Griechenland : Ohne Gewähr

Griechenland könnte noch weit mehr Geld benötigen als bisher gedacht. Welche Folgen hätte das?

Andreas Menn

Beruhigung sieht anders aus. Nach dem Hilfeersuchen der griechischen Regierung vom Freitag wächst die Sorge, dass die von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds (IWF) in Aussicht gestellten Milliardenhilfen nicht ausreichen.

Wie groß ist der tatsächliche Finanzbedarf Griechenlands?

Wie groß das Loch in Griechenlands Staatskasse ist, ist unklar. Sicher ist nur, dass der griechische Finanzbedarf noch höher ist, als bisher vermutet. Am Donnerstag veröffentlichte das europäische Statistikamt Eurostat eine Schätzung, nach der die Neuverschuldung Griechenlands im Jahr 2009 bei 13,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) lag und nicht bei 12,7 Prozent, wie die Regierung in Athen bisher angegeben hatte. Nach einem Bericht der „Welt am Sonntag“ muss das Land bis Ende 2015 gut 140 Milliarden Euro für 33 fällig werdende Staatsanleihen auftreiben. Das gehe aus Angaben der griechischen Schuldenagentur hervor. Zu den Krediten kämen nach Berechnungen des US-Ökonomen Carl Weinberg fast 90 Milliarden Euro an Zinsen hinzu. Die günstigen Zinsen der von den Euro- Ländern und dem IWF in Aussicht gestellten Milliardenkredite würden diese Last nur geringfügig verringern. Das würde bedeuten, dass die Griechen über Jahre hinweg rund ein Fünftel ihrer gesamten Wirtschaftsleistung nur für ihren Schuldendienst ausgeben müssten. Eine solche Last habe in ähnlichen Krisen fast immer mit Staatsbankrott oder Umschuldung geendet, erklärt Weinberg.

Wird Griechenland bald schon umschulden müssen?

Eine Umschuldung hat schon einmal den griechischen Staat gerettet: 594 vor Christus, als der athenische Staatsmann Solon die Schuldsteine auf den verpfändeten Äckern der verarmten Bauern umstoßen und damit die Verpflichtungen hinfällig machen ließ. Heute ist es der Staat selbst, den seine Schulden zu erdrücken drohen. Und wieder könnte nur eine Umschuldung, ein Tritt gegen die Schuldsteine sozusagen, die Rettung bringen. Dies würde bedeuten, dass sich Griechenland mit seinen Gläubigern zusammensetzt und laufende Anleihen neu verhandelt. Weinberg hat dazu bereits konkrete Vorschläge: Alle bis zum Jahr 2019 fälligen griechischen Staatsanleihen sollten in eine 25-Jahres-Anleihe mit einem Zinssatz von 4,5 Prozent umgewandelt werden. „Eine solche Umschuldung ist auch eine Zahlungseinstellung – aber wenigstens eine ausgehandelte“, sagt der amerikanische Ökonom.

Seitens vieler Banken ist der Widerstand gegen einen solchen „Haircut“ groß. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) lehnte diese Option in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ab. Athen hat bei ausländischen Finanzinstituten Schulden in Höhe von 191 Milliarden Dollar, 45 Milliarden davon bei deutschen Banken. Eine Umschuldung hieße, dass die Gläubiger ihr Geld viel später und zum großen Teil überhaupt nicht mehr wieder sehen. Das ist zwar ein natürliches Risiko von Krediten und in den Zinsen „eingepreist“. Aber viele Banken, die Griechenland Geld geliehen haben, sind selbst noch von der Finanzkrise betroffen. Sie könnten durch Abschreibungen auf Griechenland-Anleihen in Schieflage geraten. Auch der deutsche Staat selbst könnte betroffen sein. Die verstaatlichte Hypo Real Estate (HRE) hat rund zehn Milliarden Euro in griechische Papiere investiert, und die mit Staatsgeldern gestützte Commerzbank ist ebenfalls ein Gläubiger Griechenlands. Sollten Teile der Gelder durch eine Umschuldung verloren gehen, müsste der deutsche Staat womöglich erneut große Summen in die HRE stecken. Die Deutsche Bank warnte bereits, eine Umschuldung griechischer Verbindlichkeiten könne ein „Lehman-ähnliches Ereignis“ hervorrufen und das Vertrauen in andere hoch verschuldete europäische Länder wie Portugal schwinden lassen.

In der deutschen Politik werden zunehmend Stimmen laut, die eine Beteiligung der Gläubiger an der Schuldenlast der Griechen fordern. Dafür plädierten etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel, Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und Hans-Peter Friedrich, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag. Auch die Investmentbank Goldman Sachs sowie die frühere Vize-Direktorin des IWF, Anne Krueger, sagen Griechenland eine Umschuldung voraus. Gläubiger müssten damit rechnen, einen Großteil ihres Geldes zu verlieren. „Der nächste Schritt wird sein, dass Griechenland ein Teil der Schulden erlassen wird“, sagte Daniel Gros vom Brüsseler Centre for Policy Studies der Nachrichtenagentur dpa. Die Folge werde sein, dass die europäischen Banken – vor allem französische und deutsche Institute – nur noch die Hälfte auf ihre griechischen Staatsanleihen bekämen. Das sei aber immer noch besser als gar nichts.

Was würde passieren, wenn Griechenland aus der Euro-Zone austräte?

Einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone fordert unter anderem CSU-Landesgruppenchef Friedrich. Der SPD-Finanzexperte im Europaparlament, Udo Bullmann, hält so ein Szenario in der akuten Lage für ökonomisch falsch. „Das wäre eine Einladung an Spekulanten, nun das nächste Land aus der Euro-Zone rauszuhauen. Dann wird das Sport“, sagte er dem „Handelsblatt“. Im Übrigen gehe es nicht an, dass je nach Lage Mitglieder der Euro-Zone aus- und eintreten: „Damit setzt man die gesamte Stabilität der Gruppe aufs Spiel.“

Rechtlich gibt es laut Maastrichter Vertrag keine Möglichkeit, Griechenland aus der Eurozone auszuschließen. Das Land könnte die Währungsunion nur aus freien Stücken verlassen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht gäbe es dafür durchaus Gründe. So könnte Griechenland die Drachme wieder einführen und sie gegen den Euro abwerten. Die Folge, zumindest theoretisch: Nach Griechenland importierte Güter würden deutlich teurer, was dazu führen könnte, dass die Griechen vermehrt im Land hergestellte – billigere – Produkte nachfragen. Griechische Exporte in die Eurozone wiederum würden billiger, die Inlandsproduktion zöge an und Griechenland könnte langsam wieder das Geld erwirtschaften, um die Kredite zurückzuzahlen.

Doch dieses Szenario hat viele Unwägbarkeiten. So ist es fraglich, ob die Bevölkerung ihr Bargeld gegen Drachmen eintauschen würde. Wahrscheinlich würden viele Griechen informell weiter mit Euromünzen und -scheinen zahlen, denen die Menschen mehr vertrauen. Schon jetzt berichten Journalisten, dass viele Griechen aus Angst vor einer Währungsumstellung Bargeld horteten. Der liberale Finanzexperte im Europaparlament, Jorgos Chatzimarkakis, warnt zudem, dass ein Ausstieg aus dem Euro das Land in eine Todesspirale der Abwertung rutschen lasse. „Mit einer stark abgewerteten Drachme könnte Athen nämlich seine Schulden nicht mehr in Euro bedienen. Dies hätte für den Gläubiger Deutschland sehr negative und katastrophale Konsequenzen. Ich glaube kaum, dass wir so etwas in Deutschland fordern sollten“, sagte der Liberale mit griechischen Wurzeln dem „Handelsblatt“.

Ein Austritt Griechenlands aus dem Euro ist in den Augen vieler Experten gleichbedeutend mit dem Ende der Währungsunion. Wenn die europäischen Volkswirtschaften es nicht schaffen, mit einem angeschlagenen Staat zurechtzukommen, der nur drei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts ausmacht, weckt das Zweifel an der Leistungskraft und Stabilität der gesamten Euro-Gruppe. Schon jetzt ist der Euro-Kurs unter Druck.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

4 Kommentare

Neuester Kommentar