Zeitung Heute : Grimme Online Award: Im Namen der Hose

Jutta Heess

Alles hat seinen Preis - seit gestern Abend auch Internetseiten von Fernsehsendern. Und zwar keinen geringeren als den Grimme-Preis. In der Kölner Flora wurden zum ersten Mal programmbegleitende TV-Webangebote mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, dem digitalen Bruder des renommierten Fernsehpreises. Der Online Award versteht sich als eine jährliche Definition von "Qualität im Netz" und wurde in vier Kategorien ausgeschrieben.

Aus über 250 vorgeschlagenen Seiten wurden 20 Angebote für die Sparte "TV" nominiert. Die drei gleichwertigen Gewinner sind die Internetauftritte der Sender MTV und n-tv sowie die Homepage der "Harald Schmidt Show". Unterschiedlicher könnten die Preisträger in ein und derselben Kategorie kaum sein - das verriet schon im Vorfeld der Blick auf die Nominierungen, bei den unter anderen die Netzpräsenzen von "Wer wird Millionär?", "Polylux", der "Sendung mit der Maus" und dem Web-Special zu Nahrungsmittel-Allergien des WDR unter einen Hut gebracht wurden. Doch das entscheidende Kriterium für die siebenköpfige Jury war, die Online-Inhalte als Komplementärangebot zur jeweiligen Sendung zu prüfen. Und nicht, die Webseiten untereinander zu vergleichen.

So wurde die Seite von MTV unter www.mtv.de für preiswürdig befunden, da sie die Musikkompetenz des Senders durch zahlreiche Hintergrundinformationen digital ergänzt. Die Homepage des "Rappel-Zappel-TV ergibt so eine der zentralen Anlaufstellen für Musikfans im Web", erklärte die Jury. Die seriösere Seite der Medaille wird vom Nachrichtensender n-tv belegt, der unter www.n-tv.de "solide Informationen mit Text, Bild und bewegtem Bild, dazu viel Gelegenheit zu Kommunikation und Interaktion" bietet. Somit hat das recht umfangreiche n-tv-Informationsportal den Netzauftritt des öffentlich-rechtlichen Konkurrenten "Tagesschau" auf einen der hinteren Plätze verwiesen.

Dass die Juroren auch an einer Webseite der salopperen Art Gefallen fanden, bewiesen sie durch die Auszeichnung der Homepage der "Harald Schmidt Show". "Konsequenter kann man Synergien nicht nutzen", meinten sie und lobten die multimedialen Elemente und die interaktiven Spielereien von www.schmidt.de . Auf der Website kann man sich unter anderem noch einmal einen der Show-Höhepunkte als Videostreaming ansehen: Wie sich Harald Schmidt alias Claus Peymann keine Hose kauft und essen geht. Fiel es dem Entertainer selbst bis vor kurzem noch schwer, die Maus unverkrampft zu bedienen, so hatte er zumindest ein Händchen bei der personellen Besetzung seiner Online-Redaktion. "Eine der besten Satire-Seiten im Netz", so die Jury.

Eine der ungewöhnlichsten Seiten im Netz dagegen ist der Online-Auftritt von GIGA.de, der in der Kategorie Web-TV ausgezeichnet wurde. Die mehrstündige Live-Show wird nicht bloß von einem ausführlichen Internetangebot unter www.giga.de begleitet - das Web wird hier aktiv und selbstverständlich genutzt. Mit Chats und Live-Streams beweist GIGA.de, dass "das Community-Geraune kein bloßes Wortgeklingel ist, sondern ebenso erfrischende wie erfreuliche Praxis sein kann". Die gleichwertige Auszeichnung in dieser Sparte ging an die Internet-Plattform www.bitfilm.de , die in Kooperation mit Filmhochschulen und Produktionsfirmen netzgerechte Filme anbietet und auf diese Weise "die kreative Filmlandschaft im Bereich der neuen Medien unterstützt".

Geht es in den beiden ersten Kategorien bloß um die Grimme-Ehre, so kommen die vier Träger des vom Land Nordrhein-Westfalen gestifteten Förderpreises für Medienkompetenz zusätzlich in den Genuss eines Preisgeldes. Insgesamt 65 000 Mark dürfen die Redaktionen des Online-Forums Medienpädagogik ( www.kreidestriche.de ), von Politik-Digital ( www.politik-digital.de ) und Kidsville ( www.kidsville.de ) sowie die Verantwortlichen des ZDF-Projektes "eScript" ( www.zdf.de/events/escript ) untereinander aufteilen.

Kurios sind dagegen die Preisträger in der vierten ausgelobten Kategorie TV-Journalismus - sie existieren nämlich gar nicht. Es standen nur wenige Online-Angebote zur Auswahl, die jedoch den Qualitätsansprüchen der Nominierungskommission nicht genügten. So ging in diesem Fall der Preis selbst leer aus.

Um die an dieser Stelle schwer vermisste Qualität im Online-Journalismus drehte es sich auch einen Tag vor der Verleihung der Preise bei der Fachkonferenz des Grimme-Instituts "Kompetenz im Netz". Dem starken Verlangen der Teilnehmer nach einer Definition des Genres standen allerdings sehr unterschiedliche Auffassungen gegenüber. Genauer: Wissenschaft und Praxis. "Da reden Eunuchen über die Liebe", beurteilte ein Online-Redakteur die Bemühungen der eingeladenen Journalistik-Professoren, den Online-Journalismus mit Hilfe von Tabellen und Grafiken zu erklären.

"Wir könnten noch tagelang diskutieren" - mit diesen Worten beendete die Organisatorin Claudia Wegener vom Grimme-Institut die lebhafte Debatte. Die ultimative Antwort gibt es ja vielleicht gar nicht - bloß viele verschiedene, und zwar direkt im Netz.

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