Zeitung Heute : Großbayerische Imperialisten

Hatten sie einen Anschlag auf ein jüdisches Kulturzentrum geplant? Vier Neonazis in München vor Gericht

Frank Jansen[München]

Unter klobigen, lindgrünen Betonklötzen sitzen im Saal 101 zwei Reihen schwarzer Männer. Vorne sind die Angeklagten platziert. Martin Wiese, einst Anführer der Münchner Neonazi-Kameradschaft „Aktionsbüro Süd“, sitzt rechts außen und präsentiert einen wuchtigen Kahlschädel. Wiese verschränkt die Arme über dem schwarzen Hemd und kneift die Augen zusammen. Neben ihm starrt der hagere Alexander M. ins Leere. Das Kurzhaar ist straff nach hinten gekämmt, Hemd und Pullunder sind dunkelgrau. Dann kommt Karl-Heinz St., ein kleiner Skinhead im kurzärmeligen, blauen Poloshirt. Die Strahler zwischen den Betonblöcken bringen seine Glatze zum Glänzen.

Der Letzte vorne links ist David Sch. Sein Haar ist gegelt, exakt gekämmt und gescheitelt. Auch er trägt Schwarz. Und schwarz geht’s weiter. Hinter die Angeklagten haben sich acht hünenhafte Polizisten gesetzt. Alle tragen einen schwarzen Kampfdress. Ein groteskes Szenario: zwei Reihen martialische Männer und dieser lindgrün angepinselte, nahezu fensterlose Gerichtsbunker. Im Münchner Justizpalast hat vor dem Staatsschutzsenat des Bayerischen Obersten Landesgerichts der zweite Prozess gegen terrorverdächtige Neonazis begonnen.

Die Anklage der Bundesanwaltschaft scheint noch aus dem ersten, Anfang Oktober auch im Saal 101 gestarteten Prozess gegen drei weibliche und zwei männliche Kumpane der vier Männer nachzuhallen. Seit dem Frühjahr 2003 habe die selbst ernannte „Schutzgruppe“ innerhalb der Münchner Kameradschaft „Aktionsbüro Süd“ die Beseitigung der demokratischen Grundordnung zu Gunsten eines nationalsozialistisch geprägten Herrschaftssystems angestrebt, trägt Bundesanwalt Bernd Steudl auch diesmal vor. Die Gruppe habe sich Sprengstoff beschafft. Er sollte, sagt Steudl, bei einem Anschlag auf die Grundsteinlegung für das jüdische Kulturzentrum in München eingesetzt werden. Die Zeremonie fand am 9. November 2003 statt, dem 65. Jahrestag der Reichspogromnacht. An der Feier nahmen der damalige Bundespräsident Johannes Rau und weitere Prominente teil. Was der Bundesanwalt nur andeutet: Ein Anschlag auf Rau und die anderen Gäste an einem jüdisch geprägten Ort und dann noch an einem 9. November hätte der Bundesrepublik den nahezu größtmöglichen Schock zugefügt.

Martin Wiese will am Mittwoch weder dazu noch überhaupt etwas sagen. Doch sein Stellvertreter sagt aus. Er habe sich im Herbst 2002 der Kameradschaft angeschlossen, weil ihn das ordentliche Auftreten der Mitglieder „ebend doch überzeugt hat“, nuschelt Alexander M. Das „Ebend“ ist ein Hinweis auf M.s Herkunft. Der 28-jährige Zimmerer stammt aus dem brandenburgischen Luckenwalde. Auch Wiese und David Sch. sind in Ostdeutschland aufgewachsen.

Wie die „Schutzgruppe“ gedacht und was sie geplant habe, will der Vorsitzende Richter Bernd von Heintschel-Heinegg wissen. Alexander M. druckst herum, „es wurde geredet, ein großbayerisches Imperium zu schaffen“. Und auch, dass „man ’ne Handgranate reinschmeißen könnte“. Gemeint ist die Baustelle des jüdischen Kulturzentrums. Aber eigentlich, sagt M., habe die Gruppe gar nicht gewusst, was sie mit dem Sprengstoff anfangen sollte, der im Mai 2003 in Brandenburg besorgt worden war.

Der Richter bohrt. Er konfrontiert M. mit dessen detaillierten Aussagen vom September 2003. Der Angeklagte windet sich. Hat er Angst vor den mitangeklagten „Kameraden“? Vor den grinsenden Neonazis im Publikum? Will M. vermeiden, aus seinem „ordentlichen“ Milieu verstoßen zu werden? Nur mühsam gibt M. preis, wie er im Frühjahr 2003 zweimal mit Wiese nach Brandenburg fuhr, um Waffen und Sprengstoff zu beschaffen. Beim ersten Mal kaufte Wiese sechs Pistolen. Alexander M. nennt ein brisantes Detail: Ein französischer V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes war dabei. „Der Didier“, wie Alexander M. sagt, habe auf der Rückfahrt nach München empfohlen, im Falle einer Polizeikontrolle die Beamten „umzuhauen“.

Bei der zweiten Tour setzte sich M. noch größeren Gefahren aus. Zusammen mit zwei Brandenburgern machte er einen Abstecher nach Polen und hat dort Panzerminen „freigescharrt“. Dass einem der Brandenburger seit einer Explosion die linke Hand fehlte, schien M. nicht zu stören. „Ich dachte, wenn die noch leben, müssen die sich auskennen.“ Der Richter bescheinigt M. süffisant „großes Gottvertrauen“, auch wenn sich die Minen später als Attrappen entpuppten. Gequält gibt M. dann noch zu, sie hätten auch den Kopf einer Panzerfaust aufgesägt. Schließlich brachte die Gruppe den Sprengstoff, etwa 1,7 Kilo, und die Minenattrappen in einer Reisetasche mit der Bahn nach München. Wie ganz normales Gepäck.

Die Mitangeklagten hören reglos zu, ihre Arme bleiben verschränkt. Als seien sie zugeschlossen.

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