Zeitung Heute : Groß durch Kraftzwerge

Energieagentur-Chef Michael Geißler wirbt fürs kleine Blockheizkraftwerk. Es produziert umweltfreundlich aus Erdgas gleichzeitig Strom und Wärme

Stefan Jacobs

Ein Heizhaus in Köpenick. Die Kita-Kinder beäugen scheu den dicken Vierzylindermotor, den sie gleich in Betrieb nehmen sollen. Um sie herum stehen außer ihrer Erzieherin eine Staatssekretärin, drei Techniker im Blaumann, der Chef der Wohnungsgesellschaft „Stadt und Land“ sowie Michael Geißler, Geschäftsführer der Berliner Energieagentur. Geißler, wie üblich im dunklen Anzug, hebt einen Steppke so hoch, dass der die Tasten der Maschine erreicht. Das Ungetüm beginnt zu rumoren, Geißler setzt den Jungen ab und erklärt: „Wenn ihr das Licht einschaltet, bekommt ihr den Strom von hier. Und wenn ihr es ausmacht, bekommen andere den Strom.“ Er lächelt. Soeben ist die Welt wieder ein bisschen besser geworden. Die Maschine, ein kleines Blockheizkraftwerk, produziert aus Erdgas Strom und Wärme für die umliegenden Wohnungen und die Kita nebenan. Effizienter und klimaschonender als jedes konventionelle Großkraftwerk. Der Kraftzwerg vermeidet 151 Tonnen CO2 pro Jahr – die Emission von 20 Durchschnittsberlinern.

„Spannende Zeiten“, sagt der 47-Jährige und meint damit die ungewohnte Situation, dass die Berliner Verwaltung das Geld aus den Konjunkturpaketen so schnell verteilen will, dass die private Wirtschaft mit dem Verbauen kaum hinterher kommt. Als Chef der Berliner Energieagentur hilft Geißler, das Geld sinnvoll anzulegen. An der Agentur sind zu je einem Viertel das Land, die KfW-Bankengruppe, die Gasag und Vattenfall beteiligt. Geißler ist einigermaßen unabhängig, weil die Agentur Gewinn abwirft und Gasag und Vattenfall sich als Konkurrenten gegenseitig in Schach halten.

So haben Geißler und seine mittlerweile 50 Angestellten freie Hand, wo sie beim Sparen von Energie und deren Kosten helfen. Dafür ist die Agentur 1992 vom Abgeordnetenhaus initiiert worden und hat Maßstäbe gesetzt. Die Energiesparpartnerschaft etwa ist eine Berliner Erfindung: Ein (zumeist öffentlicher) Auftraggeber vereinbart mit einem (privaten) Energiedienstleister eine garantierte Einsparung. Für die muss die Heizung erneuert oder die Fassade gedämmt werden. Der Dienstleister zahlt dafür und holt seine Investition über die gesparten Energiekosten wieder herein. Später spart auch der Eigentümer des Gebäudes, obwohl er selbst nichts investieren musste. Ein ideales Modell fürs arme Berlin. Für rund 1300 Gebäude hat die Energieagentur bisher Partnerschaften vermittelt.

Kraftzwerge wie den eben gestarteten betreiben Geißlers Leute auch selbst. Sie können sich die Gerätesteuerung auf ihre Computerbildschirme in der Französischen Straße holen. „Die könnten Bücher über KWK schreiben“, hat der Mann von der Herstellerfirma im Heizhaus gesagt. KWK steht für Kraft-Wärme-Kopplung, bei der Energie durch gleichzeitige Produktion von Strom und Wärme besonders effektiv genutzt wird. Doch nicht jeder lässt sich vom Kraftzwerg überzeugen. Kapitalanleger, die Wohnungen vermieten, seien schwer für die moderne Technik zu gewinnen, sagt Geißler. Für sie bietet die Agentur den „Blockheizkraftwerk-Check“ an, bei dem kostenlos geprüft wird, ob der Kraftzwerg sich lohnt. Er lohnt sich oft, aber manchmal scheitert er daran, dass ihm ein Tiefgaragenplatz geopfert werden muss.

Statt von der Komplettversorgung der Menschheit aus Wind- und Sonnenenergie zu träumen, konzentriert sich Geißler aufs Machbare. Auch auf den nächsten Schritt: KWKK. Das zweite K steht für Kälte, die sich aus der bei der Stromproduktion entstehenden Wärme gewinnen lässt. „Das ist die Zukunft, um Energieeffizienz in der Innenstadt voran zu bringen.“ Es ist vor allem die bessere Alternative zu Klimaanlagen auf Hausdächern, die Unmengen Strom fressen. Technisch ist KWKK bereits serienreif, wenn auch unspektakulärer als etwa das Zukunftsprojekt Brennstoffzelle. Alba-Fan Geißler hält es mit den Basketballern: Da gewinnt auch nicht unbedingt der mit den spektakulärsten Korbwürfen, sondern der, der die Abpraller verwandelt.

KWKK – das zweite K steht für Kälte, die sich aus der bei der Stromproduktion entstehenden Wärme gewinnen lässt – ist die Zukunft für Energieeffizienz in der Innenstadt. Und die bessere Alternative zu Strom fressenden Klimaanlagen.

Michael Geißler,

Energieagentur Berlin

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