Zeitung Heute : GRIECHENLAND

Es gab Zeiten, da waren Griechen und Deutsche ziemlich gute Freunde – trotz Verwüstungen und Gräuel während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Jetzt verdüstern neue, dunkle Schatten die Wahrnehmung Deutschlands in Griechenland. Die Euro-Krise treibt einen Keil zwischen beide Völker. Viele Griechen machen vor allem Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble für die brutalen Sparauflagen verantwortlich, die ihnen massive Gehaltseinbußen und Rentenkürzungen sowie die tiefste Rezession und die höchste Arbeitslosenquote seit Kriegsende beschert haben.

Eine Umfrage vom Februar dieses Jahres zeigt: Die Angst vor einem übermächtigen Deutschland wird wieder wach – und offenbar nicht nur unter den älteren Menschen, die noch Erinnerungen an die Kriegsjahre haben. Acht von zehn Griechen sehen Deutschlands Rolle in Europa „negativ“, 76 Prozent betrachten Deutschland als ein Land, das ihnen „feindlich“ gesonnen ist. Es ist ein düsteres, bedrückendes Bild, das die im Wochenmagazin „Epikaira“ veröffentlichte Umfrage zeichnet. Jeder dritte Befragte assoziiert mit Deutschland spontan Begriffe wie „Hitler“, „Nazis“ und „Drittes Reich“. Positive Reaktionen sind selten: Nur jeder Hundertste denkt bei Deutschland an „Fleiß“. Gerade mal 0,5 Prozent fallen „deutsche Autos“ ein, und lediglich zwei von tausend sagen, dass sie gern in Deutschland leben möchten.

Die Umfrage liegt vier Monate zurück, aber seither dürfte sich das Deutschlandbild etwa im gleichen Maße verschlechtert haben, wie sich der wirtschaftliche Absturz Griechenlands fortsetzte. „Es muss wehtun“, habe ihm Angela Merkel schon 2010 bei den Verhandlungen über das erste Hilfspaket gesagt, enthüllte der frühere sozialistische Premier Giorgos Papandreou jetzt. Wehtun, damit kein anderes Volk Lust verspüre, um EU-Hilfskredite zu bitten. „Wir waren das Versuchskaninchen“, sagt Papandreou. Wie dramatisch die Stimmung im Verlauf der Krise gekippt ist, zeigt eine Umfrage aus dem Jahr 2006: Damals fanden noch acht von zehn Griechen Deutschland „besonders sympathisch“. Gerd Höhler, Athen

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