Zeitung Heute : „Großbildleinwand? Niemals!“

In seiner Jugend zog der Autor als Mitglied einer Tanzkapelle durch die deutsche Provinz. Heute meidet Heinz Strunk überfüllte Festzelte und Fanmeilen. Er sitzt lieber zu Hause auf seinem Nubuk-Leder-Sofa

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Heinz Strunk, 44, verweigerte sich bis vor kurzem der WM. Der Hamburger Autor („Fleisch ist mein Gemüse“, mehr im Internet unter www.heinzstrunk.de) tourt derzeit mit Charlotte Roche und der Lesung „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“, einer Doktorarbeit, durch Deutschland. Für Strunk hat das Turnier jetzt erst begonnen – zumindest ein bisschen.

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Herr Strunk, wo haben Sie am Samstag das Spiel Deutschland gegen Schweden gesehen?

In einem Oma-Hotel, in Niendorf an der Ostsee. Davor beim Spiel gegen Ekuador habe ich mich in Hamburg ans Wasser gesetzt. Dieses Spiel hatte nichts zu bedeuten. Da fand ich das Wetter einfach zu schön.

Heinz Strunk, der genervte Fußballmuffel.

Ich bin ja gar nicht gegen die WM, schaue mir schon Spiele an. Aber es muss um was gehen, wie jetzt mit dem Achtelfinale.

Hauen Sie sich dann auch wenigstens mal mit Bier und Gyros vor den Fernseher? Gyros ist Ihr Lieblingsessen, wenn wir Ihrem Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ Glauben schenken dürfen.

Das sind Geschichten aus meiner Jugend, als ich als Tanzmusiker durch die Provinz tingeln musste. Eben pflege ich kein Gyros zu mir zu nehmen. Ich faste seit über drei Wochen. Bei Filmarbeiten vorher bin ich meines Erachtens ziemlich fett geworden.

Fernsehen, Fußball und Fasten – das geht?

Klar, ich sitze auf meinem orangefarbenem Nubuk-Leder-Sofa und trage Puschen an den Füßen. Manchmal habe ein Gläschen Champagner in der Hand.

Alle reden bei dieser WM von Public Viewing. Das wäre doch was: Heinz Strunk, der Anzugträger, im Adidas-Shirt und kurzen Hosen zusammen mit 50 000 Menschen auf der Fanmeile.

Niemand würde mich auf einen öffentlichen Platz kriegen, wo so eine Großbildleinwand steht. Die Idee von Großveranstaltungen ist mir grundsätzlich suspekt. Für manche ist es offenbar erstrebenswert, ihre Individualität im Phänomen Masse aufzugeben. Ich war mit meinen Freunden von „Studio Braun“ einmal bei „Rock am Ring“. Es war unfassbar! Außerdem stört mich der zur Schau getragene Patriotismus rund um die Länderspiele, wenn das so langsam übergeht in ein Die-Deutschen-sind-die-Größten-Gefühl, wie 1990. Aber im Moment scheint das alles ja gar nicht so unangenehm zu sein. Sondern einfach nur fröhlich.

Sie müssen sich in diesen Tagen sehr einsam fühlen. Wer mit Fußball so gar nicht zu begeistern ist …

… das stimmt ja nicht ganz. In jungen Jahren habe ich selber Fußball gespielt, Leistungsklasse, beim FC St. Pauli. Fast wäre ich sogar Berufsfußballer geworden. Dann habe ich mich aber für die Musik entschieden, was, glaube ich, sinnvoll gewesen ist.

Mit den Radio-Comedians Grissemann und Stermann haben Sie gerade in Österreich einen Film abgedreht. Ziehen Sie die beiden manchmal auf, weil Österreich sich nicht für die WM qualifiziert hat?

Nein. Sagen Sie, haben Sie eigentlich auch noch andere Fragen außer Fußball?

Das Gespräch führten Jeannette Krauth und Markus Ehrenberg.

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