Zeitung Heute : Großbritannien: Das Doppelleben des Mr. Blair

Matthias Thibaut

Nur einmal an diesem Tag hört Tony Blair zu lächeln auf. "Dies ist eine Wahl, bei der viel auf dem Spiel steht", sagt er und macht eine der kleinen Kunstpausen, mit denen seine Rede gespickt ist. Wir schauen etwas ungläubig. Liegt Labour bei den Meinungsumfragen nicht uneinholbar vor allen anderen? Aber Blair legt los, als stünde sein Lebenswerk auf dem Spiel. "Die Alternative, die wir hier haben, ist fundamental."

Er hat nun eine Hand in die Hüfte gestemmt, zieht mit der anderen das Mikrofon näher heran, und auch die paar Dutzend Labour-Anhänger in der überhitzten Turnhalle und die mindestens doppelte Zahl von Journalisten mit ihren Kameras, Scheinwerfern und Mikrofonen lehnt sich ein bisschen aufmerksamer nach vorn. Aber dann erläutert Blair gar nicht die Alternative, sondern verspricht, dass wir alles haben können. "Man muss nicht zwischen wirtschaftlichem Erfolg und sozialer Gerechtigkeit wählen. Eines ist vom anderen abhängig."

Blairs Stirn ist sorgenvoll gefurcht, aber die Augen leuchten. Sie sehen durch den Ölanstrich und die alte Backsteinmauer der kleinen Dorfschule hindurch, über die niedrigen Bungalows des Dörfchens Trimdon Grange hinweg, über die grünen Wiesen seines Wahlkreises Sedgefield und über Nordostengland weit hinaus in die Zukunft der neuen Labourgesellschaft, an der er baut: Gerechtigkeit, Chancengleichheit, aber auch individuelle Entfaltungsmöglichkeiten, Lohn für gute Leistung. "Es geht nicht um Politik und Wahlprogramme. Es geht um Werte", sagt er. "Wir haben noch nicht alles geschafft. Aber wir haben eine Menge guter Veränderungen gebracht. Das ist es, weshalb ich in der Politik bin." Tosender Beifall.

Eine viel zu große Rede

Eigentlich war es eine viel zu große und bedeutende Rede für eine so kleine Turnhalle. Fast etwas betreten sehen wir uns an. Auch Blair selbst, der nun wieder sein immer etwas verlegenes Bubenlächeln lächelt. Aber jeder weiß, dass er hier ja eigentlich nicht für die Labourfreunde in Sedgefield gesprochen hat, sondern für die Kameras und die Fernsehapparate im Land. Und so nahtlos, wie in seiner Politik die Beschwörung der fernen Ziele und ihre übervorsichtige praktische Verwirklichung beieinander wohnen, so nahtlos findet er vom hohen Stil des Überzeugungspolitikers wieder zurück zur Rolle des leutseligen Kumpels aus der Nachbarschaft. "Er ist eben ein Schauspieler", sagt der Kollege von der Presseagentur.

Wie ein Schauspieler hat er sich für den Auftritt auch extra umgezogen. Die Labour Party von Trimdon Grange hat ihrem Wahlkreisabgeordneten ein kleines Fest bereitet. Sonne, Luftballons, Kinder in schmucken Fußballtrikots. Also hat Blair den Schlips und Anzug vom Vormittag abgelegt. Jetzt trägt er Jeans, offenes Hemd, Windjacke und blaue Wildlederschuhe, mit denen er den Fußballbuben ein paar Bälle zukickt. Nun gehört er wieder ganz dazu. Grauhaarige Damen verteilen süße Mince Pies und Gebäck. Dies ist England, wie es im Bilderbuch steht.

An einem Stand wählt Blair den vorbereiteten Anstecker: "I love Cherie." Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Jede Foto-Opportunity wird bis ins letzte Detail geplant. Nur eine kleine Gruppe von Anhängern der "UK Independent Party" stört. "Wir sind die wirklichen Leute, Tony. Hier, auf dieser Seite des Zauns", rufen sie herüber. "Wir haben da ein paar Fragen. Was werden Sie mit dem Pfund machen, Tony?" Schnell eilen die Labour-Helfer mit ihren gelben "Vote Labour"-Plakaten herbei, um die "Keep the Pound"-Banner vor den Fernsehkameras zu verdecken.

Am Morgen war der Labour-Tross in drei Bussen angefahren. "Strong Leadership", steht auf dem ersten, in dem die Parteihelfer fahren. "Strong Economy" steht auf dem Bus der Journalisten, in "Strong Britain" fahren die Fotografen. So ist Labours Wahlkampfstrategie auf den Nenner gebracht.

In "Strong Economy" wird Bingo gespielt. Aus einem Topf ziehen wir Journalisten kleine Zettelchen mit den Versatzstücken von Blairs Wahlkampfreden. "Ich glaube daran, dass die Politik etwas verändern kann." "Regieren ist besser als Opposition." "Kein Zynismus." Für einen Einsatz von einem Pfund erhält man drei Zettel. Kommen alle Phrasen in der nächsten Rede vor, hat man gewonnen und bekommt die Spielkasse.

"Engagement, nicht Isolation" war eines der Schlagworte, das an diesem Tage drankam. Nun geht es um Europa. William Hage, der Oppositionschef, sei ja geradezu besessen von diesem Euro, sagt Blair. Doch seine Europapolitik schade Großbritannien. "Ich bin besessen von der Wirtschaft, von Schulen und Krankenhäusern. Das ist es, worum es bei der Wahl geht. Die andere Frage kommt zu einem späteren Zeitpunkt." Und dann noch einmal das Zettelchen, das in vielen Variationen in der Kiste liegt: "Es gibt eine fantastische Menge zu tun."

Immer wieder kommt Blair darauf zu sprechen, wie viel noch geleistet werden muss. Ständig muss er die Höhe der Reformansprüche, die übergroßen Erwartungen, an denen seine Regierung seit vier Jahren wie eine schwere Last trägt, mit der nicht ganz so umwerfenden Realität des britischen Alltags vermitteln. Die zweite Amtszeit ist so gut wie in der Tasche. Aber von Gelassenheit, Siegesbewusstsein, gar überlegener Würde keine Spur, auch wenn sich nun ein Hauch von Grau auf das Haupt des Leaders gelegt hat. Stattdessen spielt Blair eine ewige Doppelrolle - er ist Visionär und politischer Pragmatiker, kühn beschreibt er die großen Umwälzungen der Gesellschaft, und ist als Macher doch ständig in der Defensive.

Morgens, im "Teesside Play and Education Centre" in Middlesborough, waren die Kameras in einer Lagerhalle mitten im Industriegebiet aufgebaut. Fernab des wirklichen Lebens sah die Halle an diesem Morgen wie ein Filmstudio aus. Mit Zuschüssen der Labourregierung wird hier Recyclingmaterial gesammelt und von Kindern künstlerisch verarbeitet. "Der Premierminister wird das Lagerhaus besichtigen und sich ansehen, was die Kinder aus den Materialien wie Plastik, Stoffresten, Fliesen und Schaumstoffabfällen machen", stand in der vorab verteilten Presseerläuterung.

Während Blair dann vor laufenden Kameras Glasperlen auf ein Pappdeckelherz streute, konnte man in der Pressemitteilung die Erfolge des Muster-Labourwahlkreises Middlesborough nachlesen - in all der buchhalterischen Genauigkeit, die Blairs Schatzkanzler Gordon Brown zu einem Markenzeichen von New Labour machte: 1027 mehr Grundschulkinder in Klassen mit weniger als 30 Kindern als 1997, zehn Prozent mehr Kinder, die den vorgeschriebenen Lesestandard erreichen, 300 Lehrer und 352 Krankenschwestern mehr und auf der Warteliste der lokalen Gesundheitsbehörde nur noch 10 907 Patienten - 1997 waren es 13 299. Es ist, als müsste die Labourpartei nicht nur den Wählern, sondern auch sich selbst vor Augen führen, dass man doch einiges geschafft hat. Wenn man es im Lebensalltag nicht so recht merkt, dann wenigstens auf dem Papier.

Enttäuschte Journalisten

Tony Blair würde das als Zynismus zurückweisen. Am Vormittag im Flugzeug von London gab er dem "Guardian" ein Interview. Ob es ihn schmerze, dass so viel Kritik an den Zuständen im Land kommt, auch aus dem Ausland, wird er gefragt. Ob Labour nicht mehr hätte tun müssen, mehr investieren in die Infrastruktur? Das brauche Zeit, antwortet Blair. Man könne nicht Geld investieren, das man nicht habe. Die "Guardian"-Journalisten, die sich von einem glanzvoll wieder gewählten Blair mehr Radikalität, mehr soziale Umverteilung erhoffen, sind sichtlich enttäuscht. "Mit jedem Wort", schreiben sie am nächsten Tag in der Zeitung, "schlägt Blair die Vorstellung auf den Kopf, es könne in einer zweiten Amtszeit eine radikale Richtungsänderung geben."

Wer ist Blair nun wirklich? Beim Rückflug kommt er ein paar Minuten zum Smalltalk in die Journalistenkabine. Noch einmal beweist er sich und uns, dass er ein ganz normaler Mensch ist. Ein liebenswerter Manager seines Landes, der abends nach Hause geht und mit den Kindern die Simpsons guckt. Die Fernsehkameras sind abgestellt. Aber natürlich weiß er, dass wir alle eins ganz genau wissen: Auch dies ist ein Stück politischer Schauspielerkunst. "Aber", sagt der Kollege von der Presseagentur, "die Leute glauben auch, dass er im Grund meint, was er sagt."

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