Großbritannien in der Krise : Wie schlimm steht es um das Vereinigte Königreich?

Historischer Verlust bei der Royal Bank of Scotland, Milliardenschulden bei Staat und Bürgern. Wie sehr leidet das Königreich unter der Finanz- und Wirtschaftskrise?

Matthias Thibaut[London]

Die Briten sollten die Reißleine ziehen, forderte der wegen seines Pessimismus oft argwöhnisch betrachtete Wirtschaftsprofessor David Blanchflower, Mitglied des britischen Zentralbankrats, angesichts des dramatischen Konjunktureinbruchs. Sogar Schulminister Ed Balls, einer der engsten Vertrauten von Premierminister Gordon Brown, gibt zu: „Es ist die schlimmste Wirtschaftskrise seit über 100 Jahren.“ Blanchflower rät zu einem Konjunkturpaket à la US-Präsident Barack Obama. Viel Geld so schnell wie möglich in die Wirtschaft schaufeln. Der Professor empfiehlt 90 Milliarden Pfund. 750 000 Arbeitsplätze sind nötig, damit die Arbeitslosigkeit nicht die Drei-Millionen-Grenze überschreitet. Lange als postindustrielle Vorbildökonomie herausgestellt, die auf Finanzmarkt und Dienstleistungen setzte, ist Großbritannien neben Irland von der Krise geschüttelt wie kein anderes großes europäisches Land. Die Industrieproduktion ging um 5,1 Prozent zurück, so viel wie nie seit 1974, als Großbritannien von der OECD als „Land der Dritten Welt“ eingestuft wurde. Die Wirtschaft wird laut Experten 2009 um mindestens 3,3 Prozent schrumpfen.


Wer ist schuld am Ausmaß der Krise?

Ein Hauptgrund dafür, warum die Briten so hart von der Krise getroffen werden, ist die große Abhängigkeit der britischen Wirtschaft vom Finanzmarkt. Jüngstes Beispiel ist die Royal Bank of Scotland (RBS) mit Sitz in Edingburgh. Sie gab gestern den größten Verlust der britischen Unternehmensgeschichte bekannt – 24,1 Milliarden Pfund (rund 28 Milliarden Euro). Durch Übernahmen und gewagte Deals hatte sich RBS zu einer der größten Banken aufgebläht. Nun ist vieles davon Bilanzgift und gehört dem Steuerzahler, der seinen Anteil an der Pleitebank gestern mit einer weiteren Kapitalspritze von 13 Milliarden Pfund auf 84 Prozent erhöhte. Symptomatisch war, dass sich die Diskussion auf die Betriebsrente des ehemaligen RBS-Chefs Sir Fred Goodwin konzentrierte, der zurückgetreten ist. Der 50-Jährige bezieht bis zu seinem Lebensende eine Jahrespension von 650 000 Pfund. William Buiter, Professor an der London School of Economics und ehemaliges Mitglied des Zentralbankrats, rechnet vor, dass britische Banken Ende 2007 sechs Billionen Pfund in ihren Bilanzen hatten – 450 Prozent der jährlichen britischen Wirtschaftsleistung. Die Finanzindustrie war der Motor der britischen Wirtschaft. Bis zu sechs Millionen Menschen arbeiteten landesweit in dem Sektor. Mit den Steuereinnahmen finanzierte die Labourregierung Krankenhäuser, Schulen und Jobs vor allem im strukturschwachen Norden. Doch die Finanzmanager in der Londoner City, dem wichtigsten europäischen Finanzplatz, haben die Risiken schlecht eingeschätzt. Nun muss der Staat durch Bankgarantien und Sonderbürgschaften die Verantwortung übernehmen. „Solange wir die Banken nicht reparieren, werden wir auch den Rest der Wirtschaft nicht reparieren“, sagte Schatzkanzler Alistair Darling gestern.


Was bedeutet das für die Staatsfinanzen?

Die Bürgschaften belaufen sich mittlerweile auf über eine Billion Pfund. Wie viel Geld davon tatsächlich ausgegeben werden muss, ist noch unklar. Laut Buiter kosten Garantien für marode Bankbilanzen den Steuerzahler aber mindestens 300 Milliarden Pfund – rund 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Eigentlich haben die Briten dafür kein Geld. Wie die Banken lebte auch der Staat über seine Verhältnisse, und angeregt von der Preisblase der Immobilien folgten die Privathaushalte. In elf Jahren Labour erhöhte sich ihre Schuldenlast von 500 Milliarden auf 1,4 Billionen Pfund. Das Haushaltsdefizit wird auf elf Prozent und die Gesamtverschuldung auf rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anschwellen. Nun hat diese Überschuldung das Pfund Sterling entwertet – um 25 Prozent. Möglicherweise braucht das Land wieder, wie 1976, einen Notkredit vom Internationalen Währungsfonds, weil niemand mehr britische Staatsanleihen kaufen will.


Arbeiter fordern „british jobs for british workers“. Droht eine Rassismuswelle?

Großbritannien war das Vorzeigeland der globalen, offenen Wirtschaft. 1,7 Millionen ausländische Arbeiter kamen in den vergangenen zehn Jahren auf die Insel – und nutzten Großbritanniens schwach regulierten Arbeitsmarkt. Aber diese Immigrationswelle ging zulasten des Lohnniveaus. Litauische Arbeiter bauen für Tagelöhne unter 80 Euro an Londons Stadion für die Olympischen Sommerspiele 2012. Während 2008 die Zahl der Jobs und der ausländischen Arbeiter noch einmal zunahm, ging die Zahl britischer Beschäftigter um mehr als 200 000 zurück. Arbeiter demonstrierten gegen die Vergabe von Jobs an ausländische Firmen und „Lohndumping“. Die Gewerkschaften haben die Proteste zurückgenommen und betonen, dass es ihnen um Arbeitsrechte, nicht Ausländerhass geht. Wirkliche Großdemonstrationen wie in Frankreich gab es bisher nicht, aber die Nationalistenpartei BNP kann auf Erfolge bei der Europawahl im Juni hoffen.


Und die Folgen für die Politik?

Immerhin gibt es einen Sündenbock für die Krise. Gordon Brown war zehn Jahre lang Schatzkanzler und ließ sich als Architekt des britischen Wirtschaftswunders feiern. Er behauptete immer wieder, er habe den Wirtschaftszyklus von Boom und „Bust“ abgeschafft. Aber er schwächte das Regulierungssystem, weil er der Bank von England zwar die unabhängige Verantwortung für die Geldpolitik gab, ihr aber Kompetenzen bei der Bankenaufsicht nahm. Alle Umfragen zeigen, dass Labour die nächste Wahl, die spätestens 2010 stattfinden muss, verlieren wird. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Brown selbst noch einmal antritt. Doch auch die Tories haben kein klares Rezept. Sie fordern nur vage, dass Großbritannien neu „ausgewuchtet“ werden müsse. Konkret heißt das: Immigration bremsen und den aufgeblähten staatlichen Dienstleistungsapparat abbauen.

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