Zeitung Heute : Grenzerfahrungen

Ein 450 Kilometer langer Zaun soll Israelis von Palästinensern trennen – weil die Angst allumfassend ist

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Strategische Planungen und die Verstärkung des Zivilschutzes sind nur zwei der Maßnahmen, mit denen Israel sich auf den IrakKrieg vorbereitet. Das Thema Terror hat für die Regierung in Jerusalem stets noch eine weitere Facette. Saddam Hussein, Jassir Arafat und Osama bin Laden werden häufig in einem Atemzug genannt. Saddam ist seit 1991 die Dauerbedrohung. Arafat ist seit der zweiten Intifada auf der Liste der Topterroristen. Und Osama bin Laden ist zur direkten Bedrohung Israels geworden, seit Ende des vergangenen Jahres ein Anschlag Al Qaidas auf ein Flugzeug der El Al im kenianischen Mombasa nur knapp daneben ging. „Um drei Millimeter“, sagt ein israelischer General. Die Terroristen mit ihren Raketen standen zu nahe an der Landebahn. Ihre Waffen hatten nicht genügend Zeit, sich auf das Flugzeug auszurichten.

Gegen die Bedrohung durch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen, die nach einem US-Schlag zunehmen könnte, hilft keine Abschreckungsdoktrin. Hier setzt Israel auf die im März 2002 begonnene Aktion „Defensive Shield“, also massiven militärischen Druck. Mehr als zuvor konnten Anschläge vereitelt werden. Und Israel setzt auf das, was etwas beschönigend „Seam Zone“ (Naht-Zone) genannt wird. Quer durchs Land wird ein Zaun gebaut, von dem jeder Offizielle beteuert, es handele sich nicht um eine Grenze und schon gar nicht um eine Nachbildung der innerdeutschen Demarkationslinie.

Der Bau schreitet rasch voran. Im April 2002 fasste das Kabinett den Grundsatzbeschluss. Im August 2002 kam das endgültige Ja, sofort begannen Planung und Bau. Im Juli dieses Jahres sollen die ersten 131 Kilometer fertig sein. Heute sind es zehn. In Zukunft sollen 450 Kilometer „Hindernis“, wie die Planer sagen, für eine Milliarde US-Dollar potenzielle Opfer von potenziellen Tätern trennen. Oder auch nicht. 182000 jüdische Siedler leben östlich des Zauns; drei palästinensische Dörfer liegen westlich. Israels Demografie ist zu kompliziert für Zäune.

Hightech ersetzt Wachtürme. Es gibt keine Minen oder Schussanlagen; der eigentliche Zaun ist zwar mit Sensoren ausgestattet, aber nicht elektrisch geladen. Rechts und links der 3,5 Meter hohen Absperrung führen Straßen für Patrouillenfahrten entlang. Östlich folgt noch ein tiefer Graben. Der 50 bis 60 Meter breite Streifen endet mit dem, was die Soldaten „Pyramide“ nennen: Jeweils sechs Rollen Nato-Draht aus südafrikanischer Produktion, bilden ein zusätzliches Bollwerk.

Ein Übergang auf zehn Kilometern soll es den Menschen möglich machen, auf das jeweils andere Gebiet zu gelangen. Oder auch nicht. Dort, wo noch immer an der Absperrung gebaggert wird, kommt ein Dutzend palästinensischer Kinder an den Zaun. In ihren blauen Plastiktüten haben sie Alltagswaren, die auf dem Markt im Westen angeboten werden sollen. Ein israelischer Offizier wimmelt sie entschlossen ab und ruft den Kindern auf arabisch zu: „heute nicht!“ Später erklärt er, warum den Kleinhändlern das Passieren der Grenze an diesem Tage verwehrt wird. „Wir müssen zeigen“, betont der israelische Offizier, „wer hier die Kontrolle hat. Und da muss man halt auch mal Nein sagen.“ rvr

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