Zeitung Heute : Grenzgänger zwischen den Welten

Der Künstler Christoph Keller bewegt sich in seinen Installationen auf den Schnittstellen zwischen Ästhetik, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte.

Tomasz Kurianowicz
Christoph Keller: Æther - de la cosmologie à la conscience, 2012. In der Mitte dieser Beilage befindet sich ein vom Künstler gestaltetes, beidseitig auf Zeitungspapier gedrucktes Poster, welches herausgenommen und gegen das Licht betrachtet werden kann. Das Plakat arbeitet mit der Transparenz des Papiers und setzt sich für den Betrachter erst durch die optische Überlagerung beim Durchscheinen als gesamtes Bild zusammen. Das Motiv bezieht sich auf die Ausstellung „Æther“ von Christoph Keller 2011 im Centre Pompidou und ist als signierte und nummerierte Edition, C-Print auf Cotton-Papier im Tagesspiegel-Shop erhältlich (420 x 594 mm, Auflage 35 +5A.P., 450 Euro, www.tagesspiegel.de/shop, Telefon 030-29021-520).
Christoph Keller: Æther - de la cosmologie à la conscience, 2012. In der Mitte dieser Beilage befindet sich ein vom Künstler...

Christoph Keller sind letzte Gewissheiten suspekt: Der 1967 in Freiburg geborenen Künstler Christoph Keller balanciert bewusst auf der Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft, um deren Trennung als historisches Konstrukt zu entlarven.

Mit dem Æther-Projekt im Centre Pompidou in Paris hat er 2011 eine Ausstellung konzipiert, die seinen Denkkosmos nicht besser veranschaulichen könnte: In der Auseinandersetzung mit dem Äther-Begriff konnte er zeigen, dass die Kunst noch jener Ort ist, wo die mystische Seite des Menschen unverstellt zum Ausdruck kommt.

Der Äther ist ein Phänomen, mit dem sich die Wissenschaft seit mehreren Jahrhunderten beschäftigt. Für die Griechen war der Äther der Zugang zu den Göttern, für Aristoteles war er das fünfte Element – und für Plato die Quintessenz aller Dinge: eine mysteriöse Entität, die sich wie eine unsichtbare Masse zwischen Mensch und Kosmos schiebt.

Im 20. Jahrhundert trat dann Einstein aufs Parkett, der mit seiner Relativitätstheorie alle Untersuchungen zum Äther ins Absurde verbannte. Dort, wo einst Transzendenz und Licht war, herrschte plötzlich Vakuum, ein unaussprechliches Nichts. Folglich wurde der Äther zum wissenschaftlichen Sperrgebiet erklärt.

Christoph Keller, der zunächst Physik und Mathematik studierte bevor er ein Kunststudium an der Hochschule der Künste in Berlin begann, untersucht die Rationalitätsfantasien der Moderne. Mehr noch: In seinen Projekten zeigt er auf, dass sachliche Berechnungen paradoxerweise zu irrationalen Folgeerscheinungen und unkontrollierbaren Nachgeburten führen.

So ist es auch mit dem Äther: In dem Moment, als die Wissenschaft die Diskussion um die mystische Materie untersagt, entdeckt die Kunst das Terrain der Okkultisten und Hypnotiseure für sich, deren Vertreter im 19. Jahrhundert erst im Namen der Esoterik, dann im Namen der Psychoanalyse mit „anderen Bewusstseinszuständen“ experimentierten. Kunst, Religion und Wissenschaft tasten also die gleichen Bereiche ab, ohne es zu ahnen.

Dieser Widerspruch fasziniert den in Berlin lebenden Künstler. Seine Videoinstallationen, die sich unter anderem mit Hypnose beschäftigen, sind beeindruckende Beispiele dafür, dass unser Alltag durchsetzt ist von jenen spirituellen Momenten, die sich der wissenschaftlichen Logik entziehen.

Das ist der fundamentale Antrieb im Werk von Christoph Keller: die Einsicht, dass die entscheidenden Fragen, die früher die Religion, dann die Wissenschaft zu klären versuchte – Fragen nach Existenz, Sinn und Bedeutung –, bis heute nicht erschöpfend beantwortet sind. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der sich das Expertenwissen auflöst und eine Art diffuse, von der Globalisierung befeuerte Orientierungslosigkeit herrscht, ist für Keller die Kunst das geeignete Medium, wo verdrängte Fragen des Menschseins hervorgeholt und neue Denkräume eröffnet werden können.

Es geht um das Bewusstsein, das in der Moderne auf dem Seziertisch landet, ohne jedoch seine letzten Geheimnisse zu offenbaren. Wenn Christoph Keller während einer Aktion in der Frankfurter Schirn einige Besucher hypnotisiert und sie durch ein imaginäres Museum führt – wie 2006 geschehen –, zeigt er durch diese trancehafte, irritierende Erfahrung, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, die Welt zu erleben. Damit motiviert er den Betrachter dazu, über die eigenen, inneren Weltkonstruktionen nachzudenken – also über jene Art und Weise, wie wir die Grenzen der Wirklichkeit ziehen.

Er ist ein Anthropologe des Wissens, der sich mit den unterdrückten Fantasien unserer Seele beschäftigt; etwa wenn er Fotografien von astronomischen Observatorien zusammenstellt, die in Kellers Archiven wie Orte okkulter Praktiken wirken. Ist ein Observatorium, so die implizite Frage, nicht zugleich auch eine Kathedrale, wo der Mensch in ehrfürchtiger Haltung klärende Antworten vom Himmel erwartet? Ist ein Physiker, der erforschen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht auch zugleich ein Schamane, der die Prämissen des Seins mit der Rechenmaschine zu durchdringen versucht?

Der Äther ist das Unbekannte. Dieses Unbekannte lugt in der Kunst von Christoph Keller immer wieder neu und verstörend hervor.Tomasz Kurianowicz

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