vermitteln. Als Drittes müssen die USA begreifen, dass Terror nicht gleich Terror ist. Der 11. September hat da zur Konfusion geführt. Im Zustand des Schocks wurde ein unspezifischer „Krieg gegen den Terrorismus“ ausgerufen, der sich gegen jeden richtet, der absichtlich Zivilisten tötet. Nach und nach wird nun der Bush-Regierung klar, dass diese Haltung neue Probleme schafft: Plötzlich kämpfte Indien in Kaschmir einen „Krieg gegen den Terrorismus“. Oder Israel gegen die Palästinenser. Alle hatten ein bequemes Argument, mit der Gegenseite nicht verhandeln zu müssen. In seiner zornigen Moralität hatte Amerika den Unterschied übersehen zwischen Al-Qaida-Terroristen und jenen in Kaschmir und Palästina. Deren Methoden sind zwar überall gleich verwerflich, aber sonst überwiegt die Differenz: Al Qaida ist keine nationalistische Bewegung, sondern eine religiös-nihilistische. Worüber hätten die USA mit bin Laden verhandeln sollen? Weil Al Qaida in Afghanistan keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatte, konnte die Organisation relativ leicht besiegt werden. Anders sieht es in Kaschmir und Palästina aus. Dort kämpfen Indien und Israel nicht nur gegen Terroristen, sondern auch gegen die von diesen repräsentierten Völker. Das macht eine politische Lösung unausweichlich.

Aber wie? Die Strategie des kleinsten gemeinsamen Nenners scheint gescheitert: Als der Oslo-Prozess zusammenbrach, wurde der Mitchell-Plan ins Leben gerufen, als der nicht klappte, wurde der Tenet-Waffenstillstand ausprobiert, zum Schluss wurde Anthony Zinni entsandt. Powell soll nun die Zinni-Mission wiederbeleben, um den Tenet-Waffenstillstand zu ermöglichen, der zum Mitchell-Plan und schließlich wieder zum Oslo-Prozess zurückführt.

Und in der arabischen Welt kocht der Zorn auf Israel über. In Marokko etwa haben vor kurzem eine Million Menschen protestiert. Selbst in Saudi-Arabien, wo Demonstrationen streng verboten sind, gingen die Menschen auf die Straße. Wegen seiner strategischen Lage und seiner Öl-Reserven ist Amerika jedoch auf Saudi-Arabien angewiesen. Folglich sind die Möglichkeiten für Powell, Druck auf Arafat auszuüben, begrenzt. Was soll er von ihm überhaupt noch verlangen? „Wenn Du nichts mehr hast, kannst Du nichts mehr verlieren“, singt Bob Dylan. Arafat hat keine Kontrolle mehr über sein Volk. Aber was folgt daraus? Die Isolation Arafats hat die Situation eskalieren lassen. Und auf nettere Nachfolger zu hoffen, die über dieselbe Autorität verfügen, ist naiv.

Kann Powell Scharon unter Druck setzen? Zu den Mythen, die im Nahen Osten über die USA kursieren, nimmt die Legende von der allmächtigen jüdischen Lobby viel Raum ein. Zweifellos gibt es die. Ihre Verbindungen reichen bis in die Medien und die Politik. Drei der prominentesten Falken in der gegenwärtigen Administration sind Juden: Paul Wolfowitz, Richard Perle und Douglas Feith. Joe Lieberman, der prononcierteste Falke unter den Demokraten im Kongress, ist ebenfalls ein Jude. Und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass Amerika der engste Verbündete Israels ist. Das aber hat nur zu einem geringen Teil mit der jüdischen Lobby zu tun.

Amerikaner sind Moralisten. Im Nahostkonflikt sehen sie einen kleinen Staat Israel als Insel der Demokratie, die von einer arabischen Horde aus Diktatoren, Terroristen und Tyrannen in seiner Existenz bedroht wird. Zudem stehen viele evangelikale Christen leidenschaftlich auf Israels Seite. Die engagiertesten Unterstützer kommen nicht aus New York, sondern aus Alabama und Mississippi.

Wenn es im Interesse des Landes ist, haben jedoch bislang alle amerikanischen Präsidenten die Ansichten der jüdischen Lobby ignoriert. Gegen deren Widerstand hat Ronald Reagan Awacs-Aufklärer an Saudi-Arabien geliefert. George Bush Senior hat sich mit Jitzchak Schamir angelegt, Israel zur Teilnahme an der Nahost-Friedenskonferenz in Madrid gedrängt und mit der Kürzung von Entwicklungshilfe gedroht. Und Bill Clinton hat keinen anderen Staatsmann so oft im Weißen Haus empfangen wie Arafat. Vielleicht hatte Bush Junior es sich zu leicht vorgestellt, als er am 4. April „Genug ist genug“ rief. Mit der Entsendung Powells freilich steht zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt das Prestige dieses US-Präsidenten auf dem Spiel. Scheitert die Vermittlung, verliert Bush weltweit an Ansehen. Sollte die amerikanische Macht nicht ausreichen, um die Führer zweier Mini-Völker zum Einlenken zu bewegen? Amerikas Macht ist begrenzt. „Wir pendeln zwischen einem 72-jährigen verbohrten Mann und einem 74-jährigen verbohrten Mann, die nur eines miteinander gemeinsam haben“, stöhnte zuletzt ein Vertreter der US-Regierung. „Ihre Zustimmungsrate in der eigenen Bevölkerung war niemals höher.“ Wie beschränkt die Möglichkeiten sind, hatte zuletzt Clinton spüren müssen. Sein Engagement wurde ihm mit dem Ausbruch der zweiten Intifada gedankt. Nur Kinder lassen sich zu ihrem Glück zwingen, Völker müssen es selber suchen.

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